
Johannes
Fischer,
Jahrgang 1963,
lebt als freier Übersetzer, Dolmetscher und Journalist
in Leipzig
und spielt beim
SC Leipzig-Gohlis
in der 2. Bundesliga.
Kontakt

Stephen L. Carter,
Schachmatt,
München: List,
gebunden 24,00 Euro,
Taschenbuch 10,95 Euro.
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von Johannes Fischer
Die
KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne wird
etwa alle ein bis drei Wochen aktualisiert und präsentiert Rezensionen
aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur,
Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum
aktuellen Schachgeschehen.
GET
CARTER: AUF DER SUCHE NACH EINEM BESTSELLERAUTOR
Schach lohnt sich offensichtlich doch. 4,2 Millionen Dollar erhielt
Stephen L. Carter für seinen 2001 erschienenen Debütroman
The Emperor of Ocean Park, dessen deutscher Titel Schachmatt
lautet. Nachdem die gebundene Ausgabe Ende 2002 erschien, kam jetzt
vor Kurzem die Taschenbuchversion heraus.

GETEILTE MEINUNGEN
Die Meinungen über Carters Debüt waren geteilt. Während
Lorin Stein in der London Review of Books fand, das Buch sei
"langatmig, schlampig zusammen geschustert und voller Wiederholungen
und kleinen Ungereimtheiten", war die New York Times euphorisch:
"Mit Schachmatt ist Stephen L. Carter ein fesselnder Spannungsroman
um Recht und Gerechtigkeit, Ehrgeiz und Liebe, politische Macht und
menschliche Ohnmacht und nicht zuletzt ein literarisches Tableau der
modernen Gesellschaft gelungen". Und Deidre Donahue verstieg sich
in USA-Today gar zu der Behauptung, es hätte "seit Tom Wolfe
keinen so vielschichtigen, mitreißenden und bereichernden Roman
mehr gegeben". Auch John Grisham spendete Lob für den Kollegen:
"Wunderbar erzählt und clever konstruiert. Schachmatt
ist eine lebendige und vielschichtige Familiensaga, die geschickt verbunden
ist mit der Spannung eines Thrillers ... Ein wirklicher Genuss".
DER GEWOLLTE BESTSELLER
Aber dieser positiven Kritik von renommierter Seite zum Trotz wirkt
Schachmatt dennoch nur wie der misslungene Versuch, einen Bestseller
zu fabrizieren. Mit 4,2 Millionen Dollar Autorenhonorar als Werbeetat
- allein die Höhe der Summe garantiert Aufmerksamkeit. Und Stephen
L. Carter, laut New York Times einer "der führenden
Intellektuellen der Nation" schien der ideale Autor für einen
Bestseller auf Bestellung zu sein. Er ist Jurist, unterrichtet an der
Yale-University und gehört der in den USA mit viel Aufmerksamkeit
bedachten schwarzen Mittelschicht an. Carters Sachbücher, die sich
mit Rassismus, dem amerikanischen Rechtssystem und Fragen christlicher
Ethik in der Justiz beschäftigen, ließen erwarten, dass er
auch in einem Roman christliche Moral, den Zustand der amerikanischen
Gesellschaft und den allgemeinen Verfall der Werte zum Thema machen
würde. Diese schöne Mischung erlaubte es Carters Roman als
Justizthriller, als Campus-Roman und als Kommentar zu den Beziehungen
zwischen Schwarz und Weiß zu verkaufen - ein brisantes Thema in
populäre Genres verpackt.
LANGEWEILE
Es gibt nur ein Problem: Carter kann nicht erzählen. Seite um Seite
langweilt er seine Leser mit immer neuen Charakteren, die für die
Erzählung keine Bedeutung haben. Seine Figuren bleiben blass, seine
Dialoge wirken gestelzt, seine Handlungsführung ungeschickt und
steif. Immer wieder streut er Beschreibungen von Orten in den Text ein,
die aus Reiseführern abgeschrieben sein könnten und deren
Belanglosigkeiten den Roman endlos aufblähen ohne Sinn zu ergeben.
Zur Abschreckung ein Beispiel unter vielen:
"Wir
[der Ich-Erzähler Talcott Garland und sein Sohn Bentley]
schlüpften in unsere Jacken und gingen die zwei Blocks vom Vinerd
Howse bis zur Circuit Avenue, dem kommerziellen Herzen von Oak Bluffs.
Auf ein paar hundert Metern sind dort all die Restaurants, Boutiquen
und Läden voller Schnickschnack versammelt, die man in jedem Urlaubsort
findet. Im Sommer wären wir in Mad Martha's Eisdiele gegangen,
um Vanillemilch und Erdbeereis zu bestellen, aber die ist den Winter
über geschlossen. Deshalb gingen wir zu Murdicks Süßwarenladen
(nach dem unvergleichlichen Flying Horses Bentleys zweitliebster Ort
auf der Insel) und erstanden etwas Preiselbeeren-Fondant, eine Spezialität
des Hauses. Danach schlenderten wir die Straße zurück. Im
Eckladen kaufte ich noch die Vineyard Gazette, bevor wir bei Linda Jean's
einkehrten, einem beliebten Restaurant mit einfacher Ausstattung und
bemerkenswert moderaten Preisen, das früher sogar das Lieblingslokal
meines Vaters gewesen war (S.287-288)".
Spannung
kommt selten auf und wird meist in einem Konvolut von überflüssigen
Personen, Reflektionen, Beschreibungen usw. erstickt. All das macht
Schachmatt zu einem langweiligen, schlecht erzählten und
belanglosem Roman. Dem deutschen Leser wird zudem noch eine Übersetzung
voller Stilblüten und allzu wörtlicher Anlehnung an das Original
zugemutet. Eine Liste solcher Stilblüten hat Jörg Seidel auf
seiner Metachess
Kolumne zusammengestellt.
DAS SCHACH
Aber warum lautet der Titel des Romans Schachmatt? Welche Rolle spielt
das Schach im Buch? Eine zentrale. Schachmotive bilden das Korsett,
in das der wichtigste Erzählstrang gepresst ist und jeder der drei
Hauptteile des Buches ist mit einem Begriff aus dem Problemschach überschrieben.
Beim dritten Teil "Ungedecktes Satzfluchtfeld" weiß
aber zumindest der Übersetzer nicht, wovon die Rede ist. Folgende
Definition wird angeboten: "Terminus bei Zweizügeraufgaben
im Problemschach, der die Tatsache kennzeichnet, dass auf einen Zug
des schwarzen Königs kein Matt bereitliegt. Das Augenmerk des Lösers
wird natürlich darauf gerichtet sein, eine Möglichkeit zu
suchen, auf diesen Zug ein Matt zu finden. Ein ungedecktes Satzfluchtfeld
gilt als ein schwerwiegender, wenn nicht gar unverzeihlicher Mangel
in einer Komposition (S.575)".
DIE STORY
Doch zur Story: Der Roman beginnt mit dem Tod Oliver Garlands, einem
einst einflussreichen Richter, der beinahe an den Supreme Court gewählt
worden wäre, jedoch einer Intrige zum Opfer fiel. Kurz nach dem
Tod Garlands kommen auf dessen Sohn Talcott Probleme zu, denn finstere
Gestalten glauben, dass Talcott über bestimmte Vorkehrungen Bescheid
weiß, die der Richter getroffen und seinem Sohn vererbt hat. Talcott
selbst hat keine Ahnung, was damit gemeint sein könnte, macht sich
aber auf die Suche nach des Rätsels Lösung. Irgendwann stößt
er auf eine kryptische Notiz seines Vaters, in der vom Exzelsior die
Rede ist, einem Hilfsmattproblem. Dieses Schachproblem war Richter Garlands
große Leidenschaft und er träumte davon, einen doppelten
Exzelsior zu komponieren, ein Hilfsmatt mit beidseitiger Bauernumwandlung
- nur wollte Garland, dass Schwarz gegen alle Gepflogenheiten des Problemschachs
am Ende Matt setzt.
Dieses Schachproblem bildet die Leitschnur eines Racheplans des Richters,
mit dem er sich an der Welt für das ihm widerfahrene Unrecht rächen
will. Seine Vorkehrungen sind Aufzeichnungen über Gefälligkeitsurteile,
die er zusammen mit einem anderen Richter gefällt hat - Material,
das seine Korruption, aber auch die Korruption in der Justiz belegt.
Sohn Talcott ist nun in diesem Problem die Rolle eines Bauern zugedacht,
der sich tapfer Schritt um Schritt nach vorne bewegt, bis er entdeckt,
wo die geheimnisvollen Vorkehrungen versteckt sind, damit eine symbolische
Unterverwandlung vollzieht und zu guter Letzt - so hatte es der Richter
geplant - die Welt des weißen Establishments Matt setzen soll,
indem er das brisante Material veröffentlicht.
Talcott taumelt wie ein tumber Tor durch die Handlung, entgeht dabei
mehreren Anschlägen, findet aber zu guter Letzt und nach viel "Dramatik"
natürlich doch noch eine Diskette mit brisanten Aufzeichnungen.
Allerdings bleibt auch bei dieser Entdeckung die Spannung aus, denn
in charakteristischer Langatmigkeit fasst Talcott den Plot des Romans
noch einmal zusammen, bevor er sich zur Rebellion gegen seinen toten
Vater entschließt und der Roman endlich vorbei ist:
"Mein
Vater hinterließ seinen doppelten Excelsior, nicht auf dem Brett,
sondern im Leben, indem er zwei Bauern in Bewegung setzte, einen schwarzen,
einen weißen, gleiche Züge im steten Wechsel .... Ein Springer
starb. Der andere kann jetzt Schach bieten. Genau wie mein rachsüchtiger
Vater es geplant hatte. Ich habe das Werkzeug dazu in der Hand. Ich
muss nur den Hörer abnehmen ... anrufen ... und der doppelte Excelsior
des Richters ist vollendet. Wobei jedoch die Aufgabe gekocht'
ist, falls irgendeine andere Möglichkeit offen steht. Und das Heikle
an Springern ist, dass sie häufig ... unberechenbar ziehen (S.850)".
Kurz
danach wirft Talcott die Diskette ins Feuer, um das Ansehen seiner Familie
zu schützen und sich den Problemen der Gegenwart zu widmen.
SCHIEFE METAPHERN
Leider wirkt die schachliche Metaphorik bei näherem Hinsehen alles
andere als überzeugend. Zwar gestattet sie dem Autor Kommentare
über das ungleiche Verhältnis von Weiß und Schwarz und
führt vor Augen, wie Oliver Garland seine Mitmenschen und seine
Familie manipuliert hat. Aber Carters Konstruktionen überzeugen
nicht. So soll das Schachspiel, in dem Schwarz von Beginn an benachteiligt
ist, den gesellschaftlichen Kampf zwischen Schwarz und Weiß symbolisieren,
aber gerade im Hilfsmattproblem ist dieser Antagonismus zwischen Schwarz
und Weiß aufgehoben. Hier haben Weiß und Schwarz das gleiche
Ziel und wenn eine Seite die andere am Ende Matt setzt, so haben beide
ihren Teil geleistet und sind zufrieden. Und Züge im Hilfsmatt
sind oft nur in dem Sinne forciert, dass sie die einzige Lösung
der Aufgabe darstellen.
Aber trotz dieser und anderer Ungereimtheiten bleiben Carters Schachmetaphern
aufschlussreich: Denn sie sind nicht nur schlecht übersetzt, sondern
auch konstruiert und prätentios - wie der gesamte Roman.
LINKS ZUM THEMA:
Jörg
Seidels Kritik an Carters Roman
Auch Udo
Harms war nicht begeistert
Eine Übersicht über die unterschiedlichen Rezensionen des
Buches offeriert die Complete
Reviews Webseite.
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