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Dr. Tarrasch,
Das Grossmeisterturnier
zu St. Petersburg
im Jahre 1914
(Neuausgabe der
zweiten verbesserten
Originalausgabe von 1921), Hamburg:
Jens-Erik Rudolph Verlag 2013,
Paperback, 144 S.,
15,90 Euro


Das Rezensionsexemplar
wurde freundlicherweise
vom Jens-Erik Rudolph Verlag
zur Verfügung
gestellt.


 

KRAFTAKT

Von Harry Schaack

Anlässlich seines zehnjährigen Jubiläums
organisierte der St. Petersburger Schachverein neben einem großen Kongress mit Neben- und Qualifikationsturnieren die bedeutendste Veranstaltung des Jahres 1914. Neben den beiden Qualifikanten Niemzowitsch und dem jungen Aljechin lud man alle Sieger von Weltklasse­turnieren ein – und davon gab es nur noch 16. Nicht alle kamen, aber unter den Teilnehmern waren Legenden wie der 73-jährige Blackburne.

Die Organisatoren ließen sich ein ausgeklügeltes Honorarsystem einfallen, weil bei der Stärke des Feldes zu befürchten war, dass einige Teilnehmer auf ihren Kosten sitzen bleiben. Die Preisgelder
fielen etwas bescheidener aus, doch die gesamten Unkosten erstattete man. Und diejenigen, die nicht ins Preisgeld kamen, erhielten ein Honorar für jede gewonnene Partie. Während die Unkosten bei den langen Anreisen von Capablanca und Marshall beträchtlich waren, wollte Rubinstein, „da er sich verpflichtet fühlte, in einer russischen Veranstaltung mitzuspielen“, auf die Entschädigung verzichten. Er stellte keinen Antrag auf Rückerstattung, erhielt aber vom Komitee trotzdem die Anreise von Bad Reichenhall nach St. Petersburg ersetzt. Einzig Weltmeister Lasker stellte horrende finanzielle Forderungen, die weit über denen der anderen Teilnehmer lagen. Erst im zweiten Anlauf, als die Mitglieder eine neuerliche Spendensammlung machten, kam der Vertrag zustande.

Das Turnierformat war ungewöhnlich. Von den ursprünglichen 14 Teilnehmern sagten kurzfristig drei ab. Man einigte sich auf ein einrundiges Turnier mit elf Teilnehmern. Die fünf Erstplatzierten spielten anschließend ein weiteres doppelrundiges Finalturnier, wobei die vorher erzielten Punkte angerechnet wurden. Bemerkenswert ist, dass es schon damals eine „Sofia-Regel“ gab, die verbot, vor dem 45. Zug Remis zu machen.

Rubinstein und Lasker, die das Vorgängerturnier 1909 gemeinsam gewinnen konnten, zählten mit dem jungen Capablanca zu den Favoriten. Doch während die letzten beiden in einem spannenden Kampf den Turniersieg unter sich ausmachten, qualifizierte sich Rubinstein nicht einmal für die Endrunde. Mit mageren 50% belegte er nur den siebten Platz.

Tarrasch, der mit dem Turnierbuch beauftragt wurde, das in Deutsch und Russisch erschien, beklagte sich über das Turnierformat, gerade weil sich Rubinstein nicht qualifizierte. Zu dem Mann, der noch kurz zuvor eine Serie von Turniersiegen feierte, resümiert er: Rubinstein hat „seine Bewunderer aufs Höchste enttäuscht […]. Und zwar nicht nur durch seinen Miss­erfolg im Allgemeinen, sondern auch durch die Qualität seiner Partien. Er hat in diesem Turnier direkt schlecht gespielt […]“ Und hinsichtlich Rubinsteins bevorstehender WM-Herausforderung von Lasker postuliert Tarrasch nüchtern: „[…] daraus dürfte nun voraussichtlich nichts werden.“

Die Anmerkungen im Turnierbuch sind eine Zusammenstellung von Tarraschs Zeitungsartikeln, die er während des Turniers verfasste. Die Bücher des Praeceptor Germaniae können nie seine Eitelkeit verschleiern, die auch hier zum Ausdruck kommt. Mitte des Turniers notiert der Autor über sich selbst: „[Ü]ber den ersten Schönheitspreis dürfte die Entscheidung schon zu treffen sein; wahrscheinlich wird er Dr. Tarrasch für seine Partie gegen Niemzowitsch zufallen, die im weiteren Verlauf des Turniers nicht so leicht an Glanz der Spielführung übertroffen werden dürfte.“

Das Turnier ist vor allem wegen des spannenden Zweikampfes zwischen Weltmeister Lasker und dem auf­strebenden Capablanca in die Geschichte eingegangen. Nach dem ersten Rundenturnier führte Capablanca mit eineinhalb Punkten Vorsprung. Erst in der Rückrunde des Fünferturniers machte Lasker Boden gut. Dann verlor der Kubaner, der in seiner Karriere nur 36 Niederlagen erlitt, gleich zwei Partien hintereinander. Zum einen den berühmten Abtauschspanier gegen seinen direkten Konkurrenten Lasker, zum anderen gegen Tarrasch, der seinem Erz­rivalen einen mächtigen Dienst erwies. „Komisch, daß gerade Tarrasch seinen alten Rivalen den ersten Preis verschaffen musste“, bemerkt der Autor lakonisch.

Lasker konnte durch einen gewaltigen Kraftakt mit 7/8 das Fünferturnier und schließlich den nach der Vorrunde fast aussichtslosen Gesamtsieg feiern – vor Capablanca und dem überraschend starken, aber noch sehr jungen Aljechin, „von dem man sehr bald noch hören wird“, wie Tarrasch meint.

Dieser Klassiker über eine der bedeutendsten Turniere der Schachgeschichte ist jetzt wieder beim Jens-Erik Rudolph Verlag greifbar.