VON BOTWINNIK BIS KEYMER

Ein Interview mit Artur Jussupow

Artur Jussupow gehörte lange Zeit zu den besten Schachspielern der Welt, jetzt ist er erfolgreicher Trainer. Mit KARL sprach der Jugendweltmeister von 1977 und mehrfache Teilnehmer an den Kandidatenwettkämpfen über seine Zusammenarbeit mit Mark Dworetski, Michail Botwinnik, Vincent Keymer, die Vorbereitung auf Wettkämpfe und den richtigen Umgang mit dem Computer.

 

(Der Artikel ist auszugsweise wiedergegeben.
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KARL: Du hast eine lange und erfolgreiche Schachkarriere hinter Dir. Einer Deiner ersten Erfolge war der Sieg bei der Jugendweltmeisterschaft 1977. Erinnerst Du noch, wie Du Dich damals auf das Turnier vorbereitet hast?

ARTUR JUSSUPOW: Nicht im Detail, aber ich weiß noch, dass die Vorbereitung sehr schwer war. Wir hatten ein umfangreiches und anstrengendes Programm. Wir haben drei oder vier Trainingslager veranstaltet, bei denen auch andere starke Spieler dabei waren, gegen die ich Trainingspartien gespielt und mit denen ich analysiert habe. Dazu kam das „normale“ Training: Aufgaben lösen und viel analysieren. Das war sehr intensive Arbeit. Dennoch war uns am Ende nicht ganz klar, ob wir unser Ziel erreicht hatten. In den Trainingspartien gegen meine Sparrings­partner habe ich nicht besonders gespielt – nicht besonders gut, nicht be sonders schlecht. Aber das Turnier lief dann wunderbar. Die harte Vorbereitung hat sich gelohnt, und ich glaube, ich habe dadurch einen Schritt nach vorne gemacht. Im richtigen Moment. Ich gewann das Turnier mit 10,5 aus 13 und stand bereits eine Runde vor Schluss als Turniersieger fest.

Du sagst, ihr hättet euch Trainingsziele gesetzt. Wie setzt man sich beim Schach Trainingsziele?

Ziele muss man setzen, sonst macht die Vorbereitung keinen Sinn. Eines unserer Ziele war es, das Turnier zu gewinnen. Das ist ein ehrgeiziges Ziel. Wenn man sich damit begnügt, unter die Top 100 zu kommen, dann kann man dieses Ziel recht leicht erreichen, aber Erster zu werden ist immer schwer. Da muss man entweder besser spielen als die Konkurrenz oder sehr viel Glück haben.
Deshalb ist hartes Training sehr wichtig. Und dies harte Training war auch sehr motivierend. Nach dem Training habe ich gedacht: „Wenn es im Turnier am Anfang nicht gut läuft und ich irgendwann alle Partien gewinnen muss, um Erster zu werden, dann werde ich alle Partien gewinnen.“
Nun, ich war jung und etwas arrogant und etwas dumm, aber ich glaube, das hat mir geholfen, mich zu motivieren. Motivation aufzubauen ist Teil der Vorbereitung.

 

Jussupow
Foto: Harry Schaack

 

Wie viele Stunden am Tag habt ihr trainiert?

Etwa sechs Stunden am Tag. Dazu haben wir regelmäßig Sport gemacht. Die Bedingungen dafür waren ideal, denn wir haben in einem olympischen Leistungszentrum außerhalb von Moskau trainiert. Eine gute körperliche Verfassung ist wichtig, sonst hat man nicht genug Energie.

Du hast damals schon mit Mark Dworetski zusammengearbeitet?

Ja. 1975 hatten wir erste Kontakte, nach ein paar Jahren intensiver Arbeit kamen dann auch Erfolge.

Was hat Dworetski als Trainer ausgezeichnet?

Viele Dinge. Er war zum Trainer geboren. Man muss eine bestimmte Mentalität haben, um Trainer zu werden. Eine ganz andere Mentalität als die, die man als Profi braucht. Als Spieler war er nicht so erfolgreich wie als Trainer. Mark wollte, dass seine Schüler besser werden, Erfolg haben. Und er hat sehr hart gearbeitet und sehr gutes Trainingsmaterial zusammengestellt, um seinen Schülern zu helfen.
Und er war methodisch: Er studierte zuerst unsere Stärken und unsere Schwächen, nicht nur schachliche, sondern auch menschliche. Sein Ziel war dann, diese Schwächen zu beseitigen und unsere Stärken zu pflegen. Um diese Ziele zu erreichen, hat er viele spezielle Übungen entwickelt.
Mark war auch einer der ersten – mittlerweile versuchen andere Trainer das auch – der nicht nur Wissen vermitteln wollte, sondern viel Wert darauf legte, dass seine Schüler ihre Fähigkeiten verbessern, Entscheidungen zu treffen. Das kann man trainieren und das spielte bei Marks Training eine große Rolle. Wissen vermitteln wollte er natürlich auch, aber die Fähigkeit, eigenständige Entscheidungen zu treffen, stand bei seinem Training im Vordergrund.

Und wie sah die Arbeit an menschlichen Schwächen aus?

Ein beliebtes Mittel, um Charakterschwächen zu überwinden, war Sport. Wir haben damals viel körperliches Training gemacht. War jemand zum Beispiel ein wenig zu arrogant und hatte keine Lust, bei bestimmten Aufgaben länger nachzudenken, weil er der Meinung war, er kennt die Lösung bereits, dann hat Mark ihn zuerst verwarnt, aber wenn das nicht half und man nicht wirklich 100 Prozent Gas gegeben hat, dann konnte es sein, dass man zu einer Strafrunde Laufen verdonnert wurde.

Gab es ein spezielles Training für Turniere und Wettkämpfe?

Im Prinzip schon. Natürlich haben wir generell daran gearbeitet, bestimmte Schwächen zu beseitigen, aber natürlich haben wir auch spezielle Turnier- und Wettkampfvorbereitung gemacht – Eröffnungsvorbereitung und Vorbereitung auf bestimmte Gegner.

Wenn man die Bücher von Dworetski liest, gewinnt man den Eindruck, er sei kein besonders großer Eröffnungsexperte gewesen. Aber Vorbereitung scheint ja zu einem großen Teil aus Eröffnungsvorbereitung zu bestehen. Wie sah das bei Dworetski aus?

Er hat um diese Schwäche gewusst und hat sich nicht gescheut, andere Experten zu Rate zu ziehen. So habe ich im Laufe der Zeit mit sehr vielen Großmeistern gearbeitet: mit Sweschnikow, Dorfman, Beljawski, Tukmakow, Makarytschew oder Kotschiew, um nur ein paar zu nennen – die Liste ist lang. Wir haben in dieser Zeit von einer bestimmten Schachkultur der Sowjetunion profitiert. Die etablierten Spieler der älteren Generation waren bereit, Informationen mit den jüngeren Spielern zu teilen, und dadurch haben wir etwas von den älteren Großmeistern mitbekommen, was wir auf andere Weise nicht gelernt hätten. Und ohne die Hilfe von Mark wäre diese Zusammenarbeit nicht zustande gekommen. Aber natürlich haben wir auch mit Mark selbst sehr viel Eröffnungsarbeit gemacht. Wir haben viele Eröffnungen analysiert und auch als Sparringspartner war er sehr gut, denn er hat sehr stark gespielt. Ich habe etliche Matches gegen ihn gespielt, um bestimmte Stellungen besser zu verstehen, und das hat mir sehr geholfen.

Du hast zahlreiche Kandidatenwettkämpfe gespielt. Wie habt ihr euch auf diese Wettkämpfe vorbereitet?

Bei der Vorbereitung auf diese Wettkämpfe konnte man im Vorfeld natürlich die Partien des Gegners anschauen, um ein kleines Stärke / Schwäche-Profil anzufertigen und eine optimale Wettkampfstrategie festzulegen. Das ist uns teilweise gelungen, teilweise nicht. Und manchmal schien alles okay zu sein, obwohl es das gar nicht war. Ich weiß noch, wie ich mich auf einen Wettkampf gegen Jaan Ehlvest vorbereitet habe und sehr zufrieden mit der Qualität unserer Arbeit war. Ich habe gedacht, wir hätten uns ausgezeichnet vorbereitet. Aber im Wettkampf kam von der Vorbereitung nichts aufs Brett. Ehlvest wich allen vorbereiteten Varianten aus. Mich hat das nicht gestört, denn ich dachte, dass er wahrscheinlich Angst hatte und nicht wissen wollte, was wir vorbereitet hatten.
Später habe ich dann angefangen, die Varianten, die wir gegen Ehlvest vorbereitet hatten, in Turnieren auszuprobieren, und stellte fest, dass wir einige Fehler gemacht hatten – so gut war unsere Vorbereitung also nicht gewesen. Aber manchmal sind Illusionen wichtig: man ist überzeugt, dass etwas gut ist und tritt entsprechend auf. Manchmal ist Psychologie wichtiger als die Realität.

 

(Der Artikel ist auszugsweise wiedergegeben.
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