AUS EIGENER ERFAHRUNG

Von Harry Schaack

 

Maxim Dlugy gehörte in den Achtzigern zur erweiterten Weltspitze. Dass ihn heute kaum noch jemand kennt, liegt vor allem daran, dass er nicht lange als Schachprofi aktiv war und sich für eine Karriere an der Wall Street entschied. Dlugys Eltern emigrieren 1977 von Moskau nach New York. Noch zuvor erlernt Dlugy das Spiel im Alter von sieben Jahren von seinem Großvater. In seiner Jugend unterstützen ihn seine Eltern bedingungslos. Nach dem Schulabschluss entscheidet er gemeinsam mit seinen Eltern, dass er es sechs Jahre – also drei WM-­Zyklen – als Schachprofi versuchen will, mit der Zielsetzung Weltranglistenfünfter zu werden. Gelingt es nicht, kehrt er zum Studium zurück.

Mit 16 wird Dlugy IM, 1985 Juniorenweltmeister und 1986 GM. Beim Interzonenturnier 1985 in Tunis ist er nahe dran, den Durchbruch zu schaffen, als ihm nur ein Punkt zur Qualifikation zum Kandidatenturnier fehlt. Doch der Sprung an die Weltspitze bleibt ihm versagt. 1991 beendet er nach sechs Jahren seine Profikarriere.

Doch dem Schach bleibt Dlugy stets verbunden. Bei der WM 1990 gehört er zu Kasparows Sekundanten-Team gegen Karpow. In den Neunzigern trägt er wesentlich zum Eröffnungsbuch des Computers Deep Blue bei. 2010 unterstützt er Karpow bei dessen Wahlkampf um die FIDE-Präsidentschaft. Und während des WM-Matches zwischen Anand und Gelfand in Moskau 2012 werden Gemälde von ihm in der berühmten Tretjakow-Galerie ausgestellt. In letzter Zeit ist Dlugy in der schachlichen Öffentlichkeit wieder präsenter. Bei der WM in New York 2016 war er Kommentator und kürzlich gründete er die Chess Max Academy, die Schachlektionen für Jugendliche anbietet.

Ein Indiz für Dlugys neuerliche Schachaktivität ist sein Werk Grandmaster Insides, das in diesem Jahr erschien. Der amerikanische Großmeister setzt sich darin mit unterschiedlichsten Aspekten auseinander, die für die Entwicklung schachlicher Fertigkeiten von Vorteil sind. Dabei wird Dlugy selbst zum „Rolemodel“. Er erklärt, wie er sich sukzessive bis zum Großmeister verbessert hat. Immerzu hat er dabei seine eigene „menschliche Seite“ im Blick. Er nimmt nie die Position des überlegenen GMs ein, sondern zeigt auch seine Schwächen und Fehler, mit denen er den Leser ermutigen will, sich selbst zu verbessern.

Dlugy will vor allem die richtige Herangehensweise an das Schach vermitteln. Dabei berücksichtigt er viele Faktoren, die oft unbeachtet bleiben: So berichtet er, wie er sich durch neue Ziele immer wieder motiviert hat. Sie trieben ihn dazu, Rekorde zu brechen, Elo-Barrieren zu überwinden und Turniere zu gewinnen. Oder er fragt sich, ob man mehr spielen oder mehr analysieren soll. Und er empfiehlt Spiele, die nichts mit Schach zu tun haben, aber Konzentration, Erinnerungsvermögen, Risikobereitschaft und Kreativität befördern.

Man spürt gelegentlich, dass Dlugy ein gewisses Misstrauen gegenüber den Engines hegt. Vielleicht auch deshalb ist es ihm im Kapitel zum Eröffnungsstudium wichtiger, sich zu jeder Variante die unterschiedlichen Pläne und Strategien zu notieren, als die Züge auswendig zu lernen.

Ein größerer Teil des Buches widmet sich Dlugys Begegnungen mit den größten Schachspielern seiner Zeit. Er hat von Smyslow bis hin zu Carlsen gegen viele Weltmeister gespielt und ein beachtliches Ergebnis erzielt. Sehr lesenswert ist es, wenn er Anekdoten erzählt, etwa wie ihm Carlsen einmal tiefe Einblicke in ein Endspiel gab.

Dlugy hat es zwar im klassischen Schach nicht ganz nach vorne gebracht, im Blitz aber schon. Dort maß er sich auf Augenhöhe mit den Allerbesten, gewann eine Zeitlang fast jedes Blitzturnier, an dem er teilnahm, und belegte von 1988 bis 1993 den ersten Platz in der World Blitz Chess Association.

Es wundert deshalb nicht, dass Dlugy ein großer Verfechter des Blitzspiels ist. Auch in seinem Buch verteidigt er die vorteilhaften Effekte des Blitzens, das für ihn stets ein Trainingsmittel gewesen ist, sich zu verbessern, schnell Eröffnungen zu lernen oder Stellungstypen zu verstehen.

Eines der erhellendsten Kapitel beschäftigt sich mit der Wettkampfvorbereitung. Als Dlugy einst gegen Fedorowicz ein Match spielte, führte er ein Tagebuch. Es enthält die Stilanalyse seines Gegners, Eröffnungsvorbereitung, die Match strategie und seine Gedanken vor den jeweiligen Partien. Dies verschafft dem Leser einen unverstellten Einblick in die konkrete Arbeitsweise eines Großmeisters.

Grandmaster Insides ist gleichermaßen ein instruktives Trainingsbuch und unterhaltsame Lektüre.

 

 

grandmaster_insides

Maxim Dlugy,
Grandmaster Insides,
Thinkers Publishing 2017,
405 S., kartoniert,
29,95 Euro

 

Das Rezensionsexemplar
wurde freundlicherweise
von Schach E. Niggemann zur
Verfügung gestellt.