|
|
|
JOHN NUNN, UNDERSTANDING
CHESS: MOVE BY MOVE
VON JOHANNES FISCHER
Wie auch auf anderen Gebieten schreitet die Wissensexplosion im Schach
mit gewaltigem Tempo voran. Neben Datenbanken, die mittlerweile Partien
enthalten, die früher nicht einmal aufgezeichnet worden wären,
liefert das Internet täglich neue Partien - gelegentlich mit Kommentaren
versehen, die so gründlich und ausführlich sind wie manche Kommentare
der Klassiker der Schachliteratur. Schachprogramme spielen nicht nur gewisse
Endspielstellungen perfekt, sondern sie treiben auch die Entwicklung der
Eröffnungstheorie schneller denn je voran. Ebenso verändern
Schachcomputer mit ihren oft paradox anmutenden, allein auf taktischen
Berechnungen ruhenden Zügen, das schachliche Denken: immer mehr bewegt
man sich von allgemeinen Regeln zur konkreten Einschätzung der jeweiligen
Position.
Eine Entwicklung, die, wie John Nunn in seinem neuen Buch Understanding
Chess meint, von den traditionellen Lehrbüchern nur unzureichend
berücksichtigt wird. Laut Nunn bewegen sich die meisten dieser Bücher
auf dem Stand der Mittelspieltheorie von 1950 und täuschen mit den
von ihnen gelieferten Beispielen eine trügerische Einfachheit vor.
Understanding Chess möchte nun nicht mehr und nicht weniger als ein
Lehrbuch des zeitgenössischen Schachs in seiner ganzen Komplexität
sein: "Ich hoffe, diese moderne Einstellung zum Schach auf eine Art
darstellen zu können, die für eine breite Leserschaft verständlich
ist."
Dazu hat Nunn eine Auswahl von 30 modernen Großmeisterpartien getroffen,
die ausführlich analysiert und erläutert werden. 27 von 30 dieser
Partien wurden in den neunziger Jahren gespielt, die älteste Ende
der siebziger Jahre. Jede einzelne Partie illustriert ein bestimmtes Thema,
wie Raumvorteil oder das Spiel bei entgegengesetzten Rochaden, offene
Linien, das Läuferpaar usw.. Dabei stehen bekannte Partien wie Kasparov
- Shirov, Horgen 1994 oder Short - Timman, Tilburg 1991 neben (noch) nicht
so bekannten. Allen Partien gemeinsam ist, dass sie von etwa gleichrangigen
Großmeistern gespielt wurde - einseitige Demonstrationen der Vor-
und Nachteile strategischer Motive, die sich sonst in manchem Buch finden,
hat Nunn bewußt vermieden. Jeder Partie vorangestellt ist eine kurze
Einleitung, die in das jeweilige Motiv und die damit einher gehenden grundsätzlichen
Strategien einführt. Die Partien selbst sind ausführlich kommentiert
- im Sinne einer umfassenden Verständlichkeit wird beinahe jeder
Zug erläutert und zudem finden sich, wie man es von Nunn gewohnt
ist, detaillierte, variantenreiche Analysen.
Dies bezeugt den Anspruch die Komplexität modernen Schachs für
"eine breite Leserschaft verständlich" zu machen und bedeutet
zugleich einen gewagten Spagat, der gelegentlich zu einer auf den ersten
Blick befremdlich anmutenden Mischung aus Trivialem und Anspruchsvollem
führt: auf der einen Seite komplexe Analysen, auf der anderen Seite
die Mitteilung, dass 1.d4 neben 1. e4 einer der meist gespielten Anfangszüge
ist. Bei solch unterschiedlichen Kommentaren taucht die Frage, an wen
sich dieses Buch eigentlich wendet und welchen Sinn diese ausführlichen
Erläuterungen haben, ganz von alleine auf.
Dazu geben wir am Besten Nunn selbst das Wort. Die folgende Stellung entstand
nach dem 11. Zug von Schwarz in der Partie Shirov - Reinderman, Wijk aan
Zee, 1999. Wer den Namen Shirov liest, wird vielleicht versucht sein,
nach einem spektakulären Opfer Ausschau zu halten. Aber vorerst geht
es "nur" um das Formulieren eines Plans in der Phase zwischen
Eröffnung und Mittelspiel:

Shirov spielte 12.a4,
einen Zug, den Nunn wie folgt kommentiert:
"Natürlich hätte sich Shirov mit Tad1 weiter entwickeln
können, aber Weiß sollte überlegen, welchen Plan er verfolgen
will, nachdem alle Figuren ins Spiel gebracht sind. Ein direkter Königsangriff
hat wenig Aussicht auf Erfolg, da die weissen Figuren nicht gegen den
schwarzen Königsflügel gerichtet sind. Die Hauptidee des Weißen
muss sein, die Voraussetzungen für einen Königsangriff zu verbessern.
Ein Plan besteht in 12.e5, mit der Absicht Züge wie Se4, Tad1, Ld3
usw. folgen zu lassen. Allerdings bringt dies wohl recht wenig, wenn Schwarz
12...d6 oder 12....d5 antwortet.
Shirov entscheidet sich stattdessen für ein langsameres Vorgehen.
Der Textzug erzwingt praktisch ...b4, wonach Weiß seinen Springer
mittels Sb1-d2 umgruppieren kann. Jetzt ist Weiß in der Lage seinen
Läufer mit Ld3 gegen den schwarzen König in Stellung bringen,
da Sb4 nicht mehr geht. Den Umständen entsprechend kann der Springer
entweder nach f3 gehen, um den Angriff zu unterstützen, oder auf
c4 Druck auf den schwarzen Damenflügel, insbesondere auf das Feld
b6, ausüben. Wenn sich Weiß für diesen Plan entscheidet,
dann sollte er das tun, solange der Turm noch auf a1 steht, da Schwarz
sonst nicht zu ...b4 gezwungen ist."
Ein Kommentar, der so manchem Eröffnungsbuch gut zu Gesicht stünde
und einer, der bei mir den einen oder anderen Aha-Effekt ausgelöst
hat: erklärt wird tatsächlich die Strategie beider Seiten und
die schachlichen Zusammenhänge, die diesen Strategien zugrunde liegen.
Dies ist charakteristisch für das gesamte Buch: stets macht Nunn
deutlich, was geschieht und welche Ziele die beiden Parteien verfolgen.
In einer geschickten Verbindung allgemeiner strategischer Erwägungen
und konkreter taktischer Erfordernisse, verweist Nunn dabei auf Alternativen,
kritische Stellen und Wendepunkte der jeweiligen Partie - oft sehr ausführlich.
Natürlich ist solche Ausführlichkeit mitunter schwer verdaulich
und gelegentlich kann der Eindruck entstehen, man verliere den Wald vor
lauter Bäumen aus den Augen. Aber dies illustriert das von Nunn konstatierte
grundsätzliche Problem: da positionelle Regeln im modernen Schach
immer seltener in Reinkultur anzutreffen sind, wird man dem Geschehen
ohne konkrete Analysen kaum gerecht. Deshalb noch einmal Shirov - Reinderman:

In dieser Stellung
spielte Schwarz 21.-Dd7, wonach Shirov ohne zu zögern auf
h7 opferte und nach 22.Lxh7+ Kxh7 23.Dh4+ Kg8 24.Sg5 Te8 25.Tf3 Se7
26.Dh7+ Kf8 27.Dh8+ Sg8 28.f5 exf5 29.e6 fxe6 30.Tg3 g6 31.Sh7+ Kf7 32.Lh6
Ke7 33.Lg5+ Kf7 34.Lf6 Tf8 35.Tc7 Sxf6 36.Dxf6+ Ke8 37.Dxg6+ Kd8 38.Txd7+
Lxd7 39.Sxf8 Lxf8 40.Df6+ Le7 41.Tg8+ Kc7 42.Dc3+ Kb7 43.Txb8+ Kxb8 44.h4
1-0 eine phantastische Angriffspartie gewann.
Nunn gibt hier 21...Txb3 22.Lxh7+ Kxh7 23.Sd4 als Alternative an, wonach
er drei mögliche Züge für Schwarz analysiert. Sehr aufschlussreich
ist dabei die Variante 23...Tb4 24.Txc6 Db7 25.Tc3 Lb2 26.Dc2+ Kg8 27.Tc7
Lxd4 28.Lxd4 Da8 29.Dc3, zu der Nunn schreibt: "Schwarz steht unbequem.
Das Materialverhältnis ist ausgeglichen, aber die weißen Figuren
stehen aktiv und der schwarze Königsflügel bleibt wegen des
fehlenden h-Bauern weiter schwach." Bemerkenswert finde ich, wie
der Partiezug 21.-Dd7 zu einem spektakulären Königsangriff führt,
während ein anderer Zug nach etlichen Verwicklungen eine Stellung
ergibt, in der Weiß lediglich positionelles Übergewicht hat.
Ein typischer Themenwechsel, der ohne entsprechende Varianten verborgen
bleibt.
Natürlich könnte man hier je nach Spielstärke und Einstellung
einwenden, diese Kommentare seien entweder zu kompliziert oder aber zu
trivial. Dennoch glaube ich, dass Understanding Chess seinem selbstgesteckten
Ziel gerecht wird und Spieler unterschiedlichster Stärke anspricht.
Denn viele Lehrbücher, die mit fortgeschrittener Spielstärke
vereinfachend und recht anspruchslos wirken, waren vielleicht einmal wahre
Offenbarungen. Dann wieder gibt es Bücher, die gerade weil sie so
komplex und schwierig erschienen, einen ganz eigenen Zauber und Reiz ausübten
und den Wunsch geweckt haben, diese geheimnisvollen Rätsel zu lösen.
Bei Nunn findet sich beides - das Triviale und das Geheimnisvolle. Und
wie bei anderen Büchern auch kommt hier viel auf das Zusammenspiel
von Autor und Leser an. Der Autor macht bestimmte Angebote und der Leser
muß bereit sein, sich darauf einzulassen.
Das hier Gebotene ist zweifellos attraktiv. Denn ob Kommentar oder Analyse:
Nunns Schachverständnis und sein Wunsch, dieses Wissen weiter zu
geben, ist das gesamte Buch hindurch spürbar. Dadurch wird Understanding
Chess dem im Titel gemachten Versprechen immer gerechter, je mehr man
sich damit beschäftigt. Und nimmt sich dafür trotz der immer
weiter und schneller wachsenden Datenflut die Zeit, kann man an diesen
30 Partien lange Spaß haben - und nebenbei eine Menge lernen.
|