KAROS AUF ZELLULOID

Von Harry Schaack

(Der Artikel ist folgend auszugsweise wiedergegeben.
Den ganzen Text lesen Sie in KARL 1/09.)

Schachpartien in Filmen sind meist nur eine Randerscheinung. Fragmentarische Stellungen begleiten das Geschehen, untermalen die Handlung oder charakterisieren Personen. Die Partie selbst ist dem Regisseur und den meisten Zuschauern selten wichtig. Allerdings haben die Verantwortlichen die Rechnung ohne die Schachspieler gemacht, deren Voyeurismus erst befriedigt ist, wenn sie die Partiestellung erkannt und nachvollzogen haben. Oft schleichen sich Fehler ein, doch gelegentlich sind die Positionen stimmig zum Handlungsverlauf gewählt. Folgend ein Sammelsurium von prominenten Beispielen, für dessen Auswahl Bob Basallas scharfes Auge (vgl. S.28, „Chess in the Movies“) hilfreiche Dienste geleistet hat.

DIE LINKE HAND GOTTES, 1955

Ein sehr gelungenes Beispiel für den intelligenten Einsatz des Schachs zeigt einer der letzten Bogart-Filme. In Die linke Hand Gottes verkleidet sich O’Shea alias Bogart als Missionar, um seinen Häschern zu entkommen. Er freundet sich mit dem ungläubigen Arzt Dr. Sigman an. Eine ihrer Diskussionen über den Sinn der Welt findet beim Schachspiel statt. Während der Arzt ein Anhänger des Materialismus ist, vertritt der Missionar spirituelle Werte. Und dies zeigt sich in der Partie, die das Ende von Nimzowitsch gegen Alapin, Vilna 1913, adaptiert.

Weiß hat bereits ein Figur geopfert und spielt nun 14.Lf6 Dxf6 15.The1+ Le7 16.Lxc6+ Kf8 17.Dd8+ Lxd8 18.Te8# Wie schreibt Basalla passend: „Der Geist siegt über die Materie“. Zudem weist die Kombination den falschen Missionar als gewieften Taktiker aus.

DAS SIEBENTE SIEGEL, 1957

Ingmar Bergmans berühmter Film verwendet zwar leitmotivisch das Schachspiel, doch die Stellungen sind nur selten klar zu erkennen. Die folgende Position, die zwischenzeitlich in der Partie von Antonius Block und dem Tod entsteht, ist allerdings vieldeutig:

Leider hat auch der schwedische Kultregisseur beim Brettaufbau in mehrfacher Hinsicht nicht die nötige Sorgfalt walten lassen. Zum einen ist das Brett um 90 Grad verdreht, zum anderen sind zwei weißfeldrige Läufer zu erkennen (wobei sich die ungewöhnlichen Figuren nicht leicht unterschieden lassen). Entscheidender ist jedoch der symbolische Gehalt: Die ungewöhnliche Bauernformation von Schwarz erinnert an ein Kreuz. Sie deutet einerseits auf die Profession Blocks als Kreuzritter, andererseits auf seine Suche nach Gott, und nimmt vielleicht auch schon sein Ende vorweg. Der Tod zieht 1…Lxb3. Er „opfert“ den Läufer, auf Englisch „bishop“, und schlägt den Springer, Englisch „knight“, also Ritter. Ein Hinweis, dass jeglicher Glaube, den Block so sehr auf Erden zu finden hofft, eine Illusion ist. Block schlägt den Läufer jedoch nicht zurück, sondern bietet Schach: Tg1+ Kh8. Ein Aufbegehren, Trotz, und Zeichen für die noch nicht versiegte Hoffnung.

DER HUND VON BASKERVILLE, 1959

Dieser Partieschluss kam zwischen Sherlock Holmes und Dr. Watson zu Stande. Doch dem ausgefuchsten englischen Meisterdetektiv war entgangen, dass das Brett verkehrt herum steht, wie man am „falschen Eckfeld“ leicht erkennt. Der sich mit all seiner bescheidenen Macht dem unweigerlichen Ende entgegenstemmende Watson übersah nun: 1.Dxd6#. Brillant! Für den Eingeweihten disqualifiziert die Schachszene natürlich mehr, als sie den Intellekt unterstreicht. Schwer zu glauben, dass sich Holmes mit solch langweiligen Stellungen beschäftigt, nur weil Freund Watson wieder einmal vergessen hat, aufzugeben …

LOLITA, 1962

Ein wundervolles symbolisches Schachmotiv findet sich in Stanley Kubricks Nabokov-Verfilmung Lolita, zu der der Russe auch das Drehbuch schrieb. Man merkt, dass Regisseur und Autor große Schachfans waren.

Prof. Humbert sucht eine neue Bleibe und zieht bei Charlotte ein, die sich bald für den neuen Gast begeistert. Der aber verliebt sich in ihre minderjährige Tochter Lolita, mit der er später „durchbrennt“. Humbert bringt Charlotte Schach bei. Das charakterisiert ihn einerseits als intellektuell überlegen, nimmt in diesem speziellen Fall aber auch die Handlung vorweg. Charlotte ist Anfängerin und weiß nicht einmal genau, wie die Figuren ziehen. Sie sagt ängstlich: „Du willst meine Dame haben“, zieht aber wenig später unachtsam Dh5. Humbert schlägt die Dame Sxh5 – wohl gemerkt mit dem schwarzen Springer, dem „knight“, also Ritter oder Edelmann. Humbert fügt lakonisch hinzu: „Es musste sowieso irgendwann passieren.“

(Viele weitere Beispiele finden Sie in unserem Heft 1/09.)