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Ernst
Strouhal,
44, ist Assistent an
der
Universität
für angewandte Kunst
in Wien und u.a.
Autor von Duchamps
Spiel (1994), acht mal
acht. Zur Kunst des Schachspiels (1996) und
Der Zettelkatalog (1999).
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SCHACH IM
ZEITALTER DER UNGEDULD
TEXT: ERNST
STROUHAL

"Schnell,
noch schneller, so schnell wie möglich.
(Exzentrische Tempoangabe von Robert Schumann zu einem
seiner KlavierstückeI)
Es ist einige Jahre
her, seit in Klagenfurt, einer Universitätsstadt im Süden Österreichs,
der Verein zur Verzögerung der Zeit gegründet wurde. Hauptanliegen
der Mitglieder ist es, inmitten sich ständig steigernder Beschleunigung
auf die Bedeutung der Langsamkeit im sozialen, kulturellen und politischen
Leben hinzuweisen. Auch wenn die Hauptversammlungen des Vereins naturgemäß
stets mit gehöriger Verspätung durchgeführt wurden, gaben
die Zeitverzögerer doch Impulse, über die sinnvolle Nutzung
der Ressource Zeit nachzudenken.
Natürlich ist der Kampf gegen die Beschleunigung ein Kampf gegen
Windmühlen. Er kompensiert im Kulturellen jene Defizite und Schäden,
die regelmäßig von den Schüben der Modernisierung verursacht
werden, und ist mehr eine Sache für das Philosophieseminar oder die
therapeutische Lebensberatung als für die Praxis. Kurz gesagt: Man
stöhnt über den unmenschlichen Termindruck, dem man unterliegt,
und hinkt den Zeitkontrollen der Gegenwart doch diszipliniert hinterher.
Was sich im Geschwindigkeitsrausch ereignet, ist der Triumph der Plötzlichkeit,
er ist irreversibel. Wer in der Politik oder an der Börse nicht rasch
entscheidet, egal wie, ist noch rascher aus dem Spiel. In der Forschung
produziert man statt Büchern so genannte Papers, um den immer rascheren
Zyklen der Innovation Rechnung zu tragen. In der Champions League entscheidet
der Sudden Death. Und was immer man gegen den Quickie einwenden mag, sein
Vollzug ist Alltag. Die schnellen Brüter haben längst alle Bereiche
des Alltags besetzt. So klingt das Märchen vom Sieg des langsamen
Igels über den schnellen Hasen zwar schön, ist aber, wie jedes
Märchen, ein wenig zu schön, um wahr zu sein.
Ungeduld, einst eine Charakterschwäche, hat sich zur Kardinaltugend
der Gegenwart entwickelt (und zwar zwecks Bewältigung derselben).
Was sich im Großraum der Gesellschaft ereignet, bildet sich in Miniaturform
in der kleinen Welt des Schachspiels ab. Im Vorjahr hat die FIDE beschlossen,
die Bedenkzeit für Schachpartien auf ein Maß zu verkürzen,
das dem Gremium angesichts der aktuellen medialen und organisatorischen
Anforderungen für die Jetztzeit angemessen schien: Pro Spieler stehen
in Zukunft für die ersten 40 Züge einer Partie 75 Minuten zur
Verfügung, der Rest soll in 15 Minuten erledigt werden, dazu gibt
es von Beginn an 30 Sekunden pro Zug. Eine Partie mit 60 Zügen wird,
wenn beide Spieler ihre Zeitvorräte ausschöpfen, vier Stunden
dauern.
Der FIDE-Beschluss hat zurecht einigen Staub aufgewirbelt und weltweit
Proteste, sowohl gegen das Verfahren als auch gegen das Ergebnis hervorgerufen.
Die Kritik kam von Professionals, die künftig das Gespenst der Zeitnot
nicht mehr als zeitweilig erscheinenden und ungebetenen Gast sondern als
permanenten Begleiter ihres Arbeitslebens betrachten müssen, aber
auch von vielen Amateuren und Funktionären, die das zentralistische
Zustandekommen einer solchen Zeit-Verordnung als undemokratisch zurückwiesen.
Für mich stellt sich zusätzlich die Frage nach der Sinnhaftigkeit
einer Zeitverknappung. Bedeutet die Amputation der Bedenkzeit eine positive
Anpassung an gesellschaftliche Prozesse, oder wird dem Schachspiel just
das amputiert, was es Spiel inmitten allgemeiner Beschleunigung als Kontrast
oder Alternative wertvoll und einzigartig macht?
II
Blättern wir ein wenig in der Geschichte des Schachspiels, so kann
seine Entwicklung seit der Renaissance als eine der Internationalisierung
und der Dynamisierung seiner Regeln gelesen werden. Mit der Erfindung
und Akzeptanz der Langschrittigkeit der Dame, des Doppelschritts der Bauern,
der Rochade und des Schlagens en passent wurde das bedächtige mittelalterliche
Schachspiel in ein dynamisches Spiel mit schnellen Entscheidungen transformiert.
Schach überstand damit die Konkurrenz anderer Brettspiele, der Würfel
und vor allem der Kartenspiele. Seit dem Buch des Lucena von 1496/97 wurden
die regionale Abweichunen nach und nach eingeebnet und international gültige
Regeln herausgefiltert, die von den zu Beginn des 19. Jahrhundert entstehenden
Schachgesellschaften schließlich so weit akzeptiert wurden, dass
länderübergreifende Wettkämpfe möglich waren.
Neben der Ausformulierung von Regelkompendien und der
Etablierung eines Notationssystems stand das 19. Jahrhundert vor der Schwierigkeit,
die äußeren Spielbedingungen in Regeln zu fassen. Benjamin
Franklins Empfehlungen für das adäquate
Verhalten des Gentleman beim Spiel in den Morals of Chess von 1791 reichten
nicht mehr.
Ein entscheidendes Feld der Regulative bildete die Bedenkzeit. Angesichts
fortschreitender Institutionalisierung und Professionalisierung des Spiels
musste Spiel-Zeit immer mehr als Arbeits-Zeit normiert werden. Zwar wurden
bereits im 18. Jahrhundert Uhren mit erstaunlicher Genauigkeit hergestellt,
und in der Musik gab nicht mehr das Gefühl sondern bereits das Maelzelsche
Metronom das Tempo vor, doch erst in der Welt der
entwickelten Industrialisierung wurde - im Krieg, in der Kommunikation,
in der Güterproduktion und im Sport - die Beherrschung der Zeit bedeutsamer
als die Herrschaft über den Raum. Überraschenderweise wurde
die Zeitmessung und die Kontrolle immer kleinerer Zeiteinheiten zunächst
in der Freizeit angewandt. Die Schnelligkeit der Bewegung, der in Zeit-
und nicht in Raumeinheiten angebbare Rekord und die Steigerung der
Leistung im Sport durch die Erhöhung des in Sekunden messbaren Tempos
sind Kinder des 19. Jahrhunderts. Sie bereiteten das Feld für das
Regime des Taylorismus, in dem nicht mehr der Besitz von Raum oder Maschinen
die Wertschöpfung bestimmt sondern die Optimierung der Zeitabläufe
in der Produktion. Das englische Wort timekeeper ist mehrdeutig, es bezeichnet
die Stoppuhr ebenso wie den Aufseher in der Fabrik (vgl. H. Eichberg:
Der Umbruch des Bewegungsverhaltens. Leibesübungen, Spiele und Tänze
in der Industriellen Revolution.- In: Verhaltenswandel in der Industriellen
Revolution, hg von A. Nitschke, Stuttgart 1975, S. 118 - 135)
Die Zeitregulierung im Schachspiel hinkte der allgemeinen
Entwicklung auf dem Weg zur Zeitdisziplin stets hinterher. Noch beim Londoner
Turnier 1851, als die Eisenbahnen schon pünktlich auf die Minute
verkehrten (oder zumindest Verspätungen gegenüber einem existenten
Fahrplan produzierten), gab es im Schach keine Zeitbeschränkung.
Einzelne Partien dauerten damals bis zu 20 Stunden. Im Wettkampf mit Paul
Morphy brütete Louis Paulsen mitunter zwei Stunden über einen
einzigen Zug. Es ist aus heutiger Sicht nicht ohne Interesse, wie in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts versucht wurde, die Zeit organisatorisch
wie technologisch in den Griff zu bekommen.
Die Regel, dass Zeitüberschreitung den Verlust der Partie zur Folge
hat, hat sich erst nach langem Zögern und Experimentieren herausgebildet.
Zunächst wurde versucht, die Zeit für einen
einzelnen Zug oder eine Zahl von Zügen zu beschränken. Der Mehrverbrauch
konnte durch das Bezahlen einer Buße vom
Spieler erkauft werden. Die (häufig uneinbringlichen) Bußgelder,
Zeitbudgets und Zugzahlen variierten allerdings stark. Erst der 1924 gegründete
Weltschachbund FIDE setzte nach und nach einheitlichere Zeitmaße
durch.
Die Versuche, die Zeitdisziplin durchzusetzen, blieben im
19. Jahrhundert natürlich nicht unwidersprochen. Am bezeichnendsten
für das Ende der Laissez-faire ist jene Geschichte, die sich beim
Wiener Turnier 1882 zugetragen hat. James Mason überschritt gegen
Henry Edward Bird die Zeit. Bird reklamierte jedoch nicht, und am Mason
gewann die Partie. Wilhelm Steinitz, der direkte Konkurrent Masons um
den Turniersieg, protestierte beim Schiedsgericht, worauf dieses Bird
den Sieg zusprach. Etwas hatte sich verändert, wie bei den Regulativen
der Arbeitszeit in den Fabriksordnungen 19. Jahrhundert: Musste um 1860
der so genannte blaue Montag, den die Facharbeiter in Lokomotiv-Fabriken
gerne feierten, noch explizit verboten werden, so findet sich um 1890
nicht einmal mehr ein Verbot desselben.
Die Zeitmessung im Schach erfolgte zunächst durch Sanduhren, wobei
der Spieler seine Uhr nach seinem Zuges in waagrechte Stellung brachte.
Bei Wettkämpfen wie Anderssen - Steinitz 1866 wurden Stoppuhren eingesetzt,
die vom Schiedsrichter bedient wurden. Eine mechanische Doppeluhr mit
Minutenanzeige, in der beide Uhrwerke durch einen Balken verbunden waren,
kam wohl erstmals beim Londoner Turnier 1883 zur Verwendung. Um die Jahrhundertwende
wurde schließlich ein kleines Fähnchen am Ziffernblatt montiert,
das die Zeitkontrolle und ihre mögliche berschreitung sekundengenau
anzeigte.
Wie in den Fabriken waren nun auch im Schach die Uhren exakt gestellt
und die Sanktionen gegen Verstöße gegen die Zeitdisziplin exakt
definiert. Wer sich nicht im Gleichklang mit den Maschinen befand, tickte
nicht richtig - wie der Fabriksarbeiter in Chaplins Modern Times. Der
in England gebräuchliche Ausdruck für das Fähnchen lautete
übrigens Guillotine.
III
Eine Geschichte der Zeit im Schachspiel könnte zeigen, dass das Spiel
nicht nur ein Ort der Freiheit und Kontrast zur Welt der Arbeit ist, sondern
bei aller Autonomie auch ihr getreuliches Echo. Wenn heute gelebt und
gearbeitet werden soll wie in einer Blitzpartie, warum sollte dann das
Schachspiel anders aussehen? Und außerdem: Wer regelmäßig
Vereinsabende besucht oder sich in Internet-Cafés bewegt, weiß,
dass nur selten nicht geblitzt wird.
Aber kommt ein Beschleunigungsdekret dem Spiel wirklich zugute? Ohne in
Zivilisationskritik zu verfallen und die Vergangenheit zu verklären,
kann man daran zweifeln. Die Befürworter argumentieren mit der Anpassung
des Spiels an die berühmten Verhältnisse, sprich: an die Realität
einer Gesellschaft, die sich an immer intensiveren und rascher wechselnden
Reizen und ihren medialen Oberflächen orientiert. Die Diagnose mag
zutreffen, aber kann das Schachspiel in der Konkurrenz von Angeboten,
die diesen Erlebnisstress besser bedienen, überhaupt bestehen?
Ich denke nicht. Wladimir Kramnik hat kürzlich die Grenzen einer
solchen Anpassung im Zeichen falscher Popularisierung in einem Interview
mit der Website www.kasparovchess.com überaus präzise
bestimmt: Schach sollte nicht dazu absinken, nur noch Sport zu sein.
Ein solcher Ansatz hat keine Zukunft. Ich verstehe die Logik und die Motive
der FIDE, aber dieser Weg führt in eine Einbahnstraße. Schach
wird nie beliebter sein als Fußball oder Tennis, weil Schach einfach
zu komplex ist. Um einen Sport zu genießen, muss der Zuschauer ein
Minimum davon verstehen. Im Schach liegt dieses Minimum ziemlich hoch,
ich schätze mal bei einer Wertzahl von etwa 1700. Bis ein Anfänger
dieses Niveau erreicht, vergeht viel Zeit. Selbst die Grundregeln, wie
die Figuren ziehen, kann sich jeder auf Anhieb merken. Das große
Publikum wird stets einfachere und spektakulärere Sportarten vorziehen.
In seiner Geschichte hat Schach nur zwei Mal über diese Grenze hinaus
Aufmerksamkeit erregt. Als Bobby Fischer 1972 in
Reykjavik Boris Spasski schlug und ein Viertel Jahrhundert
später, als Garri Kasparow in New York gegen Deep Blue verlor. Es
war jedoch der Charakter eines im ersten Fall politischen und im zweiten
Fall technologischen Duells, durch welches das Spiel kurzfristig in den
Blickpunkt eines Massenpublikums aufrückte. Dieses Interesse entzündete
sich nicht am Spiel selbst, sondern am Charakter des Duells und seinem
Ausgang. Ob die Partien nun zwei oder sechs Stunden oder nur eine dauerten,
war völlig unwichtig.
Für Bildmedien ist selbst eine halbe Stunde Schach zu lang. Es gibt
nichts auf dieser Welt, was sich im Zeitalter der Fernbedienung schwerer
ins Bild setzen lässt als eine Schachpartie. Oder wie es Julian Barnes,
ein Laie, was das Schachspiel betrifft, in einem seiner Briefe aus London
ausdrückt: Ein Live-Schachturnier ist ungefähr so spannend,
als sähe man Farbe beim Trocknen zu. Aber das hieße der Farbe
Unrecht tun. Zwei Menschen sitzen einander gegenüber, sagen
nichts, blicken traurig und schieben, mal langsam, mal schnell, Holzklötze
hin und her. Mehr tut sich nicht.
ber die Möglichkeiten der Versportlichung des Schachspiels
und seiner Präsenz in den Medien sollte man sich daher keine
Illusionen machen. Anders als im Tennis oder im Fußball kennt die
breitere Öffentlichkeit gerade den Namen des Weltmeisters und auch
das nur, wenn sein Name und Gesicht über Monate und Jahre hindurch
in den Medien präsent bleiben, was gegen eine Beschleunigung des
traditionellen WM-Modus spricht. Im übrigen: Wie lauten die Vornamen
der Finalisten bei der
vorletzten FIDE-WM?
Mit dem Kick beim Bungee-Jumping oder Mortal Combat wird Schach trotz
aller Beschleunigungsversuche nicht konkurrieren können. Viel wahrscheinlicher
ist es, dass Schach durch die erzwungene Oberflächlichkeit
(Yannick Pelletier), welche die dekretierte Verkürzung der Bedenkzeit
mit sich bringt, jenes Expertenpublikum verliert, das obsessiv an seiner
sthetik und seiner unzeitgemäßen Langsamkeit hängt.
Es ergibt wenig Sinn, die Zeitnotschlacht zu seiner Essenz zu erklären
und an Stelle des Spielens das Zocken zu stellen. Hier bieten Poker, Black
Jack und Roulette wesentlich bessere Kost. Was stünde am Ende einer
solchen Reform? Figurenwerfen vielleicht oder derjenige gewinnt, der schneller
Matt sagen kann?
IV
Schach wird angesichts der Komplexität seiner Regeln wie Jazz immer
nur eine interessierte Teilöffentlichkeit mit hoher Kompetenz erreichen.
Statt sich Illusionen über die Popularisierung durch Beschleunigung
zu machen, ginge es eher darum, aus der Not, die keine ist, eine Tugend
zu machen. Schach ist das beliebteste Brettspiel der Menschheit. Es wird
seit mehr als tausend Jahren gespielt und fasziniert gerade durch seine
Schwierigkeit und seine Stellung zwischen Kunst, Wissenschaft und Spiel.
Daran wird sich nichts ändern, es könnte aber sein, dass wir,
was die Zeitregulative betrifft, am Beginn des 21. Jahrhunderts in gewisser
Weise zum fröhlich-chaotischen Zustand des 19. Jahrhunderts zurückkehren.
Zentrale Entscheidungen, wie die der FIDE, werden an den Peripherien immer
weniger Akzeptanz
finden und sich unter Umständen Schachkulturen ohne Zentrum herausbilden.
Wie im Jazz wird es viele Arten, viele verschiedene Tempi und Rhythmen
geben, die gespielt werden können,
vielleicht wird das Wort regulär in Zukunft im Schach so wenig Sinn
machen wie im Jazz oder im Blues.
Der legendäre B. B. King wurde im übrigen nicht durch ultraschnelle
Gitarrenläufe berühmt. Viele der Soli, die er auf seiner Lucille
spielt, bestehen nur aus wenigen, unendlich langgezogenen Tönen.
Du musst nicht 64 Töne pro Takt spielen, sagt er. Man
muss auch nicht 64 Züge pro Minute machen.
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