EXTREME SPIELBEDINGUNGEN

Schach und Gefangenschaft in Literatur und Malerei

VON HANS HOLLÄNDER

 

(Der Artikel ist auszugsweise wiedergegeben.
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Gefangenschaft ist erzwungene Einschränkung der Bewegungsfreiheit durch Einsperren in den engen Raum einer Zelle, eines Käfigs. Diese Verringerung des Bewegungsraumes ist Strafe, Folter. Für den Erzähler, der diese Form der Gefangenschaft und ihre Berührung mit dem Schach darstellen will, entsteht ein Problem: Wenn er zwei Schachspieler in eine Zelle zusammensperrt, kann er zwar ihr Verhalten beobachten und ihre Partien notieren, doch andere Spannungselemente hat er nicht zur Verfügung. Er braucht daher also zum Beispiel einen Spieler in Gefangenschaft und einen, der frei ist. Unter dieser Bedingung hat er die erforderlichen Konfliktvarianten, die sich im Schach konzentrieren können. Beschränkt man jedoch freiwillig den Bewegungsraum, kann das eine Art Spiel sein, die voraussetzt, dass das Schachspiel Räume unbegrenzter Freiheit bietet, da es von der Einschränkung körperlicher Bewegungsfreiheit ja nicht betroffen ist.

Tabori, der Mann, der im Roman Die Lüneburg-Variante des 1943 geborenen Autors Paolo Maurensig „in der Hölle gespielt“ hat (s. Anm. 1), und mit der (fiktiven) Lüneburg-Variante des Damengambits den KZ-Kommandanten von Bergen-
Belsen (s. Anm. 2) besiegte, stellt einige Überlegungen zur Existenzform der Häftlinge an. Ich zitiere aus dem Bericht, den er seinem Schüler, dem Kunststudenten Hans Mayer, gibt: „Wenn es wahr ist, daß die Behauptung der eigenen Individualität immer ein legitimes Bestreben des Menschen war, dann ist genauso wahr, daß der Mensch eine Wissenschaft pflegt, mit der dieses Bestreben jederzeit zu unterbinden war. Und wenn eine sichere Methode, die Persönlichkeit eines Individuums zu zerstören, darin besteht, es von anderen völlig zu isolieren, so besteht ein nicht weniger wirksames System darin, es mit anderen seinesgleichen in einen zu engen Raum zu sperren. Wenn im ersten Fall der Wahnsinn eine zentrifugale Bewegung zu vollziehen scheint, weil das Bewußtsein in der absoluten Isolierung zu gären beginnt und sich kreisend ins Unendliche ausdehnt, strebt dasselbe Bewußtsein in der Enge und Zwangsgemeinschaft danach, zu verschwinden, in einen zentripetalen Wahnsinn abzugleiten, der nicht mehr in die Zukunft oder auch auf den Schrecken einer bevorstehenden Auflösung schaut, sondern auf sich selbst zurückzieht, auf eine vormenschliche Vergangenheit, die ihn mit der unvorstellbaren Zahl von Toten und den bereits erlittenen Leiden erdrückt.“ (s. Anm. 3)

Das sind entgegengesetzte Extremsituationen der Gefangenschaft, in denen jede individuelle Entscheidung, jede Tätigkeit aus freiem Antrieb, jedes Spiel, also auch das Schachspiel, blockiert ist. Tabori beschreibt, wie bei ihm der Selbstschutz möglicherweise ausgesehen hat: Das Schach öffnet dem Schachmeister imaginäre Traumpfade.

„Aber in jener fremden Welt, in der jede menschliche Sehnsucht ausradiert und jedes göttliche Prinzip zerstört worden war, wo man nichts weiter erhoffte als daß man keinen falschen Schritt tat, für den man niedergemetzelt wurde, […] in jener Welt wurde alles, was mich umgab, sofort zu einer Abstraktion. Die Träume, die in der Nacht an die Stelle der Realität traten, drangen auch in die Zeit des Wachens vor, bis sie zu einem ununterbrochenen Fließen wurden, in dem nur das Nichts das Nichts erklären konnte. So war paradoxerweise nach kurzer Zeit eine Abstraktion die einzige Realität, die mich am Leben hielt. Es war […] eine ständige Halluzination: ein Schachbrett, auf dem sich Licht und Schatten schnell und verschwommen abwechselten. [..] ich weiß, daß ich eines Tages anfing, eine unendliche Partie zu spielen, ob nun auf der anderen Seite des Brettes mein Ich oder mein Gott saß, war belanglos.“ (s. Anm. 4)

Gerade in der Masse oder in der erzwungenen Lagersituation ist der Einzelne allein und muss sich auf den Inhalt seiner Schädelkapsel zurückziehen, also in die selbstgewählte Einsamkeit eines Reflexionsraumes, den man immer zur Verfügung hat. Darin ist auch Raum für endlose Schachspiele. Die Rettung in die Traumwelt einer unendlichen Schachpartie mit unbestimmtem Gegner, in dem sich unvermeidlich ein fiktives alter ego verbirgt, ist eine absurde Endlosschleife der Reflexion und darin durchaus verwandt der Situation des Dr. B. in Stefan Zweigs Schachnovelle. (s. Anm. 5) Die totale Isolation, die absolute Abriegelung von jeder Information und Kommunikation und jeder menschlichen Berührung wurde dem Dr. B. von der Gestapo verordnet. Ihn rettet zunächst eine Sammlung von Schachpartien, die er einem seiner Bewacher aus der Jackentasche stiehlt, bis auch das Schachspiel in den Kreisel, in den Mahlstrom einer endlosen Reflexion gerät.

Seine Isolierung durch Einzelhaft entspricht der ersten, bei Maurensig von Tabori genannten Methode der Persönlichkeits-Zerstörung. In dieser Erzählung gewinnt das Thema „Schach und Gefangenschaft“ seine stärkste Verdichtung und Konzentration. Wie in den folgenden Texten gibt es auch bei Zweig eine Freund-Feind-Konstellation, allerdings sind hier die Gestapoleute keine Gegner auf dem Schachbrett. Einer hätte es sein können, nämlich der Besitzer der Partiensammlung, aber er ist nur mit seinem Buch gegenwärtig, dies allerdings auf eine die ganze artistische Struktur der Geschichte bestimmende Weise. Das Schachbuch erlöst ihn zwar aus dem umgebenden Nichts einer totalen Raum- und Zeitlosigkeit, aber als der Fundus an Information, den die Schachpartien in hochkonzentrierter Form boten, erschöpft ist, muss Dr. B. neue Kombinationen und neue Partien erfinden und gegen sich selbst spielen. Damit entstehen neue Probleme, und der Gefangene gerät in eine endlose Reflexion, die ihn an den Rand des Wahnsinns treibt. Die eigene Schädelkapsel ist nun wie die Wandung einer Gefängniszelle, die sich in ein Spiegellabyrinth verwandelt, das jeden Gedanken vervielfacht zurückwirft.

(Der Artikel ist auszugsweise wiedergegeben.
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ANMERKUNGEN

1 Paolo Maurensig, Die Lüneburg-Variante, Roman (1993), aus dem Italienischen von Irmela Arnsperger, Frankfurt am Main und Leipzig 1994. Zitat S. 54.
2 Bergen-Belsen wird ausdrücklich als das gemeinte KZ genannt: Maurensig (wie 1), S. 211.
3 Maurensig (wie 1), S. 170-171.
4 Maurensig (wie 1), S. 175.
5 Stefan Zweig, Schachnovelle. Kommentierte Ausgabe, Stuttgart 2013. Dazu: Susanna Poldauf und Andreas Saremba (Hrsg.),
65 Jahre Schachnovelle, Berlin 2007. Darin Hans Holländer, „Reflexionen. Ein Text und seine Bilder“, S. 29-39; ders., „Schachlabyrinthe der Malerei im 20. Jahrhundert“, abrufbar unter www.schachmuseum.com (Webseite Nicholas Ravené Lanier).