130 JAHRE TRADITION

Von Harry Schaack


Meilensteine der Schachgeschichte sind vor allem die Weltmeisterschaften. Seit 1886 Steinitz und Zukertort den ersten offiziellen WM-Kampf ausgetragen haben, hat der Zweikampf zur Ermittlung des Besten der Welt nichts an Reiz eingebüßt. Denn Matches sind immer Nervenkriege und nicht nur sportliche Triumphe, sondern auch menschliche Niederlagen. Lange wurde der Weltmeister durch Privatwettkämpfe ermittelt, bei denen der Herausforderer eine gewisse Summe durch Gönner aufbringen musste. Seit dem Tod Aljechins, also nach dem Zweiten Weltkrieg, wird der Herausforderer offiziell durch die FIDE in Kandidatenturnieren ermittelt. Zunächst stellten Spieler aus der UdSSR den Champion, bis ihnen Fischer 1972 den Titel streitig machte. Doch der Amerikaner war nur eine Episode, verschwand danach und die Sowjets übernahmen erneut das Zepter. In den Neunzigern folgte das Schisma, die Spaltung, und fortan gab es zwei Weltmeister, bis es in den 2000er Jahren zur Wiedervereinigung kam.

Dieser bewegten 130 Jahre alten Tradition hat sich nun der Chefredakteur der deutschen Chess­Base-Seite André Schulz angenommen. Es ist nicht die erste WM-Chronik, aber die Vorgänger wie Raymund Stolzes Umkämpfte Krone von 1987 oder zuletzt Kasparows Predecessors sind schon älter und vor allem anders konzipiert. Schulz konzentriert sich auf die 46 "klassischen" Titelkämpfe und 16 Weltmeister. Er fokussiert bei seinen Darstellungen weniger die eigentlichen sportlichen Geschehnisse. Sein Schwerpunkt liegt auf der Darstellung der Ereignisse rund um ein Match und vor allem auf den Biographien der Weltmeister und der Herausforderer.

Das sportliche Geschehen wird nicht immer so ausführlich beschrieben, wie beim ersten Wettkampf zwischen Aljechin und Euwe, bei dem der schwere Alkoholmissbrauch des Titelverteidigers nicht unerheblich zum Sieg Euwes beitrug. Meist wird der Matchverlauf in einem oder wenigen Absätzen zusammengefasst und am Ende stets eine ausgewählte Partie des jeweiligen Wettkampfs präsentiert. Dadurch bleibt bei der Darstellung zuweilen die Dramatik und Dynamik eines Zweikampfes etwas auf Strecke und die schachlichen Gründe für die Niederlage im Dunkeln. Deshalb entsteht gelegentlich ein Ungleichgewicht, weil die Biographien - ganz extrem etwa bei Steinitz - Tschigorin 1889 - deutlich länger sind als die Darstellung des WM-Kampfes. Der Autor erzählt viele Geschichten, dennoch muss der Leser auf einige Anekdoten verzichten. Aljechin berichtet z.B. in Auf dem Weg zur Welt-Meisterschaft 1923-1927 zur 16. Partie seines Wettkampfs mit Capablanca, dass er eine aussichtsreiche Stellung früh Remis gegeben habe, weil wegen einer Feier in der Spielstätte, dem Jockeyclub, ein enormer Lärm herrschte, der das Weiterspielen unmöglich machte. Nun ist Aljechin zwar keine zuverlässige Quelle, aber diese Geschichte verrät doch etwas über die damaligen Spielbedingungen.

Die Stärke des Buches liegt zweifellos in den Biographien. Denn Schulz beschäftigt sich eben nicht nur mit der WM, sondern vor allem mit den Protagonisten. Dabei hat der Autor wenig bekannte Details zu Tage gefördert, wie etwa dass Capablanca während des AVRO-Turniers 1938 einen ersten leichten Schlaganfall erlitt.

Eine weitere Stärke des Buches sind die Schilderungen der Rahmenbedingungen der Wettkämpfe. Schulz gibt Einblicke in die Hintergründe der Preisgeldbeschaffung, in den ersten WM-Matches z.B. durch sogenannte "Backers". Man erfährt, dass es beim WM-Match Tarrasch und Lasker erstmals die heute üblichen Sekundanden gab. Und dass die sowjetische Führung bei Kandidatenturnieren, z.B. in Zürich/Neuhaus 1953 ihren Wunschkandidaten Smyslow durchsetzte, um eine Qualifikation Reshevskys zu verhindern - und dazu waren wahrscheinlich Ergebnisabsprachen der UdSSR-Teilnehmer untereinander nötig. Im anschließenden ersten Match zwischen Botwinnik und Smyslow soll der Titelverteidiger Drohbriefe erhalten haben. Und im zweiten Match zwischen Tal und Botwinnik bestellte der Magier aus Riga einen Hypnotiseur ins Publikum, den der Herausforderer aber nicht bemerkte, weil er stark kurzsichtig war. Eine psychologische Finte, die beim Match zwischen Karpow und Kortschnoi in Baguio 1978 ihre Wiederholung fand.

Botwinnik hat die Weltmeisterschaft nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur beherrscht, weil er langjähriger Champion war und sich den Titel mehrfach zurückeroberte, sondern auch weil er maßgebliche Vorschläge machte, die den Qualifikationszyklus veränderten oder beeinflussten. Und dies durchaus zum Vorteil des Patriarchen, wie Schulz aufschlussreich zeigt.

Zudem lässt der Autor immer wieder Details der Schachgeschichte einfließen, z.B. über die frühere Verwendung des Begriffs "Großmeister", ein Titel, der vor der offiziellen Vergabe nach dem Zweiten Weltkrieg nur denen gebührte, die bereits ein großes Turnier gewonnen hatten. Oder auch dass Tarraschs Bestseller Das Schachbuch bis heute das Schachbuch mit der höchsten Auflage ist.

Diese WM-Chronik ist vor allem eine Sammlung interessanter und lesenswerter Biographien und Rahmengeschichten. Nicht zuletzt der niedrige Preis sollte ein guter Grund sein, sich diesen Überblick über einen der wichtigsten Teile der Schachgeschichte zuzulegen.

 

 

schachweltmeisterschaften

André Schulz,
Das große Buch der
Schach-Weltmeisterschaften.
46 Titelkämpfe –
Von Steinitz bis Carlsen,
New In Chess 2015,
351 S.,
Hardcover,
22,80 Euro

Das Rezensionsexemplar
wurde freundlicherweise
von Schach E. Niggemann
zur Verfügung gestellt.