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EIN MEILENSTEIN
DER SCHACHLITERAT
VON JOHANNES FISCHER
Leben Schachspieler in einer anderen Welt? Haben sie nur das Spiel im
Sinn und keine andere Interessen? Fast könnte man es meinen. Denn
während die ganze Welt in den letzten Wochen dem fünften Abenteuer
von Harry Potter entgegen fieberte, stellte sich der Schachfan eine andere
Frage: Wann endlich würde Kasparows lang angekündigter erster
Band seiner Betrachtungen über die Schachweltmeister erscheinen?
Jetzt ist er endlich da, allerdings, genau wie Joanne K. Rowlings Bestseller,
vorerst nur auf englisch. Das wird sich aber rasch ändern, denn der
erste Band der deutschen Übersetzung des russischen Kasparow-Textes
erscheint demnächst in der Edition Olms - wobei die englische
Ausgabe auf drei, die deutsche auf fünf Bände angelegt ist.
Das Warten hat
gelohnt. Wie gewohnt präsentiert sich die Nummer Eins der Schachwelt
in großem Stil. Kasparow, den viele für den besten Spieler
aller Zeiten halten, versucht sich an nicht weniger als einem weltmeisterlichen
Überblick über die Schachgeschichte.
SYMBOLE IHRER ZEIT
Dabei deutet er die Entwicklung des Schachs vor dem Hintergrund geschichtlicher
Strömungen. Im Vorwort interpretiert er den Stil der 14 Weltmeister
von Steinitz bis Kramnik als "Symbole ihrer Zeit" - vom optimistischen,
wissenschaftsgläubigen Herangehen Steinitz' an das Schach über
den "kalten, gnadenlosen Stil [Botwinniks], des Patriarchen der Sowjetischen
Schachschule, der auf tiefer psychologischer und Eröffnungsvorbereitung
beruht" und "ein Symbol der Macht des Stalin-Regimes" sein
soll, bis hin zum "Pragmatismus" Kramniks, den Kasparow als
typisch für Zeiten begreift, in denen der Mensch nach dem Wert seiner
Aktien gemessen wird. Allerdings wirken diese Parallelen manchmal wenig
überzeugend. So schreibt er über Fischer: "ein herausragender
Zeitgenosse der Beatles, der Hippies und studentischer Massenproteste,
die nach größerer Freiheit des Individuums verlangt haben"
(S. 6-9). Der fanatische Schacharbeiter, Einzelgänger und spätere
Antisemit Fischer im angeregten Gespräch mit John Lennon? Schwer
vorzustellen.
Dann geht es ins Detail:
Kasparow beginnt mit einem kurzen Überblick über die Schachgeschichte
vor Steinitz, bei dem er die Entstehungsgeschichte des Spiels rekapituliert,
einen kurzen Zwischenstopp bei Philidor und der italienischen Schule einlegt,
dem ein nur unwesentlich längerer Aufenthalt bei LaBourdonnais folgt,
bis er sich etwas ausführlicher mit Anderssen und Morphy beschäftigt.
Danach folgen ausführliche Porträts von Steinitz, Lasker, Capablanca
und Aljechin.
SCHACHBEGEISTERUNG
Aber über wen Kasparow auch schreibt: Durch das gesamte Buch zieht
sich ein ansteckender Enthusiasmus und eine ungeheure Schachbegeisterung.
Von Arroganz und Überheblichkeit, die man Kasparow gerne nachsagt,
ist nichts zu spüren. Im Gegenteil: Voller Respekt und Wohlwollen
analysiert Kasparow die Partien der Weltmeister. Zwar weist er immer wieder
auf Fehler und Ungenauigkeiten hin, aber erklärt sie zugleich mit
dem begrenzten Schachverständnis der damaligen Zeit. Übrigens
widmet er sich nicht nur den Weltmeistern. Auch das Vermächtnis von
Spielern wie Tschigorin, Tarrasch, Rubinstein, Marshall, Nimzowitsch und
Reti wird anhand zahlreicher Partien ausführlich erläutert.
Das deutsche Publikum wundert sich dabei vielleicht über das Lob,
das Dr. Tarrasch zuteil wird - genießt der "Doktor" hierzulande
doch den Ruf eines verknöcherten Dogmatikers. Kasparow hingegen betont
seine Verdienste, führt eine Reihe fulminanter Tarrasch-Partien vor
und schreibt: "Tarraschs 'Dogmen' sind keine ewigen Wahrheiten, sondern
lediglich Unterweisungen, die in unterhaltsamer und fassbarer Form präsentiert
werden" (S.150).
So mancher preist den Nutzen des Studiums der alten Meister, zieht es
jedoch vor, aktuelle Partien zu betrachten. Nicht so Kasparow. Energisch
stürzt er sich auf die Klassiker, widerlegt und ergänzt mit
Hilfe des Computers so manchen seiner Vorgänger und verweist mit
einer Fülle konkreter Varianten auf kritische Punkte und aufschlussreiche
Stellen. Diese enthusiastischen Analysen eines der besten Spieler aller
Zeiten machen dieses Buch zu einem Meilenstein der Schachliteratur. Aber
so anspruchsvoll dies Buch auch ist: seine ansteckende Leidenschaft macht
es auch für Anfänger und Neulinge interessant - vorausgesetzt,
sie lassen sich von den Analysen nicht zu sehr abschrecken.
BEKANNTE MUSTER UND GÄNGIGE URTEILE
Allerdings: Die Schachgeschichte wird - zumindest in diesem Band - nicht
neu geschrieben. Die biographischen Skizzen folgen bekannten Mustern und
reproduzieren gängige Urteile. Steinitz ist der Entwickler der Positionslehre,
Lasker der Begründer des psychologischen Spiels, Capablanca zu begabt,
um hart an sich zu arbeiten und Neues zu entdecken, und Aljechin der Begründer
des dynamischen Spiels. Auch die Auswahl der Partien unterscheidet sich
kaum von vielen anderen Partiesammlungen der Weltmeister. Mit anderen
Worten: Kasparow wirft einen Blick auf den klassischen Kanon der Schachgeschichte.
Zudem enthält der Text gelegentliche Ungenauigkeiten: So hatte Lasker
zwar einen Doktortitel der Mathematik, aber nicht in Philosophie; Laskers
Herausforderer im Wettkampf 1910, Carl Schlechter, wird durchgehend Karl
geschrieben und Hermann Zukertort ist kein Deutscher, sondern wurde in
Polen geboren. Und manche keineswegs gesicherten biographischen und historischen
Details wie z.B. Aljechins vorgebliche Doktorarbeit über "Das
Gefängnissystem in China" oder der Zwei-Punktevorsprung, den
Schlechter in seinem Wettkampf gegen Lasker angeblich haben musste, werden
bedenkenlos ein weiteres Mal kolportiert.
QUELLENLAGE
Das wirft die Frage auf, aus welchen Quellen dieses Buch schöpft.
Leider fehlt eine Bibliographie und auch bei Zitaten wird meist großzügig
auf die Nennung der Quelle verzichtet. Das ist schade, vor allem, wenn
man auf den Geschmack gekommen ist und gerne weitere Werke über die
Schachweltmeister lesen möchte.
Auch lässt Kasparow bei seinen Analysen zwar andere Kommentatoren
gerne zu Wort kommen, aber manch aktuelle Veröffentlichung scheint
er nicht zu kennen. Gerne hätte man z.B. gewusst, was Kasparow über
die Analysen denkt, die Robert Hübner in der Zeitschrift Schach über
die Wettkämpfe Lasker - Schlechter, 1910 (vgl. Schach 1999, Nummern
5,6,8,10 und 11) oder Capablanca - Aljechin, Buenos Aires 1927 (Schach
1998, Nummern 5,6,8 und 9) veröffentlicht hat. Denn obwohl Kasparow
die wichtigsten Partien beider Wettkämpfe ausführlich, packend,
gründlich und mit der Erfahrung eines erfolgreichen Wettkampfspielers
untersucht und bei der Analyse der 31. Partie des Wettkampfs Aljechin
- Capablanca Hübners Kommentar sogar kurz zitiert (S. 328), geht
er sonst mit keinem Wort auf ihn ein. Wer auf ein Urteil über die
Analysewerke Hübners gehofft hatte, wird enttäuscht. Nach, um
mit Hübner zu sprechen, "flüchtiger Durchsicht", scheinen
die Analysen des deutschen Großmeisters gründlicher und präziser
zu sein, während Kasparow weniger streng, wohlwollender und leicht
fassbarer kommentiert.
WER HALF DABEI?
Ohnehin fragt sich der Skeptiker: Inwieweit ist Kasparow der Autor dieses
Buches? Hat der viel beschäftigte Weltmeister, der mit einem einzigen
Simultan Zehntausende von Dollar verdienen kann und dem man für Vorträge
stupende Honorare zahlt, tatsächlich die Zeit und die Lust, sich
stundenlang an den Schreibtisch zu setzen, um die Lebensgeschichten der
Weltmeister noch einmal abzuschreiben? Und richtig, auf der Suche nach
einem möglichen Ghostwriter wird man gleich zu Beginn des Buches
fündig. Dort steht der ominöse Satz: "Unter Mitwirkung
von Dmitry Plisetsky", hinter dem sich vom Schreiben des gesamten
Buches bis hin zur Zusammenstellung des Materials und Korrektur der Flüchtigkeitsfehler
alles verbergen kann. Leider bleibt dies der einzige Hinweis auf Herrn
Plisetsky und welchen Anteil er an diesem Buch hat wird nirgendwo verraten.
Die Vermutung liegt nahe, Kasparow hätte seine Kommentare diktiert
oder am Computer Mitarbeitern vorgeführt, die eifrig mitgeschrieben
und die Ausführungen des Meisters anschließend mit Begleittext
versehen zu einem Buch gemacht haben. Das muss nicht schlecht sein. Immerhin
wird man so Zeuge der Schachbegeisterung Kasparows und zugleich fehlt,
wie man dankbar feststellt, der stilistische Bombast manch früherer
Veröffentlichung des Russen. Dass die begleitenden Texte über
die Weltmeister wenig Neues bieten, lässt sich da leicht verschmerzen.
Allerdings darf man gespannt sein, was Kasparow über die Weltmeister
zu sagen hat, die er persönlich kannte - und mit Ausnahme von Fischer
waren das alle Weltmeister der Nachkriegszeit. Das Warten auf den nächsten
Band kann beginnen. Aber so schlimm ist das nicht: Mit diesem wunderbaren
Buch lässt sich manch müßiger Moment versüßen.
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