
von Johannes Fischer
Die
KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne wird
etwa alle ein bis drei Wochen aktualisiert und präsentiert Rezensionen
aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur,
Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum
aktuellen Schachgeschehen.
EIN
SCHACHROMAN ALS VERWIRRSPIEL
INGOMAR VON KIESERITZKYS "DA KANN MAN NICHTS MACHEN"
Was
tut man, wenn man im Zug eine Leiche auf der Toilette entdeckt? Vermutlich
den Schaffner rufen. Nun ist Vicovic, einer der "Helden" in
Ingomar von Kieseritzkys Roman Da kann man nichts machen selbst
der Schaffner und nicht das erste Mal in dieser Situation. Routiniert
und geübt befreit er die Leiche von ihren wenigen Wertsachen und
stößt dabei auf ein Manuskript eines nicht vollendeten Familienromans.
Vicovic, Hobby-Literat mit ernsthaften Ambitionen, der schon seit langem
an einem Lobgesang über seine geliebte Eisenbahn, die Buddicom,
arbeitet, beschließt dem Toten eine letzte Ehre zu erweisen und
seinen Roman zu Ende zu führen.
Damit betritt der Leser die Welt der Kieseritzkys, denn der Tote im
Zug ist Randolf Kieseritzky, verkrachter Buchhändler aus Berlin,
der sich im Auftrag seiner Tante daran versucht hat, eine Familiengeschichte
zu schreiben. Keine leichte Aufgabe, denn diese Familie besteht aus
lauter skurrilen Gestalten, die sich nicht immer zugetan sind und gerne
schlecht über einander reden. Da gibt es u.a. Artur, den schwermütigen
Psychiater, der von dem Hund seiner Geliebten kastriert wurde; Alexander,
der durch die Erfindung eines Dosenöffners reich geworden ist,
aber nach dem Genuss von Konservennahrung an Lebensmittelvergiftung
stirbt; Molly, die von einer "Freundin" der Familie als "handwerklich
begabt, geistig inkontinent" beschrieben wird; und natürlich
Lionel Kieseritzky, den Schachmeister.
Randolf scheitert. An einer defekten Schreibmaschine, an der Unzuverlässigkeit
der Erinnerung, an der Schwierigkeit der Erzählens, an seiner Unfähigkeit,
die Familiengeschichte in eine Ordnung zu bringen und am Leben überhaupt.
Köstlich unterhalten wird der Leser, dem lauter witzige, bisweilen
ins Groteske übersteigerte Geschichten erzählt werden. Stilsicher
und souverän führt Kieseritzky seinen Leser dabei durch den
Roman und mit Genuss in die Irre. Ein Verwirrspiel, das bereits mit
der Identität des Autors beginnt, denn Ingomar von Kieseritzky
trägt nicht nur den gleichen Namen wie sein Held, sondern war im
"richtigen" Leben ebenfalls Buchhändler.
Das ganze Buch beschäftigt sich mit dem Erzählen und Erinnern
und kommentiert sich mit ironischer Brechung unaufhörlich selbst.
So bei einem Besuch Randolfs bei Bruno, einem alten Schulfreund. Bruno
hat vier geniale Kinder, eine attraktive Gattin und die Absicht, einen
Schachroman zu schreiben, alles "aus der Sicht einer Schachfigur
aus dem 17. Jahrhundert, einem König." (S.187) Vor allem soll
es ein Bestseller werden. Mit zunehmenden Alkoholgenuss der beiden verhinderten
Autoren gerät der Abend immer mehr aus den Fugen und irgendwann
doziert Anton, der neunjährige Sohn des Hausherrn, über Lawrence
Sternes Tristram Shandy: "Dieses Buch [ist] zusammengesetzt aus
lauter Abschweifungen, aber systematisch." (S.193) Was auch das
Motto Ingomar von Kieseritzkys sein könnte.
Eine solche Romankonstruktion darf eigentlich nicht zu einem Abschluss
führen. Dementsprechend scheitert Vicovics Versuch, den Familienroman
der Kieseritzkys zu beenden. Zum Schluss nimmt er großen Anlauf
und bringt einen wirklich genialen ersten Satz zu Papier: "Es war
einmal..."
Allerdings: Schachspieler, die hoffen, mehr über Lionel Kieseritzky
zu erfahren, werden enttäuscht. Da der Roman stets falsche Fährten
legt und keine seiner Informationen zuverlässig ist, steht man
am Ende kaum klüger da als am Anfang. So wird über Lionel
berichtet, dass er unter infernalischen Kopfschmerzen leidet, in einer
verhängnisvollen, inzestuösen Dreiecksbeziehung mit seiner
Schwester Lydia und Bruder Guido steckt und seine Tage und Nächte
schachspielend im Cafe de la Régence verbringt, wo er andere
große Geister der damaligen Epoche trifft. Was im Detail stimmen
kann oder auch nicht.
Aber was weiß man denn nun von Lionel Kieseritzky, außer
dass er die "Unsterbliche Partie" gegen Adolf Anderssen verloren
hat? Recht wenig. Das einzige umfangreichere Werk über ihn trägt
den Titel Zagadka Kieseritzky'ego (etwa: Das Rätsel Kieseritzky),
ist 1996 in polnischer Sprache erschienen und stammt von Tomasz Lissowski
und Bartlomiej Macieja; die folgenden Angaben beruhen auf einer englischen
Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen des Buches.
Geboren wurde Lionel Kieseritzky am 1.1.1806 in Dorpat, dem heutigen
Tartu in Estland als Sohn einer deutschstämmigen Familie. Glaubt
man der Legende, brachte ihm sein Vater Grundzüge des Schachspielens
bereits mit drei Jahren bei. Den Feinschliff übernahm anschließend
Bruder Felix.
Von 1825-29 studierte Kieseritzky an der Universität von Dorpat
Sprachen und Jura, verließ die Universität allerdings ohne
Abschluss und arbeitete danach als Privatlehrer für Mathematik.
Viel Zeit muss er auch dem Schach gewidmet haben, denn er zählte
damals bereits zu den besten Spielern der "Ostseeprovinzen."
1839 führten private Querelen zu seinem Entschluss, nach Paris
zu gehen und dort sein Glück als Berufsschachspieler zu versuchen.
Er wurde zu einem Dauergast im Café de la Régence, verlieh
sich den Titel eines "Schachprofessors", gab Unterricht und
spielte gegen Gäste. Dabei brillierte er vor allem im Blindspiel
und schraubte 1851 Philidors Rekord ein wenig höher, indem er gegen
4 Gegner gleichzeitig blind antrat. Zudem schrieb er Artikel für
die Berliner Schachzeitung und Le Palamede. 1846 veröffentlichte
Kieseritzky ein Buch mit 50 seiner eigenen Partien und von 1849 bis
1851 gab er die monatlich erscheinende Zeitschrift La Régence
heraus. In seinen Veröffentlichungen verwandte er stets eine von
ihm entwickelte Form der Notation, die sich jedoch nicht durchsetzen
konnte.
1851 war ein wichtiges Jahr für Kieseritzky. Er nahm in London
am anlässlich der Weltausstellung ausgetragenen ersten Turnier
der Schachgeschichte teil, wo er gleich in der ersten Runde gegen Anderssen,
den späteren Sieger, in einem Mini-Match antreten musste. Er verlor
0,5:2,5. Anschließend spielten die beiden noch eine Reihe von
freien Partien, bei denen Kieseritzky mit 10:6 die Oberhand behielt.
Aber Kieseritzky war einfach kein Glück beschieden: eine dieser
freien Partien war die berühmte "Unsterbliche Partie",
die Kieseritzky zu dem vielleicht berühmtesten Verlierer der Schachgeschichte
machen sollte.
Dabei wäre die Partie ohne ihn der Nachwelt vermutlich gar nicht
erhalten geblieben. Denn er selbst veröffentlichte die spektakuläre
Verlustpartie in seiner Zeitschrift La Régence; mittlerweile
dürfte sie eine der meist reproduzierten Partien aller Zeiten sein.
Den Beinamen "Die Unsterbliche Partie" verlieh ihr Falkbeer
im Jahre 1855 in der Wiener Schachzeitung.
Das allerdings hat Kieseritzky nicht mehr erlebt. Er starb am 19. Mai
1853 in der Pariser Charité an den Folgen eines hartnäckigen
Nervenleidens.
Vom Spielstil her war Kieseritzky der klassische Kaffeehausspieler des
romantischen Schachs: in seinen Partien dominieren wilde Opferattacken,
die oft ohne positionelle Grundlage sind. Es ist ein wildes Hauen und
Stechen, in dem der gegnerische König ohne Rücksicht auf Verluste
angegriffen wird. Heute wirken diese Partien oft grobschlächtig
und inkorrekt. Vom Standpunkt des Positionsspielers taten sie das ohnehin
schon lange, aber mittlerweile leuchten moderne Computerprogramme auch
noch die taktischen Schwächen unbarmherzig aus. Auf bizarre Art
reizvoll sind sie trotzdem. Nachfolgend ein typisches Beispiel.
DESLOGES
- KIESERITZKY
Paris 1841
1.e4
e5 2.f4 exf4 3.Lc4 b5 Eine Spezialität Kieseritzkys. Schwarz
gibt sofort einen Bauern zurück, um den Läufer von f7 abzulenken
und den eigenen Weißfelder schneller ins Spiel bringen zu können.
4.Lxb5 Dh4+ 5.Kf1 g5

Hier
lässt sich so etwas wie eine theoretische Debatte verfolgen. Später
probierte Kieseritzky 5...Sf6 und gewann manch hübsche Partie,
so z.B. gegen Schulten im Jahre 1844: 6.Sc3 Sg4 7.Sh3 Sc6 8.Sd5 Sd4
9.Sxc7+ Kd8 10.Sxa8 f3 11.d3 f6 12.Lc4 d5 13.Lxd5 Ld6 14.De1 fxg2+ 15.Kxg2

15...Dxh3+
16.Kxh3 Se3+ 17.Kh4 Sf3+ 18.Kh5 Lg4#
Auch
die "Unsterbliche" wurde mit dieser Variante eingeleitet.
Dort spielte Anderssen jedoch nicht wie Schulten 6.Sc3 sondern 6.Sf3;
und nach 6...Dh6 7.d3 Sh5 8.Sh4 Dg5 9.Sf5 c6 10.g4 Sf6 11.Tg1 cxb5
12.h4 Dg6 13.h5 Dg5 14.Df3 Sg8 15.Lxf4 Df6 16.Sc3 Lc5 kam es zu
dem berühmten Opferreigen.

17.Sd5
Dxb2 18.Ld6 Dxa1+ 19.Ke2 Lxg1

20.e5
Sa6 21.Sxg7+ Kd8 22.Df6+ Sxf6 23.Le7#.
Wie
sehr die "Unsterbliche" das Schachbewusstsein geprägt
hat, illustriert die folgende kuriose Partie zwischen Short und Kasparow,
in der Short statt Anderssens 7.d3 sofort 7.Sc3 spielte. Nun
würde Kasparow vermutlich im Leben nicht daran denken, freiwillig
einen Zug wie 3...b5 zu machen; aber ganz freiwillig geschah dies auch
nicht. Zum Ende des einseitigen PCA Weltmeisterschaftskampf zwischen
Short und Kasparow in London 1993 gab es noch ein wenig Show für
die Zuschauer und die beiden spielten eine Reihe von Schnellpartien.
Nachdem Kasparow sich problemlos mit 4:0 durchsetzen konnte, kam es
zu Themapartien mit vorgegebenen Stellungen. Eine davon stammte natürlich
aus der Partie Anderssen - Kieseritzky. Vermutlich war dies bereits
mehr inkorrektes Schach als der Meister ertragen konnte, denn er erlitt
fürchterlichen Schiffbruch und verlor in nur 15. Zügen: Nach
7...g5 8.d4 Lb7 9.h4 Tg8 10.Kg1 gxh4 11.Txh4 Dg6 12.De2 Sxe4 13.Txf4
f5 14.Sh4 Dg3 15.Sxe4

gab
Kasparow auf! Nach 15...Lxe4 16.Txe4+ fxe4 17.Dxe4+ Kd8 (17...Le7
18.Sf5 Dxg2+ 19.Dxg2 Txg2+ 20.Kxg2+-; 17...Kf7 18.Lc4+ Kg7 19.Sf5+)
18.Lf4 Dxh4 19.Lxc7+ verliert Schwarz die Dame. (vgl. auch G. Burgess,
J. Nunn, J.Emms, The World's Greatest Chess Games, New York: Carroll
& Graf, 1998, S.15).
Nach diesem längeren Exkurs endlich zurück zur eigentlichen
Partie. 6.Sf3 Dh5 7.Le2 g4 8.Sd4 d6 9.h3 Lg7 10.Sb3 f3 11.gxf3 gxh3

Jetzt
ist eine bizarre Stellung entstanden, in der nicht klar ist, wer eigentlich
besser steht: der Weiße mit seiner Zentrumsmehrheit und seinem
gefährdeten König, oder der Schwarze mit seinen besser entwickelten
Figuren und Chancen auf Königsangriff. In der Folge vernachlässigt
Weiß jedoch seine Entwicklung, um kurzfristige Drohungen aufzustellen,
bzw. zu parieren. 12.f4 Dh4 13.d3 h2 14.Lf3 Sc6 15.d4 15.De1!?
15...La6+ 16.Kg2 Sh6 17.Txh2 Auch 17.e5 macht einen guten Eindruck.
17...Sf5 18.Lxc6+ Kf8 19.Txh2 17...Df6 18.Le3 Tg8 19.Dh1 Sxd4 20.Sxd4

20...Dxd4
Objektiv betrachtet ist das Damenopfer nicht korrekt. Heute hätte
man sich vermutlich für 20...Dg6+ 21.Kf2 (Aber nicht 21.Kh3 Lxd4
22.Tg2 Lc8+ 23.f5 Sxf5 24.Txg6 Sxe3+mit Gewinn für Schwarz) 21...Lxd4
22.Tg2 Df6 23.Txg8+ Sxg8 mit ungefährem Ausgleich entschieden.
21.Lxd4 Lxd4+ 22.Kh3 Lc8+ 23.Kh4 Lf6+ 24.Kh5 Tg6

Das
hatte Kieseritzky wohl im Sinn, als er seine Dame opferte. Es droht
Sg8 nebst Th6#. Diese Stellung liefert ein gutes Beispiel für die
mangelnde Verteidigungskunst der damaligen Zeit, von der die Romantiker
immer wieder profitierten. In der Partie wählte Weiß den
Verlustzug 25.Tg2? Aber warum spielte er nicht das naheliegende
25.f5? Wahrscheinlich, weil er die hübsche Variante 25...Lxf5 26.exf5
Sxf5 mit undeckbarem Matt gesehen hatte. Aber genau hier liegt der Hase
im Pfeffer: denn wenn Weiß den Läufer f5 nicht reflexartig
nimmt, sondern 26.Dc1! spielt und das wichtige Feld h6 deckt, kommt
der schwarze Angriff nicht weiter. Weiß steht auf Gewinn. 25...Sg8!
Jetzt behält Kieseritzky recht. Weiß wird Matt oder verliert
Material. 26.f5 Th6+ 27.Kg4 Txh1 0-1
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