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SCHACHERINNERUNGEN
VON JOHANNES FISCHER
Diese CD präsentiert Ereignisse, Fakten und Daten aus 100 Jahren
Weltgeschichte und 100 Jahren Schachgeschichte sowie 144 historisch bedeutsame
Partien und 95 Kurzbiographien der Schachmeister des letzen Jahrhunderts.
Eigene Erinnerungen werden geweckt und verknüpfen sich mit der Geschichte:
1974: Mein erstes Schachturnier, Weihnachten, in einer Schulschachgruppe
in Hamburg. Ein Blitzturnier, damals noch mit Ansage vom Band: alle fünf
Sekunden ertönte die Stimme des Trainers: "Weiß zieht,
Schwarz zieht", einmal konnte man verweigern, beim zweiten Mal war
die Partie verloren. Kekse gab's umsonst. Ich gewann Rudolf Teschners,
Eine Schule des Schachs in 40 Stunden, mein erstes Schachbuch überhaupt.
Im gleichen Jahr wird Helmut Schmidt, auch Hamburger, auch Schachspieler,
und nicht weit vom meinem Elternhaus entfernt wohnend, Bundeskanzler,
Guillaume als DDR-Spion enttarnt und Tony Miles Jugendweltmeister. Duke
Ellington stirbt und die Bundesrepublik verliert bei der Fußball-WM
0:1 gegen die DDR - ebenfalls in Hamburg.
1983: meine Schulzeit endet mit dem Abitur und ich nehme das erste
und einzige Mal an der Hamburger Meisterschaft teil, die vermeintlichen
Hitlertagebücher werden im Stern veröffentlicht und Hübner
verliert im Kandidatenturnier gegen Smyslow durch eine Roulettetischkugel.
Kasparow wird immer besser. Seine Jugend und seine spektakulären
Partien machen ihn zur neuen Hoffnung im Schach.
1997: Kasparow verliert gegen Deep Blue. Ich bin zur Zeit des Wettkampfs
in München zu Besuch bei meiner Freundin, die dort studierte, und
verfolge die Partien mit Hilfe der Süddeutschen Zeitung. Langweilig,
enttäuschend und am Ende frustrierend und rätselhaft. Heimliche
Freude der Nichtschachspieler, als der Computer gewinnt. Im gleichen Jahr
stirbt Lady Di und Jan Ullrich gewinnt die Tour de France.
Man sucht Konstanten, die den Ereignissen einen Sinn geben: Fischer wird
1943 geboren, Kasparow 1963, Ponomarjow 1983. Wer kommt 2003 zur Welt?
Und dazwischen? 1953 Kandidatenturnier in Zürich, das durch Bronsteins
Buch einen legendären Ruf bekommt, 1973 siegt Spassky, der in der
SU in Ungnade gefallene Ex-Weltmeister, bei einer der stärksten sowjetischen
Meisterschaften aller Zeiten. Zwei Jahre später wird Kramnik geboren
und Karpow erhält den WM-Titel kampflos verliehen.
Von persönlichen Erinnerungen abgesehen, kann man einfach in der
Vergangenheit stöbern. Was passierte zum Beispiel 1900 zu Beginn
des letzten Jahrhunderts? Steinitz stirbt, die Wuppertaler bekommen ihre
Schwebebahn und in Leipzig gründet sich der Deutsche Fußballbund.
Oder 1946, ein Jahr nach Ende des 2. Weltkriegs? Aljechin stirbt in Portugal
und die Sowjetunion übernimmt die Führung im Weltschach durch
Botwinniks Sieg in Groningen und einen klaren Erfolg im Länderkampf
gegen die USA.
Die Kurzbiographien lassen die Schachmeister des vergangenen Jahrhunderts
noch einmal Revue passieren. Anderssen und Morphy fallen zwar aus dem
Raster der einhundert Jahre, sind aber der Vollständigkeit halber
dabei. Ohnehin dokumentiert die CD mehr als 100 Jahre und erstreckt sich
von 1894 (Lasker wird Weltmeister) bis 1999 (Kasparows phantastischer
Sieg gegen Topalow).
Im Leben der Schachspieler spiegelt sich die Zeit: Rudolf Charousek, ein
begabter Spieler, dessen Namen heute kaum noch jemand kennt, stirbt 1900
mit 27 Jahren an Lungentuberkulose. Als Jugendlicher entdeckt er das Schach,
und da er kein Geld hat, um sich Schachliteratur zu kaufen, leiht er sich
die damalige Eröffnungsbibel, den Bilguer, und schreibt ihn zu weiten
Teilen ab. Schlechter stirbt an Unterernährung, Pillsbury an Syphilis.
Der gebürtige Russe Boguljubow spielt 1934 gegen Aljechin einen Wettkampf
um die Weltmeisterschaft und verfasst anschließend ein Buch darüber,
dessen nazifreundliche Propaganda ihm den Weg zum Posten des Reichstrainers
ebnet. Da er in den Augen des Großdeutschen Schachbunds jedoch nicht
"reinblütig" ist, darf er an den nationalen Meisterschaften
nicht teilnehmen. Und die heutige Zeit: Die 1976 geborene Judit Polgar
fügt den Chauvinisten aus aller Welt einen schweren Schlag zu, als
sie 1991 ungarische Meisterin wurde und "1992 als bis dahin jüngster
Mensch aller Zeiten ihre letzte Norm für den Großmeistertitel
der Männer" erfüllte.
Gibt es von den alten Spielern "nur" Fotos, werden die modernen
Spieler durch kurze Videosequenzen lebendig: man erlebt Kasparows Verzweiflung
bei seiner Niederlage in der sechsten Partie gegen Deep Blue und man vergibt
ihm seine Arroganz, seine Großmannssucht und seine Intrigen, wenn
er über seine Partie gegen Topalow spricht. Charmant, charismatisch,
mit angenehmer Stimme, versonnen, glücklich, ein Künstler, der
sich zu seinen Werken äußert, leicht widerwillig gesteht er
ein, dass Topalow zu Beginn der Kombination besser hätte spielen
können, Kasparow eigentlich ein wenig schlechter stand, die Partie
aber immer noch Remis war.
Ein Highlight auch der Mitschnitt der "teuersten Blitzpartie aller
Zeiten": Anand gegen Adams im Kandidaten-Finale der FIDE-Schach-WM
1997, die erstmals im K.O.-System ausgetragen wurde. Sieg oder Niederlage
in dieser Partie entscheiden über ein Preisgeld von ungefähr
240.000 $. Und doch bleibt Adams bis zum Schluss, als er aufgeben muss,
cool: nur ein leichtes Schnippen mit den Fingern verrät seine Unruhe,
das Gesicht wird noch einmal in die rechte Hand gelegt, dann reicht er
Anand lächelnd die Hand zur Aufgabe.
Schließlich die Partien: 144 ausführlich kommentierte Klassiker
der Schachgeschichte illustrieren den Wandel in der Schachauffassung und
die besten Leistungen der Großen der Schachwelt. Den Anfang macht
Laskers Sieg gegen Steinitz 1894 und dann folgen aus jedem Jahr eine oder
zwei Partien. Viele davon sind natürlich bekannt, aber das tut ihrem
Reiz keinen Abbruch. Zumal die Analysen und die Prüfung durch Analyseprogramme
so manchem Klassiker neue Seiten abgewinnen.
Also: eine schöne CD.
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