
von Johannes Fischer
Die
KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne wird
etwa alle ein bis drei Wochen aktualisiert und präsentiert Rezensionen
aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur,
Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum
aktuellen Schachgeschehen.
OPTIMISMUS
UND SCHACHLEIDENSCHAFT: FRANK J. MARSHALL ZUM 125. GEBURTSTAG
(Die folgenden Angaben beruhen vor allem auf Andy Soltis' Marshall-Biographie
Frank Marshall: United States Chess Champion, New York: McFarland 1994,
die freundlicherweise von der Firma Schach
Niggemann zur Verfügung gestellt wurde. Auch die Bilder stammen
aus Soltis' Buch.)

Frank
J. Marshall um ca. 1925
Frank
Marshall hätte seinen Geburtstag vermutlich am Schachbrett gefeiert.
Denn der am 10. August 1877 geborene Amerikaner widmete sein ganzes
Leben dem Schach. Gelernt hatte er die Regeln als zehnjähriger
von seinem Vater und bald war seine Leidenschaft für das Spiel
grenzenlos. Marshall schreibt später: "Schach begann mein
ganzes Leben zu absorbieren. Mein Kopf war voll davon, von morgens bis
abends - auch in meinen Träumen spielte ich Schach. Allmählich
verdrängte es alle anderen Interessen."
Er wurde rasch sehr gut. Wie er das gemacht hat, verriet er jedoch nicht.
Er selbst beschrieb seine Schachkarriere einmal mit den folgenden knappen
Angaben: "Schach im Alter von 10 Jahren gelernt. Mit 15 Gewinn
der Meisterschaft des Schachklubs von Montreal. Im Alter von 22 Gewinn
der Meisterschaften des Manhattan und Brooklyn Schachklubs."
Vielleicht war die Schachleidenschaft schuld an seinen mittelmäßigen
schulischen Leistungen. Anders als viele seiner Großmeisterkollegen,
die wie Lasker oder Tarrasch intellektuell vielseitig begabt waren,
konzentrierte sich Marshalls Talent auf das Schachspiel. Arnold Denker
sagt über ihn: "Er war weder brillant noch besonders gebildet,
aber ein sehr anständiger Kerl." Außerdem war Marshall
mit Selbstvertrauen, Optimismus und Unbefangenheit gesegnet. Und so
machte er nach Ende der Schulzeit seine Leidenschaft zum Beruf und versuchte
sein Glück als Schachspieler. Das führte ihn unausweichlich
nach Europa.
DER WEG IN DIE WELTSPITZE
1899 schickt ihn der Manhattan und Brooklyn Schachklub zum großen
Londoner Turnier. Allerdings darf der Amerikaner nicht im doppelrundigen
Meisterturnier starten, sondern muss mit der B-Gruppe vorlieb nehmen.
Im Meisterturnier feiert der Weltmeister Emanuel Lasker einen der größten
Erfolge seiner Laufbahn. Nach schwachem Beginn gewinnt er schließlich
mit großem Vorsprung und unterstreicht seine Vorrangstellung in
der Schachwelt. Auch Marshall gewinnt sein Turnier und stößt
damit in den Kreis der erweiterten Weltspitze vor, ohne jedoch sonderlich
großes Aufsehen zu erregen.
Das tat er dann ein Jahr später in Paris. Beim dortigen Meisterturnier
wird Marshall zusammen mit Pillsbury geteilter Zweiter hinter Lasker,
gegen den Marshall aber gewinnen kann. Von nun an und für die nächsten
drei Jahrzehnte zählt Marshall zu den besten Spielern der Welt.
RÜCKSCHLÄGE UND RISKANTES SPIEL
Ganz an die Spitze brachte er es jedoch nie. Drei vernichtende Wettkampfniederlagen
gegen Tarrasch (Nürnberg 1905; Marshall verliert 1:8 bei acht Remispartien),
Lasker (USA 1907; Marshall verliert 0:8 bei sieben Remispartien) und
Capablanca (New York 1909; Marshall verliert 1:8 bei 14 Remispartien)
machten deutlich, dass Marshall nicht ganz das Zeug zum Weltmeister
hatte. Zu schwankend waren seine Leistungen, zu unausgeglichen seine
Resultate. Vielleicht war es seine Einstellung, die zu diesen verheerenden
Wettkampfergebnissen führte. Marshall war ein optimistischer und
furchtloser Angriffsspieler, dessen Eröffnungsrepertoire jede Menge
gewagte Gambits enthielt. Das bekannteste ist der Marshall-Angriff im
Spanier. Die berühmt gewordene Geburtsstunde dieser Variante ist
symptomatisch für Marshalls Schachkarriere. Lange hatte Marshall
gewartet, um Capablanca mit seiner gefährlichen Neuerung überraschen
zu können. Aber als sich die Gelegenheit endlich ergab, blieb der
Kubaner ruhig und wehrte Marshalls Angriff mit einer Reihe präziser
Züge ab. Diese berühmt gewordene Partie gilt als Musterbeispiel
für die Verteidigung gegen allzu stürmische, positionell zweifelhafte
Opferangriffe.
Marshall glaubte an sich und seine Chancen und es gelang ihm, in beinahe
jeder Stellung dynamische Möglichkeiten aufspüren. Das brachte
ihm den Ruf eines "Schwindlers" ein. Und es stimmte: durch
seinen Sinn für Dynamik und seine Kampfkraft gelang es Marshall
oft, scheinbar aussichtslose Stellungen noch zu retten.
Auch im Endspiel war er stark. Aber er hatte Schwierigkeiten, in entscheidenden
Momenten Kräfte zu sparen, ab und an ein professionelles Remis
einzuschieben oder auch nur zu versuchen, die Partie von Beginn an im
Gleichgewicht zu halten. Oft warf Marshall einem Verlust noch einen
zweiten hinterher. Am Anfang seiner internationalen Karriere schrieb
er einem Freund einmal: "Wann werde ich lernen, dass ein Remis
mehr zählt als ein Verlust?"
Wenn er in Form war, konnte Marshall den besten Spielern der Welt Paroli
bieten und stark besetzte Turniere mit großem Vorsprung gewinnen.
So triumphierte er 1904 in Cambridge Springs, einem Turnier, bei dem
fast die gesamte damalige Weltelite teilnahm, mit dem unglaublichen
Resultat von 11 Siegen und 4 Remis. Aber solche Erfolge blieben eine
Ausnahme. Denn trotz vieler Turniersiege, die Marshall im Laufe seiner
Karriere errang, landete er in großen internationalen Wettbewerben
trotz zahlreicher guter Platzierungen meist hinter Lasker, Capablanca
oder Aljechin.
GLÜCK IM SPIEL, GLÜCK IN DER LIEBE
1904
war auch aus einem anderen Grund ein gutes Jahr für den amerikanischen
Champion: er heiratete die damals 17-jährige Carrie Krauss nach
einer kurzen, stürmischen Zeit der Brautwerbung. Wahrscheinlich
Marshalls bester Zug im Leben. Die beiden blieben bis zu Marshalls Tod
ein Paar und Carrie erwies sich als ein Segen für den hoffnungslos
unpraktischen Schachspieler, von dem erzählt wird, das er nicht
in der Lage war, die einfachsten Dinge des Alltags in den Griff zu bekommen.
Bald organisierte Carrie Marshalls ganzes Leben: sie kümmerte sich
um Sohn Frankie, machte den Haushalt, bezahlte Marshalls Rechnungen,
knüpfte Kontakte zu potenziellen Sponsoren, traf Verabredungen
für ihn und erledigte seine Korrespondenz. Ja, angeblich konnte
sie Marshalls Unterschrift so gut imitieren, dass sogar seine Freunde
getäuscht wurden.

Frank und Carrie Marshall am Strand von Atlantic City
THE AMATEUR'S
BEST FRIEND
Sie
war der Motor hinter Marshalls ambitionierten Schachprojekten. Mit zunehmendem
Alter wollte und konnte sich Marshall nicht mehr darauf verlassen, in
Turnieren genügend Preisgelder zu gewinnen und suchte nach neuen
Erwerbsquellen. Dazu kultivierte er seinen Ruf als "The Amateur's
Best Friend". Im Sommer besuchte er beliebte Badeorte in den USA
und spielte Schach oder Dame gegen jeden, der gegen ihn antreten wollte.
Er suchte den Kontakt zu reichen Hobbyschachspielern, um Partien mit
ihnen zu spielen oder Unterricht zu erteilen. Seine auffällige
Erscheinung - er war knapp zwei Meter groß, hatte rötliches
Haar und ein markantes Gesicht - und sein offenes Wesen waren dabei
zweifellos von Vorteil. Er behandelte schwächere Spieler nie herablassend
und war, wie die Times in ihrem Nachruf feststellte, bereit "unabhängig
von der Stärke mit jedem Schachspieler zu analysieren".
Kurz nach Ende des ersten Weltkrieges verfiel Marshall, bzw. seine Frau,
auf die Idee, den Kontakt zu den wohlhabenden Hobbyspielern zu systematisieren
und einen Schachklub zu gründen, der seinen Namen trug. Sponsoren
und Mäzene leisteten einen festen Beitrag und erhielten dafür
die Möglichkeit zu regelmäßigem Kontakt mit dem Champion.
Der Marshall Chess Club in New York existiert heute noch und
bildet seit seiner Gründung einen festen Bestandteil amerikanischen
Schachlebens.
Grundlage all dessen war ein guter Ruf. Marshalls Name sollte einem
breitem Publikum ein Begriff sein. Als ein geeignetes Mittel zur PR
erwiesen sich dabei spektakuläre Simultanvorstellungen und gezielt
stellte Marshall immer neue Rekorde im Simultanspiel auf. Am 21. März
1916 spielte er unter den Augen der aufmerksamen Presse und des damaligen
amerikanischen Vizepräsidenten als erster Schachgroßmeister
gegen mehr als einhundert Gegner gleichzeitig. 1922 trat er sogar gegen
155 Gegner an. Er gewann 126 Partien, spielte 21 Remis und verlor acht.
Marshall trat auch als Autor auf und publizierte eine Reihe von Schachbüchern.
Wie viel von diesen Büchern er selbst geschrieben hat, ist ungewiss.
Marshall war kein Mann des Wortes und handschriftliche Aufzeichnungen
von ihm verraten starke orthographische Schwächen. Wahrscheinlich
lieferte Marshall mündliche oder schriftliche Notizen, die dann
von einem Ghostwriter ins Reine geschrieben wurden. Bei Marshalls berühmtestem
Werk "My Fifty Years in Chess" war dies niemand anderes
als der bekannte Vielschreiber Fred Reinfeld. "In einer Woche",
prahlte Reinfeld einmal Freunden gegenüber, "habe er das Buch
geschrieben".
DAS ENDE DER INTERNATIONALEN KARRIERE
Das
Karlsbader Turnier 1929 läutete das Ende von Marshalls internationaler
Karriere ein. Mit einem geteilten 18. Platz schnitt er verheerend schlecht
ab und musste feststellen, dass er nicht mehr länger zur Spitze
im Weltschach gehörte. Allerdings erwiesen sich seine Erfahrung,
sein Enthusiasmus und sein Schachverständnis als Segen für
die amerikanischen Olympiamannschaften. Mit Marshall als Kapitän
und Berater gewannen die Amerikaner in Prag 1931, in Folkestone 1933
und in Warschau 1935 drei Mal Gold in Folge.
Marshalls Tod kam unerwartet und plötzlich. Er erlag am 9. November
1944 auf offener Straße einem Herzanfall. Nach dem Tode seiner
großen Rivalen Lasker (1941) und Capablanca (1942) starb damit
ein weiterer Epigone der Ära des Schachs vor dem Zweiten Weltkriegs.
Mit dem Tode von Alexander Aljechin 1946 ging diese Epoche endgültig
zu Ende.
ZWEI DAMENOPFER ZUM GEBURTSTAG
Die
folgende Partie zeigt Marshalls dynamisches Angriffsspiel. Sein Gegner
war David Janowski, ein Dauerrivale Marshalls. Insgesamt trugen Marshall
und Janowski vier Wettkämpfe miteinander aus, von denen der Amerikaner
drei gewann und einen verlor. Janowski war nicht das, was man einen
guten Verlierer nennt. Seine Reaktionen nach verlorenen Partien und
Wettkämpfen waren dabei allerdings durchaus originell. So forderte
er Marshall nach ihrem ersten Wettkampf 1905, den Marshall mit 8 zu
5 bei vier Remis für sich entscheiden konnte, mit den folgenden
Worten zu einem Rückkampf auf: "Meiner Ansicht nach gibt das
Ergebnis des Wettkampfs unsere Fähigkeiten in keiner Weise wieder.
Im Gegenteil, wenn man bedenkt, dass ich in der Mehrzahl der Partien
entweder ein Gewinn oder ein Remis ausgelassen habe, kommt man zu der
Überzeugung, dass ich den Wettkampf ohne Schwierigkeiten hätte
gewinnen sollen. Deshalb habe ich die Ehre, Sie zu einem Revanchewettkampf
zu folgenden Bedingungen herauszufordern: Sieger ist, wer 10 Partien
gewinnt, Remis werden nicht gezählt. Ich gebe Ihnen vier Punkte
vor, das heißt, meine ersten vier Siege zählen nicht....".
Marshall war kein Spielverderber und trat trotz dieser beleidigenden
Herausforderung weiterhin gerne gegen Janowski an. Wie die folgende
Partie zeigt, brauchte er dabei wirklich keine Vorgabe.
JANOWSKI - MARSHALL
3. Wettkampfpartie 1912
1.e4
e5 2.Sf3 Sf6 3.Sxe5 d6 4.Sf3 Sxe4 5.d4 d5 6.Ld3 Ld6 Marshalls Spezialvariante
in der Russischen Verteidigung. 7.c4 Lb4+ 8.Kf1 0-0 9.cxd5 Dxd5 10.Dc2
Te8 11.Sc3 Sxc3 12.bxc3

Hierauf
hatte sich Janowski verlassen. Der Bh7 und der Läufer auf b4 sind
angegriffen. Aber die unsichere Königsstellung des Weißen
bleibt nicht ungestraft. 12...Dxf3! Ein spektakuläres Damenopfer.
Die Dame bleibt auf diesem Feld, bis sie geschlagen wird. 13.cxb4
Natürlich nicht 13.gxf3?? Lh3+ 14.Kg1 Te1+ 15.Lf1 Txf1# 13...Sc6
14.Lb2 Sxb4 15.Lxh7+ Kh8 16.gxf3 Lh3+ 17.Kg1 Sxc2 18.Lxc2 Te2 Das
war die Idee des Schwarzen. Er gewinnt den geopferten Läufer zurück,
wonach Weiß auf Verlust steht. Der König auf g1, der den
Turm h1 abklemmt, macht seine Lage hoffnungslos. 19.Tc1

19...Tae8
Wenn nur noch wenige Figuren auf dem Brett sind, glaubt man oft nicht
an Kombinationen. Computerprogramme entdecken recht schnell, dass Schwarz
in dieser Stellung sofort gewinnen kann, wenn er 19...Txc2! spielt.
Nach 20.Txc2 Te8 ist Weiß erstaunlich hilflos gegen das drohende
Manöver Te6 nebst Tg6 matt. 20.Lc3 T8e3 Wie Marshall in
seinen Notizen festhält, konnte er wieder schneller gewinnen: 20...Txc2
21.Txc2 Te6. 21.Lb4 Txf3 22.Ld1 Tf6 Schließlich entkommt
Weiß seinem Schicksal doch nicht. Das Matt ist nicht mehr abzuwenden.
Weiß gab auf.
Und zum Schluss noch Marshalls berühmtester Zug, der zugleich einer
der berühmtesten Züge der Schachgeschichte ist.
LEVITSKY - MARSHALL
Breslau, 1912
Schwarz
hat einen Springer mehr, aber Weiß könnte noch auf Schwindelchancen
hoffen. Mit welchem eleganten Zug entschied Marshall die Partie?
Antwort:
Mit 23...Dg3!! Weiß gab auf.
Nach 24.hxg3
wird er mit 24...Se2 matt gesetzt, nach 24.fxg3 folgt Se2+ 25.Kh1 Txf1#
und nach 24.Dxg3 Se2+ 25.Kh1 Sxg3+ 26.Kg1 Sxf1 ergibt sich ein klar
verlorenes Endspiel für Weiß.
Partien und Züge wie diese sind wirklich ein Grund zum Feiern.
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