
von Johannes Fischer
Die
KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne wird
etwa alle ein bis drei Wochen aktualisiert und präsentiert Rezensionen
aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur,
Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum
aktuellen Schachgeschehen.
EINE
SCHACHLEGENDE ERINNERT SICH:
Hans-Dieter Müllers ChessBase Monographie
über Wolfgang Unzicker
Sein Gedächtnis ist phantastisch. Wenn Wolfgang Unzicker über
mehr als ein halbes Jahrhundert deutscher und internationaler Schachgeschichte
berichtet, erinnert er sich mit der größten Selbstverständlichkeit
an kleinste Details. Zum Beispiel an das Datum "seines ersten öffentlichen
Auftretens als Schachtalent" bei der Jugendschachwoche in Fürstenwalde
in der Nähe von Berlin, die vom 11. bis 20. August 1939 stattfand.
Damit begann eine Schachkarriere, im Laufe derer der am 26. Juni 1926
in Pirmasens geborene Unzicker mit fast allen großen Spielern
der letzten fünfzig Jahre die Klingen kreuzte. Wolfgang Unzicker
verkörpert Schachgeschichte.
Die von Hans-Dieter Müller erstellte ChessBase Monographie zeichnet
die Schachlaufbahn des Münchner Großmeisters nach. Dabei
lässt Hans-Dieter Müller die Erfolge und Turniere Unzickers
Revue passieren, während Unzicker in einem ausführlichem Interview
zu Wort kommt. Dieses Video-Interview bildet eine wichtige Ergänzung
zu den Texten, die sich weitgehend auf die Turniere und die Laufbahn
Unzickers beschränken.
DIE ERSTEN SCHRITTE
Schach gelernt hat Unzicker mit zehn Jahren, um nicht hinter seinem
Bruder und einem Freund des Bruders zurück zu stehen. Bald darauf
wurde "das Nachspielen von Meisterpartien seine liebste Freizeitbeschäftigung".
Unzicker wurde rasch besser und vom Großdeutschen Schachbund zur
oben erwähnten Jugendschachwoche in Fürstenwalde eingeladen.
Dort lernt er Klaus Junge kennen, das größte deutsche Talent
seit Lasker. Bekanntlich fiel Klaus Junge, der bis zum Schluss ein treuer
Anhänger der Nationalsozialisten war, am 18. April 1945 zwanzig
Tage vor Kriegsende bei einem der letzten Gefechte des Krieges in der
Lüneburger Heide. Wer gehofft hatte, von Unzicker mehr über
Junges Nähe zum Nationalsozialismus zu erfahren, wird enttäuscht.
Unzicker beschränkt sich in seinen Erinnerungen auf den Schachspieler,
der bereits damals sehr stark war und in jeder Situation am Brett eine
"souveräne Ruhe" ausstrahlte.
EIN RUHIGER AUFSTIEG NACH DEM KRIEG
Unzicker selbst
übersteht Arbeitsdienst und Militärzeit unbeschadet und macht
1945 Abitur. In seiner weiteren Laufbahn spiegelt sich die Entwicklung
West-Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Recht schnell kehren Ruhe
und Normalität ein. Unzicker studiert Jura und setzt seine Schachlaufbahn
beständig und erfolgreich fort. 1950 wurde Deutschland wieder in
die FIDE aufgenommen und Unzicker durfte als amtierender Deutscher Meister
am Zonenturnier 1951 teilnehmen. Er wurde Zweiter und beim ein Jahr
später ausgetragenen Interzonenturnier belegte er den 9. Platz.
Ein wichtiges Jahr für Unzicker war 1953. In diesem Jahr wurde
er gleich zwei Mal Deutscher Meister. Im Frühjahr bei der Deutschen
Meisterschaft in West-Berlin, bei der die Westdeutschen unter sich waren
und im Herbst bei der gesamtdeutschen Meisterschaft in Leipzig. Damals
war das politische Klima zwischen der DDR und der Bundesrepublik noch
nicht so vergiftet und trotz aller Hindernisse konnte man sich noch
auf eine gesamtdeutsche Meisterschaft einigen. Es war allerdings die
letzte dieser Meisterschaften.
Auch beruflich machte Unzicker 1953 einen großen Sprung nach vorn.
Er schloss sein Jurastudium erfolgreich ab, und begann danach bei der
Bayerischen Landesregierung zu arbeiten - und diesem Arbeitgeber blieb
er treu, bis er 1990 in den Ruhestand ging.
ALS AMATEUR AN DER WELTSPITZE
Unzicker blieb
Zeit seines Lebens Amateur. Er selbst sagt: "Berufsspieler zu werden
habe ich nie ernsthaft in Betracht gezogen" und fügt hinzu,
dass er selbst als Berufsspieler wohl nicht das Niveau von Keres oder
Kortschnoi erreicht hätte. Wie weit es Unzicker als Profi gebracht
hätte, ist natürlich Spekulation. Fest steht, dass er auch
als Nicht-Profi den ganz Großen das Leben schwer machen konnte.
So landete er beim berühmten Turnier um den Piatigorsky-Cup in
Santa Monica 1966, das Spasski knapp vor Fischer gewann, in einem illustren
Feld als einziger Amateur auf einem überraschenden 6. Platz. Im
Laufe seiner Karriere gewann Unzicker u.a. gegen Botwinnik, Tal, Reshewsky,
Fischer und Keres. Jahrelang vertrat er Deutschland auf der Schacholympiade
und brachte es auf insgesamt 386 Einsätze - vermutlich ein Rekord.
Wegen seiner Berufstätigkeit konnte Unzicker nur an relativ wenig
Turnieren teilnehmen, blieb aber bis ins hohe Alter aktiv und gehört
mit einer Elo-Zahl von 2432 noch immer zu den hundert besten Spielern
Deutschlands.
ERINNERUNGEN
Aber nicht die nüchternen Daten einer großen Schachkarriere
machen diese CD so reizvoll, sondern die von sehr schönen Fotos
eingerahmten Erinnerungen an die großen Spieler vergangener Generationen.
So beschreibt Unzicker Boguljubows politische Kenntnisse als "nicht
sehr fundiert", Sämisch als angenehmen, gebildeten und intelligenten
Menschen, der aber über keinerlei Beziehung zum Geld verfügt
hätte und nicht gewusst habe, wie man sich durchs Leben bringt.
Auch von Kortschnoi zeigt sich Unzicker angetan. Er konstatiert bei
ihm eine hervorragende körperliche Verfassung und ausgezeichnete
Nerven, die ihn bis heute erfolgreich sein lassen. Auf die Frage, inwieweit
sich das heutige Schach von dem vergangener Tage unterscheidet, antwortet
Unzicker, dass die heutigen Meister den alten Meistern in Bezug auf
die Eröffnung voraus sind, aber Mittel- und Endspiel etwa gleich
stark behandeln. Der größte Unterschied zwischen den Epochen
sieht er darin, dass die heutigen Spieler über eine größere
Zahl von gleichwertigen Gegnern verfügen und die besten der Welt
deshalb auf viel stärkeren Widerstand stoßen. Insgesamt gesehen
sei die Technik feiner geworden, was sich besonders in der Verteidigung
bemerkbar macht.
Die Versuche, eine neue, kürzere Bedenkzeit einzuführen, hält
der stets bedächtig und überlegt sprechende Unzicker für
"indiskutabel". Gerade im Endspiel würde dann das Niveau
deutlich absinken und viele komplizierte Endspiele könnten nicht
richtig durchdacht werden.
DIE PARTIEN
Den dritten Teil der CD bilden 1750 Unzicker-Partien, viele davon kommentiert,
etliche von ihm selbst. Diese Partien zeichnet die Beständigkeit
aus, die auch Unzickers Leben und Schachlaufbahn kennzeichnet. Er blieb
seinen Eröffnungen treu und spielte mit Schwarz fast immer Spanisch
bzw. Nimzo-Indisch; als Weißer zog er fast durchgängig 1.e4.
Stilistisch ist er ein klassischer Spieler, der sich in allen Phasen
der Partie gut zurecht findet. Die folgenden Partien gegen Keres und
Botwinnik demonstrieren seine Vielseitigkeit und Stärke.
Unzicker
- Keres
Aljechin-Gedenkturnier Moskau, 1956
1.e4
e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0-0 Le7 6.Te1 b5 7.Lb3 d6 Der
klassische Spanier, den Unzicker auch mit Schwarz sehr gerne spielte.
8.c3 0-0 9.h3 Sa5 10.Lc2 c5 11.d4 Dc7 12.Sbd2 cxd4 13.cxd4 Sc6 14.Sb3
Lb7 15.Lg5 h6 16.Lh4 Sb4 17.Lb1 Tac8 18.Te2 Sh5 Schwarz möchte
sich durch den Tausch der weißfeldrigen Läufer entlasten,
und riskiert deshalb, den Springer an den Rand und auf ein ungedecktes
Feld zu ziehen. Weiß reagiert geschickt und übernimmt die
Initiative. 19.a3 Sc6 19...Lxh4? 20.Sxh4 Dd8 21.Sf5 Sc6 22.Td2
und Weiß übt unangenehmen Druck aus. 20.d5 Sb8 20...Sd8?
geht nicht, wie Tschechow angibt: 21.Tc2 Dd7 22.Sxe5! 21.Tc2 Dd8

22.Sa5!?
Weiß zeigt keine Scheu vor taktischen Verwicklungen: während
sein Läufer am Königsflügel hängt, spielt er auch
seinen Springer am Damenflügel auf ein ungedecktes Feld. 22...Txc2
Schwarz muss Probleme lösen: 22...Dxa5 verliert sofort: 23.Lxe7
Tfe8 24.Lxd6+-; Die beste Möglichkeit für Schwarz war 22...Lxh4
23.Sxb7 und jetzt nicht das von Tschechow angegebene 23...De7, das nach
24.Sxh4 Dxh4 25.Txc8 Txc8 26.Sxd6 verliert, sondern der Fritz-Vorschlag
23...Lxf2+ 23...Lxf2+ 24.Txf2. Nach 24...Db6 25.Sxd6 Dxd6 befindet sich
die Stellung ungefähr im Gleichgewicht. 23.Sxb7 Dc7 24.Dxc2
Dxb7 25.Lxe7 Tc8

Ein
Zwischenzug, der verhindern möchte, dass Weiß die c-Linie
besetzt. Er trifft jedoch auf eine überraschende Entgegnung: 26.Lxd6!
Unzicker: Diesen Zug hatte Keres zwar gesehen, aber unterschätzt.
26...Txc2 27.Lxc2 Unzicker: Ich hatte mich zu dem Damenopfer,
sobald ich es gesehen hatte entschlossen. Allzu langes Überlegen
erschien mir ohnehin nicht mehr angebracht, da meine Bedenkzeit schon
etwas knapp war. Als nach meinem 27. Zug Großmeister Najdorf meine
Stellung ansah, zog er die Augenbrauen hoch und flüsterte mir anerkennend
zu: "Wolfgang, das haben Sie ausgezeichnet gemacht, aber bleiben
Sie sitzen, Sie haben nicht mehr viel Zeit". Weiß steht materiell
gesehen nicht schlechter. Turm, zwei Läufer und ein Springer und
ein Bauer sind nicht, oder bleiben wir vorsichtig, kaum schwächer
als Dame und zwei Springer. Dazu kommt noch, dass Weiß einen starken
Freibauern auf d5 hat. Weiß steht daher zweifellos besser. 27...f6
28.Lb3 Sf4 29.Td1 Sd7 30.Td2 Sb6 31.Lc7 Sc4 32.d6 Se6 33.La5! Sc5?!
Schwarz ist in einer schwierigen Situation und der Textzug sieht
verlockend aus: der Springer möchte nach d7, und zugleich sind
e4 und b3 angegriffen. Aber Unzicker ist erneut taktisch auf der Höhe
und findet eine überzeugende Entgegnung. 34.Lb4! Sd7 34...Sxb3
scheitert an 35.d7+- 35.Tc2 a5 Unzicker: Auch nach der besten
Verteidigung 35...Kh7 36.Lxc4 bxc4 37.Sd2! hätte Schwarz auf Dauer
unterliegen müssen. 36.Lxa5 Dxe4 37.Sd2! Dd3?

Die
schwierige Verteidigung zeigt Wirkung. Keres übersieht kurz vor
der Zeitkontrolle einen taktischen Trick. Aber zu halten war die Partie
ohnehin nicht mehr. 38.Txc4! Kh7 39.Lc2 Unzicker: Ich betrachte
diese Partie als eine der besten meiner Laufbahn.
Unzicker
- Botwinnik
Oberhausen 1961
Einer
der berühmtesten Siege von Unzicker gelang ihm bei der Europameisterschaft
1961 gegen den amtierenden Weltmeister Botwinnik. Zufällig fiel
diese Partie auf den Geburtstag Unzickers. 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3
Lb4 Botwinnik wandte die Winawer-Variante regelmäßig
an und entwickelte dort viele neue Ideen. In dieser Partie erlitt er
jedoch Schiffbruch. 4.e5 c5 5.a3 Lxc3+ 6.bxc3 Dc7 7.Sf3 Se7 8.Ld3
Ld7 9.a4 Sbc6 10.Dd2!? h6 11.0-0 c4!? Zweischneidig und aggressiv
gespielt. Schwarz vertreibt den einen weißen Läufer von seiner
starken Stellung auf d3, gibt aber dem anderen Läufer um so bessere
Möglichkeiten. Vermutlich wollte Botwinnik die Stellung festlegen,
um den schwachen Bauern auf a4 erst zu belagern und dann zu erobern.
Wenn Weiß nicht schnell Drohungen aufstellt, kommt er leicht ins
Hintertreffen. 12.Le2

12...a5?
Verfolgt seinen Plan konsequent und erlaubt auch ein eventuelles Sc6-a7-c8-b6.
Aber zugleich schwächt a5 die schwarze Stellung beträchtlich
und die weißen Türme erhalten gute Chancen auf der b-Linie.
13.La3 Sa7 14.g3 Sac8 15.Sh4 Bereitet den Vormarsch des f-Bauern
vor. Nach der Öffnung der Stellung bekommt Schwarz Schwierigkeiten
mit seinem König. 15...Dd8 16.f4 Sf5 Verhindert den weiteren
Vormarsch des f-Bauern, aber führt zu anderen Schwächen. 17.Sxf5
exf5 18.Lf3! Weiß verstärkt systematisch den Druck auf
d5 und bereitet zugleich den Vormarsch des g-Bauern vor. 18...Le6
Nach 18...Lc6 19.Tfe1 droht Weiß mit dem Durchbruch e6, gegen
den Schwarz sich kaum verteidigen kann. 19.Tfb1

Jetzt
zeigen sich die verheerenden Folgen von 12...a5. 19...b6 20.Dg2!
Ta7 21.Tb5 Td7 22.g4 Nachdem Weiß am Damenflügel und
im Zentrum Druck auf die schwarze Stellung ausübt, bricht er jetzt
am Königsflügel durch. Die schwarze Stellung kollabiert rasch.
22...Se7 23.Lxe7 Kxe7 24.Kh1! g6 25.Tab1 Kf8 26.gxf5 Lxf5 27.Lxd5
Dh4 28.Le4 Dxf4 29.Lxf5 gxf5 30.Txb6 Ke7 31.e6 Schwarz gab auf.
WER
MEHR WISSEN WILL
Wer durch die CD neugierig geworden ist, mehr wissen oder Unzicker einmal
live erleben möchte, hat dazu in dieser Woche Gelegenheit. Am Donnerstag,
den 17.10.02, ist Wolfgang Unzicker um 19 Uhr 30 zu Gast beim monatlichen
Treffen der Lasker-Gesellschaft,
die ihren Sitz in Berlin hat. Das Treffen findet im Künstlerklub
"Die Möwe" im Palais am Festungsgraben unter den Linden
statt.
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