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DIE SCHACHMETHODE
VON JESPER HALL
Manchmal stoße
ich in seltenen Momenten auf Ideen, die so selbstverständlich wirken,
dass ich mich verblüfft frage, warum noch niemand früher darauf
gekommen ist. Meist sind dies Erläuterungen komplexer Situationen,
in denen die Idee zum Faden wird, der durch das Chaos führt. Nach
meiner Erfahrung muss man wirklich wissen, wovon man spricht, um etwas
klar auf den Punkt zu bringen, ohne Wesentliches auszusparen.
Nach dem Lesen der Schachmethode von Iossif Dorfman wage ich zu behaupten:
dies Buch besitzt solche Vorzüge.
Als Spieler bewegte sich der Russe Dorfman früher vom Niveau her
knapp unterhalb der absoluten Weltspitze, aber dann konzentrierte er sich
auf eine Arbeit als Trainer. Nachdem er zunächst als Sekundant von
Kasparow Karriere gemacht hatte, ging er nach Frankreich, um dort ein
zehn Jahre junges Talent, Etienne Bacrot, unter seine Fittiche zu nehmen.
Das von Dorfman jetzt veröffentlichte Buch verrät die Methode,
mit der Bacrot von einem Wunderkind zu einem Weltklassespieler wurde.
Dorfmans gesamtes System beruht auf kritischen Stellungen. Eine kritische
Stellung ist eine Stellung, in der ein Abtausch bedacht, eine Änderung
in der Bauernstruktur erwogen oder das Endresultat nach einer Reihe von
erzwungenen Zügen beurteilt werden muss. Tatsächlich misst Dorfman
kritischen Stellungen so viel Gewicht bei, dass er ein spezielles Zeichen
für sie entwickelt hat. Auch ich hielt das Erkennen und die gründliche
Beschäftigung mit kritischen Stellungen stets für einen Schlüsselfaktor
der schachlichen Entwicklung. Deshalb markiere ich solche Momente schon
seit langer Zeit auf meinen Partieformularen und ich glaube, es ist eine
gute Idee, Dorfmans Zeichen zum Standard werden zu lassen. Denn in den
kritischen Stellungen trennt sich die Spreu vom Weizen. Ein Großmeister
und ein Spieler mit einer Wertungszahl von, sagen wir einmal 1800, werden
in ungefähr 75% aller Fälle den gleichen Zug machen, aber in
den kritischen Stellungen treffen sie eine andere Wahl. Und genau hier
werden die Partien entschieden.
Nach dem Erkennen der kritischen Stellung ist es wichtig, sie mit Hilfe
einer gut funktionierenden Methode analysieren zu können. Dorfman
bietet hier kein wirklich revolutionäres Konzept, sondern verfeinert
vor allem die Ideen früherer Theoretiker und erleichtert deren praktische
Umsetzung. Um eine kritische Stellung zu beurteilen, beginnen Sie mit
dem Erstellen einer statischen Bilanz. Dies geschieht durch eine regressive
Skala statischer Faktoren, die nach ihrer Wertigkeit geordnet sind.
A) Hat eine der
beiden Parteien eine geschwächte Königsstellung?
B) Wie ist
das materielle Kräfteverhältnis?
C) Wer besitzt die bessere Stellung nach dem Damentausch?
D) Wer hat die bessere Bauernstruktur?
Nach dem Erstellen
einer statischen Bilanz geht man zu dynamischen Faktoren wie Entwicklungsvorsprung,
Initiative und den besser koordinierten Figuren über. Durch die getrennte
Betrachtung von statischen und dynamischen Faktoren lässt sich die
Arbeit gut Schritt für Schritt erledigen und damit bekommt man das
Chaos auf dem Brett besser in den Griff. Außerdem liefert Dorfmans
Methode Hinweise für zukünftige Pläne: Sind sie statisch
im Vorteil, suchen Sie nach einer Fortsetzung ohne dynamische Faktoren,
während man mit statischen Schwächen nach dynamischer Kompensation
Ausschau halten muss. Alles in allem eine einfache und logische Methode,
die in der praktischen Partie eine gute Orientierung verschafft.
Dorfmans Buch gliedert
sich in eine theoretische Erläuterung und eine praktische Veranschaulichung
auf der Basis von Dorfmans eigenen Partien. Die Partiekommentare konzentrieren
sich auf die kritischen Stellungen und ergänzen so den theoretischen
Teil. Wirklich gut gefallen haben mir die "Regeln": kurze Sätze,
in denen Dorfman stets das Wesen typischer Stellungen hervorheben möchte.
Ich glaube, durch die Arbeit an dem präzisen Formulieren solcher
Sätze können Schachspieler Gebrauch von ihrem Wissen machen.
Hier ein Beispiel, in dem Dorfman selbst einen solch hilfreichen Rat erinnert.
DORFMAN - SKROBEK
WARSCHAU 1983

Weiß zieht
Dorfman schreibt in
seinen Kommentaren zum letzten schwarzen Zug 35...Ke7: "Der schweigende
Vorschlag, die Partie fortzusetzen - als Damespiel. Ernst gemeint, könnte
man sich an Bronstein erinnern: 'Die Schwäche der weißen Felder
ist die Schwäche der Figuren und Bauern, die auf den schwarzen Feldern
stehen.' (Kandidatenturnier, Zürich 1953)"
Mit dieser Unterstützung konnte Dorfman die Partie schnell zu Ende
führen. 1.Se4 Sd5 2.Sg3 Sc7+ 3.Kc4 Kd7 4.La4 Ke6 5.Sf5 Se8 6.Ta6
1-0
Allem Lob zum Trotz
weckte das Buch doch von Anfang an eine Abneigung in mir. Ein Blick auf
den Einband verrät mir auch warum: Dort steht: "Die Schachmethode.
Von dem berühmten Trainer Iossif Dorfman." Schach ist ein sehr
vielschichtiges Spiel und mir erscheint es logisch, dass es mehr als einen
Weg gibt, sich dem Spiel zu nähern. Und natürlich ist Dorfman
ein berühmter Trainer, aber warum muss man das gleich zu Beginn heraus
posaunen? Mag dies vielleicht noch ein Verkaufstrick des Verlags gewesen
sein, so zieht sich diese Haltung leider bleischwer durch das gesamte
Buch. Dorfman führt 96 eigene Gewinnpartien, zehn Remis und nur einen
einzigen Verlust gegen Karpow vor. Obwohl sich Autoren gerne von ihrer
besten Seite zeigen, wird dies bei diesem Thema zu einem wirklichen Problem.
Vor allem glaube ich, dass man den größten Nutzen aus der Analyse
der kritischen Stellungen seiner Verlustpartien zieht, da dort offensichtlich
Schwächen sind, die man verbessern sollte. Aber Dorfmans Partienauswahl
suggeriert das genaue Gegenteil. Zweitens frage ich mich, ob die Methode
irgendeinen Nachteil hat, den Dorfman uns verheimlichen möchte. Ist
die Methode etwa für einen Spieler ungeeignet, der eine statisch
schlechtere Stellung ohne jeden dynamischen Vorteil gerne verteidigt,
weil er im Vertrauen auf seine Technik sicher ist, ohnehin Remis erreichen
zu können? Oder begegnen wir hier einem häufig auftauchenden
Problem, das eine von Mark Dworetzki erzählte Geschichte illustriert:
Der sowjetische Schachverband lud die Trainer des Landes einmal zu einem
Treffen ein, um weitere Trainingsmaßnahmen zu erörtern und
Ideen sowie Möglichkeiten zur zukünftigen Zusammenarbeit zu
besprechen. Der Verband erhielt von allen Trainern mehr oder weniger die
gleiche Antwort: "Ja, ich komme gern, aber nur als Leiter der Veranstaltung,
da ich bereits der beste Trainer der Welt bin."
Bescheidenheit war
noch nie das hervorstechendste Charaktermerkmal von Schachspielern. Aber
ein Trainer kann es sich nicht leisten, zu Möglichkeiten der Entwicklung
und Verbesserung "Nein" zu sagen. Und es ist fraglich, ob es
sich ein Autor leisten kann, einen Mangel an Einsicht in sich selbst zu
zeigen, der in den Lesern eine Abneigung gegen ein alles in allem ausgezeichnetes
Buch weckt.
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