
von Johannes Fischer
Die
KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne wird
etwa alle ein bis drei Wochen aktualisiert und präsentiert Rezensionen
aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur,
Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum
aktuellen Schachgeschehen.
EIN
SYMBOLISCHER RÜCKZUG
KRITISCHE ANMERKUNGEN ZU
STEFAN ZWEIGS SCHACHNOVELLE
Stefan
Zweigs Schachnovelle ist auch ein Abschiedsbrief. Denn kaum hatte er
die Erzählung im brasilianischen Exil fertig gestellt, nahm er
sich im Februar 1942 mit seiner Frau Lotte das Leben. Den Erfolg des
Buches hat Zweig nicht mehr erlebt. Es wurde vielfach übersetzt,
millionenfach verkauft und gilt als eine der besten literarischen Darstellungen
des Schachspiels. Dennoch hinterlässt die Schachnovelle ein zwiespältiges
Gefühl.
Wobei die Popularität der Erzählung nur allzu verständlich
ist. Noch einmal demonstriert Zweig seine literarische Kunst der Verknappung
und atemlos verfolgt der Leser das Schicksal Dr. Bs., der Hauptfigur
der Schachnovelle: er wird von den Nazis mit Isolationshaft gequält,
flüchtet in die Welt des Schachs, spielt Tausende von Partien gegen
sich selbst, verfällt schließlich dem Wahn, wird frei gelassen,
trifft auf seiner Schifffahrt ins Exil den Weltmeister Mirko Czentovic
- und tritt gegen ihn an, um zu überprüfen, ob er in der Realität
überhaupt Schach spielen kann.
Symbolisch steht dabei das Duell von Dr. B. gegen Czentovic für
den Kampf zwischen der Welt der Kultur und des Geistes gegen den Nationalsozialismus,
den Czentovic' verkörpert. Dieser ist als Schachspieler zwar rasant
aufgestiegen, aber als Person dumpf und geistlos und nur an Geld und
Macht interessiert.
Aber bei aller Virtuosität Zweigs regt sich dennoch Unbehagen.
So scheint es typisch für die Schachwelt zu sein, dass sie eine
Erzählung für besonders gelungen hält, die dem Spiel
letztlich keinen großen Respekt bezeugt. Da ist zum einen der
Wahn, in den Dr. B. verfällt, und der das Schach wieder einmal
in die Nähe jener Spiele rückt, bei denen die geistige Gesundheit
gefährdet ist. Zum anderen unterlaufen Zweig aber auch sachliche
Ungenauigkeiten. So bezeichnet er den Springer einmal als "Pferd"
(Stefan Zweig, Schachnovelle, Fischer Taschenbuch Verlag, 1994,
S.92), dann heißt es über "Rzecewski": "seit
dem Auftreten des siebenjährigen Wunderkindes Rzecewski bei dem
Schachturnier 1922 in New York" (S.6) - wobei Reshevsky zu diesem
Zeitpunkt weder siebenjährig noch völlig unbekannt war. Auch
scheint das Schachspiel bei Zweig merkwürdig einfach zu sein. So
beherrscht Czentovic trotz seiner beschränkten intellektuellen
Fähigkeiten in "einem halben Jahre ... sämtliche Geheimnisse
der Schachtechnik" (S.13) und schickt sich dann an, Leute wie Capablanca,
Lasker und Aljechin kurzerhand vom Brett zu fegen. Mit fünfzehn
lernt er die Regeln, "mit siebzehn Jahren hatte er schon ein Dutzend
Schachpreise gewonnen, mit achtzehn sich die ungarische Meisterschaft,
mit zwanzig endlich (!) die Weltmeisterschaft erobert" (S.14).
Von der Mühe und der Zeit, die es braucht, um halbwegs vernünftig
zu spielen, ist nichts zu spüren. Aber auch Dr. B. spottet den
Theorien, die heutzutage über systematisches und frühes Training
aufgestellt werden: er lernt die Regeln in seiner Schulzeit und während
der einjährigen Haft verhilft ihm ein einziges Schachbuch zu beinahe
schon mehr als weltmeisterlicher Stärke. Auch bei der Zeiteinteilung
der ersten Partie zwischen den beiden Protagonisten wundert man sich
ein wenig: so wird mit "zehn Minuten Zugzeit" (S. 104) gespielt,
von denen Czentovic weidlich Gebrauch macht, dennoch dauert die erste
Partie trotz ihrer 42 Züge gerade einmal "zweidreiviertel
Stunden."
Ohnehin opfert Zweig um der Symbolik willen einiges an Realismus. So
illustriert er Czentovics völligen Mangel an Vorstellungskraft,
deren Zuviel Dr. B. in den Wahn treibt, durch die Unfähigkeit des
Weltmeisters, auch nur eine einzige Partie blind zu spielen. Eine recht
absurde Annahme. Damit wäre er der erste Weltmeister, der das nicht
zu Stande bringt. Und auch wenn nicht jeder ein Blindspielakrobat wie
Aljechin ist, der es mit mehr als zwanzig Gegnern gleichzeitig aufnahm,
so gibt es unter den zehntausend besten Schachspielern der Welt vermutlich
keinen, der nicht aus dem Stand eine halbwegs vernünftige Blindpartie
spielen könnte.
Mögen diese Ungenauigkeiten auch nicht bedeutsam sein - die Grundkonstruktion
der Novelle ist bedenklich. So erweist sich Dr. B. gegenüber seinem
Gegner Czentovic fast immer als unendlich überlegen: Er ist klug,
gebildet, geistreich, gewandt, aus gutem Hause und letztlich der bessere
Schachspieler. Czentovic hingegen ähnelt einem Kretin: Er ist dumpf,
ein halber Analphabet, der seine einzige Begabung dazu nutzt, "schamlos
plump" (S.15) Geld zu verdienen und sich für eingebildete
Kränkungen zu rächen.
Doch gerade Dr. Bs. positive Eigenschaften erweisen sich als sein Verderben:
seine Vorstellungskraft, seine Intelligenz, sein wacher Geist wenden
sich gegen ihn selbst, machen ihn wahnsinnig. In der Isolationshaft
wie auch später in der Partie gegen Czentovic verzweifelt Dr. B.
am Stumpfsinn seiner Umgebung. "'Ich war durch meine fürchterliche
Situation gezwungen, diese Spaltung in ein Ich Schwarz und ein Ich Weiß
zumindest zu versuchen, um nicht erdrückt zu werden von dem grauenhaften
Nichts um mich.'" (S.77)
Dr. B.s Aggression richtet sich dabei kaum gegen seine Unterdrücker,
sondern gegen sich selbst. Denn den Kampf ernsthaft aufzunehmen, würde
in seinen Augen bedeuten, zu dem Flegel zu mutieren, der Czentovic schon
ist.
Der einzige Ausweg aus diesem Dilemma, den die Schachnovelle anbietet,
ist der Rückzug. Also bricht Dr. B. die Schachpartie abrupt ab
und überlässt Czentovic das Feld. Dies symbolisiert letztlich
die Kapitulation vor den Nationalsozialisten. Hier zeigt sich die Verzweiflung
Zweigs, die schließlich zu seinem Selbstmord führte.
Mit dem Abstand von 60 Jahren erscheint dieser Freitod als tragisches
Einzelschicksal eines Menschen, der eine Welt voller Krieg nicht ertragen
konnte, in der die Nationalsozialisten unaufhaltsam auf dem Vormarsch
zu sein schienen. Damals jedoch bedeutete Zweigs Tod einen schweren
Rückschlag für viele, die sich ebenfalls im Exil befanden.
So schreibt Carl Zuckmayer: "In den Kreisen der Emigration hatte
Stefan Zweigs freiwilliger Tod eine ungeheure Bestürzung hervorgerufen.
... Wenn er, dem alle Möglichkeiten offenstanden, das Weiterleben
für sinnlos hält - was bleibt dann denen noch übrig,
die um ein Stück Brot kämpfen? ... [Er gehörte] zu den
Begünstigten unter uns. Zu den Vereinzelten, die einen internationalen
Leserkreis, einen Widerhall für ihr Werk, eine ständige Anerkennung
hatten. Zu den Wenigen, die schon eine neue Nationalität, einen
gültigen Paß, eine Art von Sicherheit besaßen. Er hatte
keine materiellen Sorgen, er konnte sein Leben einrichten, wie er wollte."
(Carl Zuckmayer, "Did you know Stefan Zweig?", in:
Der große Europäer Stefan Zweig, Hrsg. Hanns Arens, Fischer
Taschenbuch 1981, S. 133-134).
Es beweist Zweigs schriftstellerische Kunst, dass er Dr. Bs. resignativen
Verzicht, Czentovic im Schach zu besiegen, als zwingend darzustellen
vermag. Akzeptiert man jedoch die symbolische Interpretation der Schachpartie
als eine Auseinandersetzung zwischen einem europäischen Kulturmenschen
und dem aufkommenden Faschismus, dann wünscht man sich, Dr. B.
hätte seine Begabung, seine Bildung, seine Erziehung und nicht
zuletzt seine in der Haft erworbenen Fähigkeiten genutzt, um Czentovic
in die Schranken zu weisen.