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EIN MARSHALL AUF DEM WEG NACH OBEN
Von Thomas Huth
Den Buchumschlag schmückt das Foto eines jungen Mannes, den man eher
als erfolglosen Revolverhelden in einem Experimentalwestern von Jim Jarmusch
erwarten würde als an einem Schachbrett. Auch der Titel führt
einen zunächst auf eine falsche Spur. Young Marshall
ist da zu lesen, was wiederum eher an einen Hilfssheriff von Dodge-City
denken lässt als an das königliche Spiel. Schließlich
verrät nach solch subtilen Irritationen der Untertitel, dass es im
vorliegenden Werk um die frühe Schachkarriere des amerikanischen
Meisters Frank James Marshall geht.
Der Autor John S. Hilbert hat sich der Jahre 1893-1900 angenommen, die
aus dem kanadischen Schachteenager den geachteten internationalen Turnierspieler
des großen Pariser Turniers von 1900 werden ließen. Marshall
gehörte danach für Jahrzehnte zu den festen Größen
im jungen amerikanischen Schach. Dass dieser Erfolg ihm nicht in den Schoß
gefallen ist, sondern Frucht langen Lernens und unermüdlicher Schachpraxis
war, zeigt die Schachbiographie im ersten Teil des Buches.
Der zweite Teil illustriert diesen Werdegang durch 173 mehr oder (meist)
weniger kommentierte Partien.
Wer nun hofft, etwas über den Menschen Marshall in Erfahrung zu bringen,
wird hier nicht fündig. Vor dem Hintergrund einiger weniger dürrer
Daten, wie die Geburt am 10. 8. 1877 in New York, den Umzug der Familie
nach Montreal 1885 und die Rückkehr 1895 in die USA, nach Brooklyn,
ist der schachliche Werdegang in epischer Breite entwickelt. Der Leser
wird mit so ziemlich jedem Turnier, jedem Vereins- , ja sogar mit jedem
Vereinslokalwechsel, behelligt. Wie Marshalls schachliche Leitbilder ausgesehen
haben könnten, bleibt im Dunkeln. Learning by doing scheint das Rezept
zur Spielstärkesteigerung gewesen sein. So kommt Marshall selbst
mit der Empfehlung zu Wort, der schnellste Weg zur spielerischen Verbesserung
sei die unverzügliche Mitgliedschaft in einem Schachclub. Den DSB
wird's freuen!
Überhaupt entwickelt der Autor auf den 121 Seiten des biographischen
Teils eine kaum gezügelte Begeisterung fürs Zitieren. Neben
zahllosen Zeitungsartikeln war auch das Buch My Fifty Years of Chess von
Frank Marshall selbst ein unerschöpfliches Reservoir recyclingfähigen
Materials. An mehreren Punkten allerdings kann John S. Hilbert Marshall
nachweisen, dass er in seiner Autobiographie nicht immer mit sich selbst
deckungsgleich ist. Es scheint durchaus verzeihlich, wenn sich ein Meister
nach einem langen Schachleben nicht mehr hundertprozentig daran erinnern
kann, wann er Vereinsmeister des Brooklyner Schachclubs war oder wann
er an einer Blindsimultanveranstaltung gegen eine lokale Größe
teilnahm. Schließlich hatte Marshall für seine eigene Biographie
nicht die wertvollen Informationen aus 312 Fußnoten zur Verfügung.
Allein sie machen annähernd ein Drittel des Textes aus!
Was an Marshalls Werdegang den nachhaltigsten Eindruck hinterlässt,
ist der unermüdliche Ehrgeiz, durch dauerndes Spielen gegen möglichst
stärkere Gegner, sich selbst weiter zu entwickeln. Er war nämlich
durchaus kein Wunderkind und hatte daher, besonders nach großen
Erfolgen wie den Turnieren in London (1899) und Paris (1900), herbe Rückschläge
in miserabel gespielten Begegnungen zu verkraften. So folgte nach seinem
hervorragenden Abschneiden im Kreise der Weltelite beim Pariser Turnier
ein letzter Platz mit 2,5:7,5 bei der Vereinsmeisterschaft
im Manhattan Chess Club!
Auch diese Katastrophen stehen im Partieteil des Buches. Meist spärlich
kommentiert taucht man in die Welt des Schachs der Jahrhundertwende ein.
Allerlei Romantisches bietet sich dem Auge dar, mit Fleiß wird hier
noch geopfert, und wenn gestorben wird, dann aber richtig.
Die Qualität der Partien ist folglich sehr schwankend, aber das Nachspielen
auf jeden Fall unterhaltsam, zumal man endlich mal wieder ein flottes
Königsgambit zu sehen bekommt oder die beliebte Einsteigereröffnung
Italienisch. Die Notation ist fehlerfrei, die Diagramme schnell erfassbar.
Ein wenig problematisch ist mitunter die Abschnittseinteilung. Nicht immer
wird deutlich, ob es sich um den Abspann der Vorgängerpartie
handelt oder ob es bereits Teil der neuen Partie ist. Daran krankt vor
allem auch der biographische Teil, der abgesehen von vielen Absätzen
weder durch Kapiteleinteilung noch sonstige Strukturierungsversuche verformt
ist. Wenn man dann neben schacharchäologischen Raritäten wie
der ältesten bekannten, in diesem Falle rekonstruierten, Partie Marshalls
auch so erheiternde Kurzpartien wie die gegen die lokale Schachgröße
Short genießen darf, kommt man durchaus auf seine Kosten. Für
Liebhaber des Sujets sicher eine Fundgrube.
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