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VON GIGAMÄUSEN
UND KÖNIGSKINDERN
VON STEPHAN WENDEL
Fritz & Fertig
wurde nach seinem Erscheinen im Herbst dieses Jahres mit Preisen geradezu
überhäuft: U.a. erhielt das Programm auf der diesjährigen
Frankfurter Buchmesse die Goldene Gigamaus für die beste
Kinder-Software des Jahres. Nach all dem Lob und der Werbung der Produzenten
(vollkommen neuartiger interaktiver Weg zum Lernen und Trainieren
des Schachspiels und Schach-Adventure) legte ich die
CD mit hohen Erwartungen in das Laufwerk meines Computers. Sie wurden
nicht enttäuscht.
Fangen wir mit dem Adventure-Teil an. Die Trainingseinheiten,
laut Hersteller für Kinder ab 8 Jahren geeignet, sind in eine entzückende
Rahmengeschichte eingebettet: Prinz Fritz und seine Cousine Bianca haben
es sich im Schloss der Eltern gerade gemütlich gemacht, als ihnen
eine Herausforderung zum Schachduell vom finsteren König Schwarz
ins Haus flattert. Der möchte sich die Abwesenheit des Königspaars
(sie weilen im Urlaub) zunutze machen, um sich für eine frühere
Niederlage zu rächen. Begleitet von König Bunt, einem alten
Freund der Familie, und später dann von der Kanalratte Fred Fertig,
begeben sich Fritz und Bianca stellvertretend für die kindlichen
Spieler auf den Trainingsparcours, um für das Duell gerüstet
zu sein. Im Parcours warten viele liebevoll gestaltete Details auf ihre
Entdeckung. In einer ersten Phase durchlaufen unsere Helden sechs Spiele,
bei denen sie - ohne direkten Bezug zum Schach! - mit den Eigenarten der
Schachsteine vertraut gemacht werden: Sie sollen Kloschüsseln zerdeppern,
um die Gangart des Läufers zu erlernen, und an der Bärentaler
Bauernkloppe lernen sie die Zug- und Schlagart der Bauern kennen.
Fünf dieser sechs Lernstationen scheinen mir gut gelungen; einzig
den didaktischen Wert des an Pacman erinnernden Labyrinths, in dem das
Kind Geldstücke von Zitterlind McSparpfennig einsammelt und dabei
von Spinnen verfolgt wird, wage ich anzuzweifeln. Die Vorstellung, durch
das Manövrieren in den Gängen des Labyrinths, das nur senkrecht
und waagrecht möglich ist, könne die Fortbewegungsart des Turmes
im kindlichen Gedächtnis verankert werden, halte ich für zu
optimistisch. Die assoziative Verbindung zwischen den beiden erscheint
mir zu schwach.
Hat der Spieler oder die Spielerin all dies gemeistert, gelangt er oder
sie in das Kernstück des Programms, die Muckibude für
Hirngymnastik. In drei Trainingsräumen von ansteigendem Schwierigkeitsgrad
(Leicht-, Mittel- und Schwergewicht) kann das zuvor erworbene
Wissen, die Gangarten der Schachfiguren und auch schon das Mattsetzen
mit diesen Steinen geübt werden. Dazu kommen Übungen zum Schlagen
von Steinen und zu Sonderregeln wie Rochade und Patt. Bei erfolgreich
absolvierter Übung erhält der Spieler einen Pokal mit (vereinzelt
etwas angestrengt wirkendem) Merksprüchlein. Hat man alle Pokale
im Schrank und wurde der Lernfortschritt auf der Hirnwaage
attestiert, darf der Spieler zum abschließenden Duell in der Arena
antreten, wo ihn König Schwarz erwartet. Hier darf das Kind seine
bisher erworbenen Kenntnisse gegen ein auf niedriger Stufe spielendes
Fritz-Schachprogramm, das hinter König Schwarz steckt, erproben.
Bei Erfolg kann die Spielstärke des Gegners erhöht werden oder
man wendet seine neuen Fähigkeiten im Kinderschachraum des Schachservers
von Chessbase an. Die Verbindung lässt sich von der CD problemlos
herstellen.
In ihrer Besprechung in der Novemberausgabe der Zeitschrift Schach (S.60-61)
stellte Sibylle Heyme zu Recht fest, dass es vorzuziehen gewesen wäre,
wenn dem noch über keine Spielpraxis verfügenden Kind vor dem
ersten echten Duell mit dem Computerprogramm ein paar strategische
Lektionen (zum Beispiel zur Bedeutung der Zentrumsfelder) mit auf den
Weg gegeben worden wären. Doch auch diese berechtigte Kritik kann
das Bild der CD nur unwesentlich trüben: Meiner Einschätzung
nach sind methodischer Ansatz sowie Gestaltung des Lernprogramms so gelungen,
dass der Kauf nachdrücklich empfohlen werden kann. Bleibt zu hoffen,
dass das Programm so viele Käufer und Käuferinnen findet, dass
es in den Kassen von Chessbase und Terzio, des renommierten Münchener
Softwareproduzenten, tüchtig klingelt. Denn in diesem Fall stünde
vielleicht genug Geld zur Verfügung, um in einer künftigen Version
die beiden oben erwähnten Schwachpunkte zu beseitigen. Also, meine
Damen und Herren Eltern, Onkel und Tanten: Lassen Sie sich nicht durch
den Preis von 36 Euro abschrecken! Legen Sie die Gigamaus-prämierte
CD den lieben Kleinen (womöglich angehenden Schachprinzen und -prinzessinnen)
unter den Weihnachtsbaum!
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