DIE STÄRKEN DES „GROSSEN“

Von Harry Schaack

 

Natürlich weiß jeder, dass Weltmeister über herausragende Fähigkeiten verfügen. Bei manch einem, wie etwa bei Tal, lassen sich die Stärken relativ leicht benennen. Doch heutige Topspieler haben einen universellen Zugang zum Schach, sodass es schwierig geworden ist, detailliert die Stärken und Schwächen zu erkennen. Um dieses Dilemma zu beheben, kann die ChessBase-Reihe Master Class helfen, die sich im achten Band mit Magnus Carlsen beschäftigt.

Das vierköpfige Autorenteam untersucht den Spielstil Carlsens in den verschiedenen Partiephasen. So attestiert Großmeister Huschenbeth dem aktuellen Weltmeister unter den Top-Ten-Spielern eines der breitesten Eröffnungs repertoires, ohne dass er sich dabei auf lange Theorieduelle oder taktische Varianten einlässt. Carlsen strebt mit Weiß keinen Eröffnungsvorteil an, sondern will das Spiel kontrollieren und Stellungen erreichen, die positionelles Manövrieren ermöglichen. Dabei spielt Carlsen häufig Neben varianten und betritt gerne Neuland. Gelingt ihm das, ist er meist im Vorteil, weil er ein überragendes Spielverständnis besitzt.

Huschenbeth macht auch eine Schwäche beim Weltmeister aus: Wenn Carlsen Eröffnungen aufs Brett bekommt, die er nicht sehr oft spielt, wie Königsindisch oder auch Französisch und Sizilianisch, lässt sich gelegentlich eine gewisse Unsicherheit erkennen.

Mihail Marin ist für die Strategie zuständig, räumt allerdings schon zu Beginn ein, dass dem Spiel Carlsens etwas Mysteriöses innewohnt, das er nicht ganz erklären kann. Der Norweger verfügt über eine enorme strategische Weitsicht. Besonders deutlich wird das an einer Partie gegen Anand, in der Carlsen seinen Bauern früh bis nach a3 vorschiebt. Zunächst sieht es so aus, als würde der Bauer zur Schwäche neigen, tatsächlich wird er aber zu einem Quell dauernder Probleme für Carlsens Gegner.

Carlsen entwickelt oft langfristige Pläne, auch in scheinbar öden Stellungen, die Computer als völlig ausgeglichen bewerten. Interessanterweise kann Marin keine Vorbilder für Carlsens Spielstil benennen. Die oft gezogenen Vergleiche mit Capablanca und Karpow beruhen eher auf Parallelen im Endspiel.

Karsten Müller widmet sich der Schlussphase des Spiels und damit einer der wesentlichen Stärken Carlsens. Die liegt vor allem in strate­gischen Endspielen, wie Müller betont. Und weil der Weltmeister den Stellungstyp mit ein oder zwei Türmen und gleichfarbigen Läufern so oft gespielt hat, schlägt Müller dafür die Terminologie „Carlsen-Endspiel“ vor. Dabei kommt dem Norweger vor allem sein sehr gutes Gefühl für die Koordination der Figuren zugute. Zudem hat er einen außergewöhnlichen Spürsinn dafür, wie er dem Gegner besonders große Probleme stellen kann. Und auch für Müller hat es etwas „Magisches“, wie die Figuren Carlsens zusammenspielen. Da kann es sogar vorkommen, dass Carlsens Springer in offener Stellung einen Läufer dominiert, so wie in seiner Partie gegen Kramnik in Wijk aan Zee 2011.

Zum Lieferumfang dieser DVD gehören auch 24 von Oliver Reeh moderierte interaktive Taktikaufgaben und zusätzlich über 100 weitere Trainingsaufgaben, Carlsens Eröffnungsrepertoire als Baum, eine Kurzbiographie von André Schulz sowie alle Carlsen-Partien, über 600 davon kommentiert.

Eine DVD für alle, die einen Blick hinter das Geheimnis von Carlsens Spiel erhaschen wollen.

 


carlsen master class


Dr. Karsten Müller,
Mihail Marin,
Oliver Reeh,
Niclas Huschenbeth,
Master Class Band 8:
Magnus Carlsen,
ChessBase 2017,
DVD,
Videospielzeit:
7 Stunden, 45 Minuten,
29,90 Euro

 

Das Rezensionsexemplar
wurde freundlicherweise
von ChessBase zur
Verfügung gestellt.