
von Johannes Fischer
Die
KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne wird
etwa alle ein bis drei Wochen aktualisiert und präsentiert Rezensionen
aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur,
Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum
aktuellen Schachgeschehen.
KRITIK
IN KÜRZE: EIN NEUER BLICK AUF BOBBY FISCHER? ANDREW SOLTIS' BOBBY
FISCHER REDISCOVERED
Bobby
Fischer Rediscovered? Der Titel macht stutzig. Zwar verschwand Fischer
nach dem Gewinn des Weltmeistertitels 1972 in der Versenkung, aber vergessen
wurde er deshalb noch lange nicht. Im Gegenteil. Noch immer erscheinen
Bücher und Artikel über sein Schach, sein Verhältnis
zu den Sowjets, seine Eskapaden, seine antisemitischen Wahnvorstellungen,
und, und, und. Kein Schachspieler hat je so viel Aufmerksamkeit auf
sich gezogen, keiner hat dem Spiel mehr Anhänger verschafft und
keiner entspricht so sehr dem Klischee des wahngefährdeten Genies
wie Bobby Fischer. Was sollte es da wieder zu entdecken geben?
Andrew Soltis' Antwort überrascht: Fischers Partien. Ein paar davon
hat Soltis miterlebt und einmal hat er sogar eine Schnellpartie gegen
Bobby gespielt. Nach einem Fehler Fischers stand er auf Gewinn, war
dann aber der Ausstrahlung und dem Siegeswillen seines Gegners nicht
gewachsen und verlor schließlich noch. Auch Soltis ist Großmeister
und traf Bobby immer mal wieder bei Turnieren oder in New Yorker Schachclubs.
"Das letzte Mal sah ich ihn am 21. September 1972, beim Bobby
Fischer Day' in New York, einer zeremoniellen Feier in der City Hall,
drei Wochen nach Ende des Wettkampfs. ... Dreißig Jahre später
betrachtete ich mir Fischers Partien das erste Mal, seit sie gespielt
wurden. Mir fiel auf, dass sie in zwei Kategorien fielen. Manche werden
tatsächlich überschätzt. Aber sehr viel mehr werden unterschätzt
- wenn man sie überhaupt kennt. Und seine Originalität, die
damals so verblüffend war, ging mit der Zeit verloren. Mir scheint,
Fischer verdient es mit ganz neuen Augen gesehen zu werden (S.10-11)".
Um dabei zu helfen, präsentiert Soltis hundert Fischer-Partien,
von den ersten Erfolgen in offenen amerikanischen Turnieren bis hin
zu zwei Partien aus dem Wettkampf gegen Spasski 1992 in Sveti Stefan.
Zwar überschneidet sich die Auswahl gelegentlich mit den 60
Denkwürdigen Partien, aber dafür stammen auch fast ein
Viertel der Partien aus den Jahren 1970-1972, dem Höhepunkt von
Fischers Karriere.
Die kurzen Einleitungen zu den Partien zeichnen Fischers Entwicklung
als Schachspieler nach und zeigen wie Fischer an seinen Eröffnungen
und an seinem Spiel gearbeitet hat. Aufgelockert wird der Text durch
zahlreiche Anekdoten über Fischer und eingestreute Zitate des Meisters.

Mit typischen Fischer-Aussprüchen werden auch die Grundprinzipien
seines schachlichen Credos illustriert, z.B. Fischers Glaube, dass man
dem Gegner gute Felder einräumen muss, wenn die eigenen Figuren
aktiv werden sollen - "To get squares, you gotta give squares";
der Hang zu unorthodoxen Zügen - "Ugly moves aren't bad";
die Neigung, Bauern zu nehmen, um sich danach genau zu verteidigen und
den Materialvorteil zum Sieg zu führen - "Material matters"
und Fischers Vorliebe für technisches Schach - "Technique
has many faces".
Soltis schreibt mit Enthusiasmus und Bewunderung, aber wahrt Distanz.
Fischers Eigenheiten, die irgendwann zu Wahnvorstellungen wurden, verschweigt
er nicht, verzichtet aber auf den Sensationalismus, der viele andere
Berichte über das einstige Wunderkind so oft begleitet.
Seine Analysen sind solide, wenngleich nicht tiefschürfend. Sie
weisen auf kritische Punkte und Varianten hin und erläutern den
Verlauf der Partie. Aber leider verzichtet Soltis darauf, die Unterschiede
zwischen Fischers Schach und dem Spiel der heutigen Spitzenspieler näher
zu betrachten. Denn verglichen mit den dynamischen, zweischneidigen
Duellen heutiger Weltklassespieler wirken viele von Fischers Partien
heute einseitig und seine Gegner scheinen sich oft ohne viel Widerstand
in ihr Schicksal zu ergeben.
So liefert Soltis zwar keine fundamentale Neubewertung Bobby Fischers
und kann insofern das Versprechen des Titels nur bedingt einlösen,
aber ihm gelingt mit Bobby Fischer Rediscovered dennoch ein unterhaltsames,
lesenswertes Porträt des umstrittenen Schachgenies.
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