
von Johannes Fischer
Die
KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne wird
etwa alle ein bis drei Wochen aktualisiert und präsentiert Rezensionen
aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur,
Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum
aktuellen Schachgeschehen.
HELMUT
PFLEGER PLAUDERT
HELMUT
PFLEGER, SCHACHPUZZLE-BUCH: AMÜSANTE AUFGABEN - ÜBERRASCHENDE
LÖSUNGEN AUS DIE ZEIT
"Huch,
wie niedlich." Das war der unwillkürliche Kommentar einer
Freundin von mir, als ihr Blick auf das Schachpuzzle-Buch fiel. Helmut
Pflegers Charme hatte wieder einmal gewirkt. Es ist wohl kein Zufall,
dass diese Freundin die Schachregeln kennt, aber kaum spielt. Pfleger
schafft es immer wieder, das breite Publikum für das Spiel zu begeistern.
Seit mehr als zwanzig Jahren moderiert er Schachsendungen im Fernsehen
und plaudert sich durchs Schachgeschehen. Meist wird er dabei von seinem
Großmeisterkollegen Vlastimil Hort begleitet. Bei Analysen fungiert
Hort als Sherlock Holmes, der für die komplexen Dinge zuständig
ist, während Pfleger bereitwillig in die Rolle des Dr. Watson schlüpft.
Er stellt naive Fragen und macht Kompliziertes verständlich.
Man vergisst leicht, wie gut Pfleger eigentlich spielt. Mittlerweile
ist er kaum noch aktiv, aber früher gehörte er zur deutschen
Spitze und auch heute noch wäre er für fast jeden ein gefährlicher
Gegner. Er war nie ein großer Theoretiker, aber besaß viel
taktisches Gespür und behauptete sich auch gegen Weltklasseleute.
Profi wurde Pfleger nie. Er studierte Medizin, wurde Arzt und Psychotherapeut
und blieb diesem Beruf treu.
Neben seinen Fernsehauftritten ist Pfleger als Autor und Co-Autor zahlreicher
Bücher bekannt geworden. Sie widmen sich u.a. Themen wie dem Computerschach,
dem Phänomen Polgar oder aktuellen Schachereignissen. Zusammen
mit Gerd Treppner schrieb er So denkt ein Schachmeister, eine aufschlussreiche
und lesenswerte Untersuchung über die Denkprozesse der Großmeister
und Brett vor'm Kopf, eine flott geschriebene Darstellung der Geschichte
der Schachweltmeister. Außerdem plaudert Pfleger in der ZEIT einmal
wöchentlich aus der Welt der Meister.
Eine Auswahl von 100 dieser Kolumnen aus den Jahren 1997 bis 2001 versammelt
das neue Schachpuzzle-Buch. Der Umschlagtext spricht von einem "Schmunzelbuch"
und in bewährtem Stil erzählt Pfleger alte und neue Anekdoten.
Er schreibt u.a. über Najdorfs Nase, das Blindspiel und erwähnt,
dass Furman, der Trainer von Karpow, ein stiller und leiser Mensch war;
außerdem erfährt man, dass der russische Großmeister
Wasjukow drei Mal die gleiche Frau geheiratet hat; andere beliebte Themen
Pflegers sind das Computerschach, Judit Polgar, die Launen Garri Kasparows
und natürlich "der ewig junge, beste Schachopa der Welt"
Viktor Kortschnoi. Dabei greift Pfleger auf einen bewährten Fundus
zurück. Gerne zitiert er aus Schachbüchern und Werken der
Weltliteratur oder bezieht sich auf aktuelle Turnierberichte aus deutschen
und internationalen Schachzeitschriften. Am Ende jeder Kolumne steht
eine Aufgabe. Die meisten von ihnen sollten für einen geübten
Vereinsspieler kein Problem darstellen, aber die eine oder andere ist
dann doch nicht so leicht zu lösen.
Pflegers Art über Schach zu plaudern ist so bekannt, dass man weiß,
was man an ihr hat. Dieses Buch ist da nicht anders. Seine Fans wird
es nicht enttäuschen und es wird mit Sicherheit viele Leute für
das Schach gewinnen. Mir allerdings war es bei allem Amüsement
des Guten irgendwann zu viel. Es war, als würde einem im Restaurant
immerzu Nachtisch serviert. Da ich gerne Süßes esse, und
mich nicht dem Verdacht aussetzen möchte, humorlos zu sein, habe
ich versucht, herauszufinden, was mir an diesen Kolumnen nicht behagt.
Ich glaube, es ist die allzu harmlose Darstellung der Schachwelt.
Es ist wohl kein Zufall, wenn Rudolf Teschner, der die Kolumnen für
dieses Buch ausgewählt und bearbeitet hat, bereits in der Einleitung
betont, dass Pfleger stets Amateur geblieben ist. Als Spieler wie als
Kolumnist nimmt Pfleger das Schach nicht gar so ernst. Die von ihm entworfene
Schachwelt ist nett und überschaubar. Im Gegensatz zu vielen Autoren,
die im Schachspieler gerne das Genie sehen, das dem Wahnsinn nahe ist,
betont Pfleger andere Aspekte, um das Spiel einem breiten Publikum nahe
zu bringen. Das Dämonische weicht dem Amüsanten und auch die
größten Dramen werden noch in eine Anekdote gepresst. Die
Schachprofis erscheinen als leicht verschrobene, aber liebenswerte Gesellen,
die aus irgendeinem Grunde, der den Normalbürgern verborgen bleiben
muss, diesem Spiel verfallen sind. Sie sind mit Nachsicht zu behandeln,
wie Kinder. Es gibt den einen oder anderen Streit, Querelen und Missstimmungen,
aber am Ende sind alle wieder versöhnt.
So angenehm es ist, bei einem Besuch in der Schachwelt einmal nicht
mit manischen Verrückten konfrontiert zu werden, die das Ego ihrer
Gegner zerstören wollen, oder glauben, gegen Gott spielen zu können,
so scheint mir Pflegers Sicht auf andere Art einseitig. Ich jedenfalls
habe mir beim Lesen dieser Kolumnen irgendwann eine Darstellung des
Schachspiels und der Schachspieler gewünscht, die zeigt, wie ernst
man dieses Spiel nehmen kann. Als Sport, als Kunst, als Wissenschaft.
Und Geschichten von Schachspielern, die sich und das Schach respektieren
und dadurch respektiert werden können. Aber vielleicht liegt das
nur an meiner eigenen Verstrickung in diese Welt.
Wie ernst man Pfleger als Schachspieler nehmen sollte, erfuhr der spätere
Weltmeister Alexander Khalifman jedoch Mitte der 90er Jahre in der Bundesliga.
In der folgenden Stellung hatte Pfleger Weiß und war am Zug. Wie
wurde der gemütliche Plauderer jetzt auf einmal ungemütlich?
PFLEGER
- KHALIFMAN
BL1996

Antwort:
Mit 31.e5! Durch dieses Bauernopfer befreit Weiß seinen
Lg2 und verhilft den Bauern am Damenflügel zu durchschlagender
Kraft. 31...dxe5 32.c5 Lg7 33.Te2 Tdc8 34.Tc2 Lf8 35.b6 Dd7 36.c6!
Der entscheidende Vorstoß: Schwarz verliert Material. 36...bxc6
36...Lxb4 37.cxd7 Txc2 38.Dxb4 37.Lxf8 Txf8 38.Lxc6 Dd8 38...Dc8
39.b7 39.Lxa8 Dxa8 40.De7 Df3 41.Dxe6+ Tf7 42.Te1 1-0
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