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IN
ESTLAND EIN NATIONALHELD
Von Johannes Fischer

Beerdigungszug
durch Tallinn
Ob Schachfan oder
nicht, fast jeder Este trägt ein Bild von Paul Keres bei sich. Im
Portemonnaie, auf dem Fünf-Kronen Schein. Einige von ihnen wissen
sicher nicht, wer ihr Leben so bereichert, aber die meisten Esten kennen
Paul Keres. Denn in dem kleinen baltischen Land ist er ein Nationalheld
und das Bild auf dem Geldschein nur eins von vielen Zeichen der Verehrung.

Estnische
5-Kronen-Banknote mit dem Konterfei von Paul Keres
In Tallinn ist eine
Straße nach Keres benannt und in der Altstadt gibt es ein Paul Keres
Museum, mit Gedenktafel an der Außenwand. Allerdings ist das Museum
nicht nur Museum, sondern auch Sitz des estnischen Schachverbands und
des Tallinner Schachklubs. Im Erdgeschoß laden zahlreiche Schachbretter
zum Spielen ein und gleich rechts am Eingang betritt man den Paul Keres
Raum. Auf dem Schreibtisch aufgebaut ist sein Schachspiel, die Figuren
ordentlich in der Grundstellung, die Aufregungen eines langen Schachlebens
hinter sich. Im Glasschrank hinter dem Schreibtisch liegt die Totenmaske,
daneben stehen ein paar Bücher.

Keres-Skulptur
vor der Schule in Parnu
Keres' Bibliothek
befindet sich jedoch in einem anderen Zimmer. Sie enthält Schachzeitschriften
aus aller Welt und eine große Zahl russischer, englischer, deutscher,
spanischer und estnischer Schachbücher, alle mit Keres' selbstbewusstem
Ex Libris versehen. Im Halbprofil abgebildet packt Keres dort mit der
rechten Hand einen schwarzen Springer am Schopf, während die Linke
lässig im eleganten Anzug steckt.

Exlibris
von Paul Keres
Auch in Pärnu,
wo Keres aufwuchs, zur Schule ging und erste Erfolge feierte, ist eine
Straße nach ihm benannt. Vor der Schule, die Keres von der achten
Klasse bis zum Abitur 1934 besucht hat, erinnert eine Statue an ihn. Die
Schuldirektorin erzählt, dass das damalige Jungen-Gymnasium in den
zwanziger Jahren eine der besten Schulen in ganz Europa war. Aber nach
der Besetzung Estlands durch die Sowjetunion im Jahre 1940 richteten die
Sowjets dort eine russische Schule ein, um die Tradition des Gymnasiums,
das die Unabhängigkeit Estlands symbolisierte, in Vergessenheit geraten
zu lassen.
Viele berühmte Esten gingen hier zur Schule. In der Eingangshalle
listet eine Tafel Namen und Titel ehemalige Schüler auf, die später
berühmt wurden, darunter zahlreiche Minister, Bürgermeister
und andere Würdenträger Estlands. Weit oben steht Konstantin
Päts, von 1938 bis 1940 Präsident der Unabhängigen Republik
Estlands, der letzte vor der Besatzung durch die Sowjets. Aber nicht er,
sondern Keres wird in der Schule gefeiert. Regelmäßig finden
Keres-Gedenkturniere statt und am 1. September beginnen alle Veranstaltungen
am Denkmal vor dem Gebäude. Die schuleigene Fahne wird gehisst und
eine Zeremonie abgehalten. Die Direktorin erklärt: "Keres war
bescheiden und hat sich nie kompromittiert. Selbst in der UdSSR wurde
er geschätzt. Bei ihm gab es keine Leichen im Keller und er war durch
und durch Gentleman. Nach seinem Vorbild wird unsere Jugend heute erzogen".

Denkmal
der Liebenden auf dem Rathausplatz in Tartu
Nach bestandenem Abitur
zog Keres in die Universitätsstadt Tartu, um Mathematik zu studieren.
Den Marktplatz im Zentrum der Stadt verschönt ein charmantes Denkmal
eines jungen Liebespaares, das sich unter einem Schirm leidenschaftlich
küsst, und vermutlich die studentische Tradition der Stadt darstellen
soll. Und auch Keres lernte seine spätere Frau Maria in Tartu während
des Studiums kennen.
Unweit des Marktplatzes befindet sich das estnische Sportinstitut, in
dem das Andenken estnischer Sportler gepflegt wird. 2003 widmete das Sportinstitut
Keres eine Ausstellung und fast 30 Jahre nach seinem Tod ist die Erinnerung
an ihn noch lebendig. Bei einer 2002 angestellten Umfrage nach den beliebtesten
und erfolgreichsten Sportlern Estlands wurde Keres mit großem Vorsprung
zum populärsten Sportler des Landes gewählt; bei der Frage nach
dem erfolgreichsten Sportler belegte er den zweiten Platz hinter dem Ringer
Kristjan Palusalu.

Kopfskulptur
im Sportmuseum Tartu
Diese Begeisterung
verblüfft. In Deutschland ist man als Schachspieler überrascht,
wenn eine kleine Straße in Berlin nach Emanuel Lasker benannt wird,
während Keres in Estland ein Ansehen genießt, das in Deutschland
Stars wie Max Schmeling, Fritz Walter, Franz Beckenbauer, Steffi Graf,
Boris Becker, Jan Ullrich oder Michael Schumacher nicht zuteil wird.

Paul
Keres Strasse in Tallinn
Ein Grund dafür
könnte sein, dass Keres' Biographie und die Geschichte Estlands eng
verwoben sind. Keres wurde am 7. Januar 1916 geboren, mitten im Ersten
Weltkrieg und zwei Jahre bevor sich Estland im Februar 1918 zur unabhängigen
Republik erklärte, und damit über 700 Jahre Fremdherrschaft
beendete. Seit der Eroberung und Christianisierung durch den Schwertbrüderorden
und den Deutschen Orden im 13. Jahrhundert stritten sich Schweden, Deutsche
und Russen auf Kosten der Esten um ihr Land. 1721 übernahmen die
Russen unter Zar Peter I nach ihrem Sieg über Schweden im Großen
Nordischen Krieg für fast zweihundert Jahre das Kommando. Erst nach
der Oktoberrevolution 1917 konnte sich Estland von den Russen befreien.
Aber die imperialen Ansprüche des großen Nachbarn gingen mit
dem Zarenreich nicht unter - hier erwiesen sich die Bolschewiki als traditionsbewusst
und wollten die baltische Republik nicht kampflos preisgeben. So führten
estnische Trupppen im November 1918 einen Zwei-Fronten-Kampf: gegen die
deutsche Landwehr, die nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg deutschen
Einfluss im Baltikum bewahren wollten und gegen nachrückende bolschewistische
Truppen. Schließlich besiegten die Esten beide Gegner und im Februar
1920 verzichteten die Sowjets auf ihre "Rechte" in Estland.
Allerdings sollte Keres, der zu diesem Zeitpunkt vier Jahre alt war und
gerade das Schach spielen lernte, im Laufe seines Lebens mit Deutschen
und Sowjets noch genug Probleme bekommen.
Die Jahre nach der Unabhängigkeit brachten Estland einen wirtschaftlichen
und kulturellen Aufschwung und bald suchte die junge Nation nach einer
Identifikationsfigur für ihr neues Selbstbewusstsein. Keres war der
ideale Kandidat: Er gehörte bereits mit Anfang Zwanzig zur Weltspitze
im Schach, war sportlich, gebildet, elegant, bescheiden, höflich
- und sah gut aus.

Totenmaske
von Paul Keres
Auch dass Keres der
ganz große Erfolg versagt blieb, hat für das kleine baltische
Land, das sich immer zwischen zwei Großmächten eingezwängt
sah, Symbolcharakter. Denn in dem Moment, als Keres Anfang der vierziger
Jahre ernsthafte Ambitionen auf den Weltmeisterthron hätte entwickeln
können, kommt die Weltpolitik in der Gestalt der Deutschen und Sowjets
dazwischen. Im Zuge des Geheimen Zusatzprotokolls zum Hitler-Stalin Pakt
vom August 1939, in dem die beiden Diktatoren ihre Einflusssphären
in Europa festlegten, marschierte die Sowjetunion im Juli 1940 in Estland
ein und beendete die kurze Zeit der Unabhängigkeit Estlands, das
wieder Sowjetrepublik wurde. Keres, der sein Leben lang Russisch mit starkem
Akzent sprach, verwandelte sich in einen sowjetischen Spieler. Dabei hatte
er noch Glück, denn nach der Besetzung Estlands begann die Verfolgung
der estnischen Intelligenz durch die Sowjets, die zahllose Angehörige
der estnischen Oberschicht ermordeten oder nach Sibirien verschleppten.
1941 schwang das politische Pendel wieder in die andere Richtung. Die
Deutschen brachen den Pakt mit Stalin, überfielen die Sowjetunion
und besetzten im Juli 1941 Estland. In den nächsten drei Jahren verfolgten
die deutschen Besatzer die jüdische Bevölkerung Estlands und
plünderten das Land. Keres, der Frau und zwei Kinder hatte, musste
sich mit den neuen Machthabern arrangieren, um sein Lebensunterhalt zu
verdienen. Er gab Simultanveranstaltungen für die Wehrmacht und nahm
an Turnieren in den von den Deutschen besetzten Gebieten in Europa teil.

Spielsaal
im Keres Memorial Haus in Tallinn
Das wiederum brachte
ihn 1944, als die Deutschen vor der Roten Armee aus Estland flohen und
die Sowjets wieder an die Macht kamen, in große Gefahr. Denn es
kam zu einer zweiten Welle von Deportationen, denen weitere Angehörige
der Oberschicht, aber auch Leute, die der Kollaboration mit den Deutschen
oder des Widerstands gegen die Sowjets verdächtig waren, zum Opfer
fielen. Man schätzt, dass Estland durch den 2. Weltkrieg und seine
Folgen etwa 25% seiner Bevölkerung verloren hat.
Wieder hatte Keres Glück. Als ihn der KGB verfolgte, wandte er sich
in einem Schreiben an Molotow, der den Fall nach Estland zurück delegierte,
wo sich einflussreiche Mitglieder der Kommunistischen Partei schließlich
für Keres einsetzten. Er durfte wieder Schach spielen, diesmal endgültig
unter sowjetischer Fahne. Er nahm an UdSSR-Meisterschaften teil und spielte
auf Olympiaden nicht mehr für Estland, sondern für die Sowjets.

Plakat
für den estnischen Sportler des Jahrhunderts
Von all diesen politischen
Wirren und ihren Folgen für Keres' Laufbahn ist in den biographischen
Skizzen seiner Partiensammlung Ausgewählte Partien jedoch nichts
zu lesen. So schreibt er über die Folgen der Besetzung Estlands durch
die Sowjetunion: "Im Herbst [1940] beteiligte ich mich erstmals an
der Meisterschaft der UdSSR. Ich war zu diesem Turnier schlecht vorbereitet,
musste gegen eine Reihe von unbekannten Gegnern auftreten und spielte
daher recht unsicher" (Paul Keres, Ausgewählte Partien 1931-1958,
Variant, 1983 [1964], S.125). Dass bald darauf die Deutschen in Estland
einmarschierten, kann man man ebenfalls nur zwischen den Zeilen lesen.
In dem Kapitel "Über die "Turniere der Kriegszeit"
heißt es: "Ungeachtet der durch den Krieg aufgezwungenen Beschränkungen,
ging das internationale Schachleben auch in dieser Periode weiter. Obwohl
es natürlich bedeutend weniger Veranstaltungen als gewöhnlich
gab, wurden in verschiedenen Ländern doch internationale Turniere
veranstaltet. (Ausgewählte Partien, S. 174)". Auch die erneute
Okkupation Estlands durch die Sowjetunion bleibt ohne Kommentar: "Im
Jahre 1946 trat ich auch erstmals nach Kriegsende wieder international
in Erscheinung. Im Sommer wurde zwischen den Auswahlmannschaften der UdSSR
und Grossbritannien ein Wettkampf per Radio ausgetragen, wo ich gegen
Meister Klein in zwei Partien antreten musste." (Ausgewählte
Partien, S.182)
In dem politischen Klima seiner Zeit konnte sich Keres nicht offen äußern,
aber sein Auftreten war stiller Protest. Elegant und mit einem Hauch Extravaganz
gekleidet, beeindruckte er durch Professionalität, Integrität
und Bescheidenheit. Er war Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle. Sein
wiederholtes Scheitern beim Angriff auf den Weltmeisterthron trug er mit
Würde und zeigte so, dass man den Wechselfällen des Schicksals
mit Haltung begegnen kann. Das machte ihn zum tragischen Helden und zu
einem Vorbild für das von der Geschichte gebeutelte Estland. Aber
auch jetzt, wo Estlands politische Zukunft durch den Beitritt zur EU am
1. Mai 2004 sicherer geworden ist, bleibt Keres ein Vorbild - nicht nur
für Estland.
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