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DEIN SCHACHMANTRA
AM KÜHLSCHRANK
VON STEFAN LÖFFLER
Ernähr dich richtig,
wenn du eine Turnierpartie spielst: Ein Liter Wasser, ein fettfreier Sandwich,
am besten Bananen. Wenn du nach einer Niederlage von negativen Gedanken
heimgesucht wirst, geh ins Kino. Haben wir je solche Tipps in einem Schachbuch
gelesen?
Als Jacob Aagard begann,
über dieses Buch nachzudenken, sprühte der dänische Internationale
Meister vor Ehrgeiz und Selbstbewusstsein. Als es geschrieben war, hatte
er eine Rockband gegründet, James Ellroy gelesen, von einem Freund
die Grundzüge Neuro-Linguistischen Programmierens gelernt, und Großmeister
werden war nicht mehr so wichtig. Statt besser zu werden, hat er ein Buch
geschrieben darüber, wie man im Schach besser wird. Vorher hat er
sich das wahrscheinlich anders ausgemalt.
Aagard hat einige
(meist wohlbekannte) Spitzenpartien analysiert und daraus Schlüsse
gezogen: Dass überlegenes Positionsverständnis der entscheidende
Faktor ist. Dass Rechnen kompensiert, aber nicht völlig. Darum hat
Schirow, der ultimative Rechner, so eine schlechte Bilanz gegen Kasparow.
Der fühlt die Dynamik der Position wie kein Zweiter. Adams ist einer,
der wenig sieht, aber dafür das Richtige und Wichtige. Andersson
ist in Wahrheit ein großer Taktiker, der die Gefahr lange vor dem
Gegner spürt und umgeht (oft zum Remis), aber wehe, es gibt ein Endspiel.
Das gewinnt der Schwede, ohne auf Gewinn zu spielen, indem er einfach
nur normal gute Züge macht. Salow ist auch so ein Fall. Jeden einzelnen
von Salows Zügen könne er auch finden, schreibt Aagard, aber
eben nicht alle.
Im längsten Kapitel
des Buches liefert er sich ein Scheingefecht mit John Watson. Der hatte
in seinem Buch Secrets of Modern Chess Strategy (Gambit 1999) gezeigt,
wie undogmatisch das moderne Schach ist, wie das Erkennen der Ausnahmen
wichtiger geworden ist als das Befolgen von Regeln. Aagard widerspricht:
Regeln sind wichtig. Nicht alle immer zugleich, schränkt er ein.
Später sind Regeln dann nur noch hilfreich, wenn man sie einsetzt,
ohne dogmatisch zu sein, und der Widerspruch schmilzt dahin.
Überhaupt kommentiert
Aagard reichlich die besseren Neuerscheinungen der letzten Jahre, ähnlich
wie sich ein Sozialwissenschaftler an den Theorien anderer Sozialwissenschaftler
reibt, aber gewöhnlich kein Schachautor. Wer einen Ratgeber für
Fortgeschrittene sucht, ist beispielsweise mit Alex Yermolinskys Road
to Chess Improvement (Gambit 1999), das ebenfalls zitiert wird, besser
bedient. Nach dem analytisch-essayistischen Einstieg steuert Aagard nämlich
in jene Marktlücke, die er im Sektor Schachbuch ausgemacht hat: der
erste moderne Psychoratgeber für Schachspieler ist da.
Excelling at Chess
liest sich durchaus amüsant. Zum Beispiel, dass einige Spieler (die
Russen und Michael Adams) mit ihren Figuren reden: Na, hölzerner
Freund, wo willst Du heute hin? Aagard, 29, bringt einige Voraussetzungen
mit, um lesbar zu schreiben. Er studiert Sprachen, Kommunikation und Semiotik
in Aarhus. Sein Vorwort hat er mit Glasgow, Amsterdam und Kopenhagen addressiert.
Nebenbei ist ein früherer Wohnsitz in Budapest erwähnt. Er zitiert
Songtexte, Psychologie-Literatur und aus Sportsendungen, die er im Fernsehen
gesehen hat. In seinen Partieanalysen empfiehlt er sich als Live-Kommentator:
Jetzt heißt es schwitzen, Anatoli. - (Der Zug ist) Offensichtlich.
Guter Springer, schlechter Läufer. Wie aus dem Lehrbuch. - Betrachten
Sie die weißen Figuren! Brauchen Sie da noch Varianten?
Dahinter stehen auch
zwölf Jahre Erfahrung als Trainer. Aagard lehrt, dass gutes Rechnen
mit einer Vorstellung beginnt, was man sucht. Er nennt es das Weihnachten-Prinzip.
Wünsch dir, wo deine Figuren stehen sollen, fordert er seine Schüler
auf. Manchmal kommt man so auf die richtige Idee. Die Lage zu klären
oder zu forcieren, erkennt er als Zeichen von Schwäche - Spannung
auszuhalten ein Zeichen von Meisterschaft. Richtig, die Russen können
das. So wird man offen für Zwischenzüge, für das Aufschieben
eines Rückschlagens, für den entscheidenden stillen Zug.
Für das Erlernen
einer Eröffnung empfiehlt Aagard den vermeintlich umgekehrten Weg,
nämlich erstmal Endspiele anzuschauen, die sich aus der Variante
ergeben haben. Dann 100 bis 150 Mittelspiele mit der Variante von Topleuten.
Jeder neue Plan, jede neue Idee, der man begegnet, soll man aufschreiben.
Erst dann die Varianten ansehen, wenn man die Eröffnung bereits versteht.
So komme man auch auf natürliche, gute, eigene Züge.
Er empfiehlt, ein
Schachtagebuch zu führen, die Gründe für Niederlagen in
Worte zu fassen. Vielen schieben eine Niederlage auf einen einzelnen Fehler.
In Wahrheit haben sie nach und nach ungenau gespielt, so dass am Ende
ein Fehler genügte, das Spiel zu verlieren. Schluss mit den Entschuldigungen,
fordert Aagard. Die volle Verantwortung übernehmen. Sich fragen,
ob man Angst vor dem Versagen hat. Die Angst vor dem Versagen darf einen
nicht am Brett erwischen. Riskiere, zu siegen!
Willkommen bei deinem persönlichen Motivationsseminar. Schreib deine
Auffassung von Schach und wie du besser werden willst, auf einen Zettel.
Hefte dein persönliches Schach-Mantra an eine geeignete Stelle. Zum
Beispiel an den Kühlschrank, vor dem du es jeden Morgen runterbeten
kannst. Schreib auf, was dir beim Erreichen deiner Ziele helfen und was
dir im Weg stehen wird. Als nächstes schreib auf, wie du die Hindernisse
überwinden kannst. Streich sie eins nach dem anderen durch.
Aagard sieht Parallelen
zwischen Schach und Tennis. Die meisten Ballwechsel sind belanglos, Hauptsache
über das Netz. Nur fünfzehn bis zwanzig Minuten wird während
einem Tennismatch tatsächlich gespielt. Und was machen die Stars
während der Unterbrechungen? Sie ziehen die Bespannung ihres Schlägers
zurecht und reden mit sich selbt. Sie sagen sich, dass sie das Match gewinnen
werden. Den eigenen Schachfrust von der Seele schreibend, fordert Aagard,
von den Tennisstars zu lernen. Sei positiv. Wenn deine Freunde dich wegen
deines Ehrgeizes verspotten (alle Ehrgeizigen werden verspottet), belehr
sie nicht über die Konsequenzen negativen Denkens. Sag den Arschlöchern,
dass du deinen eigenen Weg finden willst.
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