
Johannes
Fischer,
Jahrgang 1963,
lebt als freier Übersetzer, Dolmetscher und Journalist
in Leipzig
und spielt beim
SC Leipzig-Gohlis
in der 2. Bundesliga.
Kontakt

Russians
vs. Fischer,
Hrsg. D. Plisetzky,
Sergej Voronkov
Moskau: Chess World,
1994, 396 S.

Max
Euwe & Jan Timman,
Fischer World Champion!
Alkmaar: New In Chess,
2002,159 S
Das
Belegexemplar
Fischer World Champion!
wurde uns freundlicherweise
von der Firma
Schach E. Niggemann
zur Verfügung gestellt.
|

von Johannes Fischer
Die
KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne wird
etwa alle ein bis drei Wochen aktualisiert und präsentiert Rezensionen
aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur,
Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum
aktuellen Schachgeschehen.
SCHACHKRIEG:
Ein Fernsehbericht über den WM-Kampf in Reykjavik 1972
Schach im Fernsehen
kann sehr spannend sein. Passend zum Fischer-Schwerpunkt
in KARL 2/02 beleuchtete der Kulturkanal ARTE am Mittwoch, den 23.10.02,
unter dem Titel "Schachkrieg" in einem Dokumentarfilm
die politischen Aspekte des WM-Kampfes in Reykjavik 1972.
Konzentrieren sich solche Filme meist auf das exzentrische Wunderkind
Bobby Fischer, rückte Regisseur Valéry Gaillard hier die
Person Spasskis in den Vordergrund. Kernstück der Dokumentation
war ein ausführliches Interview mit dem heute in Frankreich lebenden
Ex-Weltmeister, der sich bislang selten öffentlich zu dem Geschehen
in Reykjavik geäußert hatte.
Die im Kalten Krieg unvermeidlichen politischen Begleiterscheinungen
des Wettkampfs brachten Spasski in eine schwierige Situation. Auf einmal
repräsentierte er, der sich Zeit seines Lebens erfolgreich weigern
konnte, Parteimitglied zu werden, die sowjetische Schach- und Kulturpolitik.
Wie wichtig das Schach für die Sowjetunion war, zeigte der Film
in einem kurzen Rückblick über den Aufstieg der Sowjetunion
zur schachlichen Großmacht. In faszinierenden Aufnahmen konnte
man alle sowjetischen WM-Vorgänger Spasskis noch einmal bewundern.
Interviews mit hochrangigen Sowjet-Funktionären machten deutlich,
wie das Schach staatlich gefördert wurde und Spieler wie Botwinnik
und Tal zu Volkshelden avancierten. Diese Politik trug Früchte:
Nach dem zweiten Weltkrieg dominierten die Sowjets das Weltschach unangefochten
und trugen sämtlich WM-Kämpfe unter sich aus. Doch plötzlich
bedrohte das Wunderkind Fischer diese Hegemonie und Spasski hatte das
Schicksal die Aufgabe beschert, den Amerikaner zu stoppen.
RUSSIANS VS. FISCHER
Wie sehr die sowjetische Führung Fischers Schachtalent fürchtete,
zeigen Dmitry Plisetzky und Sergey Voronkov in ihrem Buch Russians
vs. Fischer, in dem sie bislang geheime Dokumente veröffentlichen,
die demonstrieren, wie Fischers drohender Aufstieg zum Weltmeister zum
Politikum wurde. Eine faszinierende Lektüre. Ehemals geheime Protokolle
zeigen, wie rigoros der politische Apparat vorging und wie er z.B. gegen
Taimanow nach dessen 0-6 Verlust im Wettkampf gegen Fischer drakonische
Maßnahmen ergriff. (Siehe dazu auch das Interview mit Taimanow
in KARL 2/02, S.26-29).
Zahlreiche Dokumente sind auch in schachlicher Hinsicht aufschlussreich.
Denn führende Großmeister der Sowjetunion wie Tal, Keres,
Smyslow, Petrosjan und Bondarewski wurden aufgefordert, genaue Analysen
von Fischers Spielstil, seinen Stärken und Schwächen anzufertigen,
die hier veröffentlicht sind. Auch Botwinniks ausführliches
Spielerporträt von Fischer, das er einmal anlässlich der Vorbereitung
auf einen möglichen Wettkampf gegen den Amerikaner erstellt hatte,
findet man hier. Ebenso erhält man Einblick in die ausgefeilten
Trainingspläne, die das Sportkomitee zur Vorbereitung auf die Wettkämpfe
von Taimanow, Petrosjan und Spasski aufstellte, um nichts unversucht
zu lassen, den Amerikaner zu besiegen.
In den Augen der Partei war Spasski dabei ein unsicherer Kantonist.
So schrieb S. Pawlow, der Vorsitzende der Sowjetischen Sportföderation
in einem vertraulichen Dossier über Spasski:
"Spasski
ist 34 Jahre alt und eine Person, die auf diesem Feld [des Schachs]
hochbegabt ist, und die in der Lage ist, ihre Ressourcen in den entscheidenden
Momenten zu mobilisieren, um ihr Ziel zu erreichen. Er hat sein Potenzial
noch besser zu werden, noch nicht ausgeschöpft...
Als Folge einer schweren Kindheit und Lücken in seiner Erziehung
ist Spasski gelegentlich seinem eigenen Verhalten gegenüber unkritisch,
gibt unreife Dinge von sich, verstößt gegen seine Trainingsdisziplin
und ist nicht fleißig genug. Manche Leute hier und im Ausland
versuchen diese Mängel noch zu verstärken und ihn zu Größenwahn
anzustacheln, indem sie seine Ausnahmestellung als Weltmeister betonen
und seine bereits ungesunde Söldnermentalität weiter anheizen.
Dieser Umstand hat es für das Sowjetische Sportkomitee notwendig
gemacht, die Kontrolle über das Training des Weltmeisters zu verstärken
und sorgfältig mit ihm zu arbeiten, was bislang unbedeutende Resultate
gezeigt hat. Wir halten es für notwendig, in Zukunft öffentliche
Organisationen in eine verstärkte Zusammenarbeit nach diesen Vorgaben
einzubeziehen..." (Russians vs. Fischer, S. 285)
DIE
POLITK MISCHT SICH EIN
Was das bedeutete, berichtet der Dokumentarfilm: der KGB schaltete sich
in die Wettkampfvorbereitung ein und verlangte von Spasski eine Siegesgarantie.
Vernünftigen Argumenten schien diese Institution nicht zugänglich.
Auf seine Antwort: "Wir sind nicht schlechter als Fischer und werden
kämpfen" kam die Entgegnung: "Du bist ein Sowjet. Du
musst den Sieg garantieren".

Spasski - Fischer,
Rejkjavik 1972
(Archiv Lothar Schmid)
Außerdem
stellte die politische Führung sein Team zusammen. Spasskis Trainer
und Vertrauter Bondarewski, der ihn zum Weltmeistertitel geführt
hatte, wurde gegen Krogius, Nei und Geller ausgetauscht. Geller kam
zu diesen Ehren, weil er einer der wenigen sowjetischen Großmeister
war, die ein positives Score gegen Fischer aufweisen konnten. Aber die
Sache hatte einen Haken: zwei Mal, 1965 und 1968, war Geller als WM-Kandidat
in Wettkämpfen gegen Spasski gescheitert. Keine gute Voraussetzung
für eine harmonische Zusammenarbeit.
Auch die Amerikaner instrumentalisierten den Wettkampf für ihre
politischen Interessen. Nachdem Fischer zur Eröffnungszeremonie
in Reykjavik nicht erschienen war, schaltete sich der damalige amerikanische
Außenminister Henry Kissinger ein. Er erklärte Fischer, es
sei seine patriotische Pflicht zu spielen und zu siegen. Der Film zitiert
Augenzeugen, die berichten, wie sie Fischer in New York dazu bringen
wollten, nach Reykjavik zu fliegen und den Wettkampf zu beginnen, jedoch
auf taube Ohren stießen. Aber nach dem Anruf Kissingers war Fischer
wie verwandelt und hätte sich benommen wie "ein junger Soldat",
der unbedingt in den Kampf ziehen wollte.
Also flog Fischer nach Reyklavik. Aber wer geglaubt hatte, damit sei
der Wettkampf gerettet, sah sich getäuscht. Die große Krise
kam erst, nachdem Fischer aus Protest gegen die Fernsehkameras zur zweiten
Partie nicht antrat und kampflos verlor. Das kostete ihn genau wie sein
gesamtes Verhalten jede Menge Sympathien. Zugleich hatte er damit jeden
moralischen Anspruch auf das Recht, um die Weltmeisterschaft zu spielen,
verwirkt. Der sowjetische Schachverband witterte seine Chance und drängte
Spasski, den Kampf abzubrechen, nach Moskau zurück zu kommen und
den WM-Titel kampflos zu behalten. Doch Spasski verweigerte den Gehorsam
und erklärte: "Wenn ich siege, dann nur auf dem Schachbrett."
Eine mutige und menschlich bewundernswerte Haltung. Denn Spasski stand
zwischen allen Fronten. Er musste sich zugleich seinem eigenen Verband
entgegen stemmen und die immer neuen Launen und Forderungen Fischers
ertragen. Es wirkt wie eine Ironie der Geschichte, dass der sowjetische
Schachverband Spasski drängte, den Kampf abzubrechen, Fischer drohte,
den Kampf abzubrechen und nur Spasski, dessen Weltmeistertitel und Sportlerkarriere
in der UdSSR auf dem Spiel stand, weiterspielen wollte.
SPASSKIS VERHÄNGNISVOLLER FEHLER
Im Nachhinein bezeichnet Spasski die Situation vor der dritten Partie,
die aus Schutz vor den Fernsehkameras in einem separaten Raum gespielt
werden sollte, als entscheidende Phase des Wettkampfs:
"Als
die Partie begann, entbrannte ein Streit zwischen dem Schiedsrichter
Lothar Schmid und Bobby Fischer. Irgendwann sagte Fischer zu Schmid:
'Halt's Maul!' Genau in diesem Moment machte ich einen verhängnisvollen
Fehler. Ich glaube sogar, dass ich in diesem Moment das Match verlor.
Ich hätte unter solchen Bedingungen nicht weiter spielen dürfen.
Als amtierender Weltmeister hätte ich sagen können: 'Tut mir
Leid, aber mir gefällt diese Atmosphäre nicht. Ich hatte versprochen,
diese Partie zu spielen, doch jetzt gebe ich auf.' Dann hätte ich
gehen sollen.
Damit hätte ich alle psychologischen Vorteile behalten, die ich
zu diesem Zeitpunkt des Matches hatte. Fischer hätte sich in seiner
sehr schwierigen psychischen Situation befunden. Statt dessen spielte
ich weiter, ich hatte mein Wort gegeben. Und so verlor ich schließlich.
Ich verlor beim 40. Zug, als das Remis schon offensichtlich war. Zum
ersten Mal in meinem Leben verlor ich gegen Fischer. Es war, als hätte
ich ihm eine Tür aufgemacht. Er spürte meine Schwäche.
Ich hatte mich eigenhändig um meine Siegerstellung gebracht. ...
Aus psychologischer Sicht war ich geliefert. Dennoch war ich bereit,
bis zum letzten Atemzug gegen Fischer zu kämpfen. Ich war fest
davon überzeugt, bis zum Schluss kämpfen zu können. Doch
die Kräfte waren ungleich verteilt. Von diesem Moment an hatte
er sich gefangen und sein Gehirn funktionierte wie ein Schweizer Uhrwerk."
(Siehe dazu auch das Interview mit Lothar Schmid in KARL 2/02, S.32-35,
vor allem S.34)
SPASSKI - FISCHER
Reykjavik 1972, 3. Partie des Wettkampfs

Dies
war die Stellung vor dem vierzigsten Zug von Spasski. Nach 40.Ke1! c3
41.Dg5+ Lg6 42.De3 hat Schwarz, wie Timman ausführt, Probleme weiter
zu kommen, da sein König zu exponiert steht. Aber in der Partie
geschah: 40.Dd2 und nach 40...Db3 41.Dd4? Ld3+! gab Spasski
auf. 41...Ld3+ war der Abgabezug und beide Seiten hatten genügend
Zeit, um sich anzuschauen, wie Schwarz gewinnt, z.B.: 42.Ke1 (42.Kd2
Dc2+ 43.Ke1 Dxc1#; 42.Ke3 Dd1! 43.Db2 Df3+ 44.Kd4 De4+ 45.Kc3 De1+!
46... De5#) 42...Dxb4+.
Auch Jan Timman sieht in seinem Buch über den Wettkampf Fischer:
Worldchampion! (Rezension in KARL 2/02, S.57) die dritte Partie
als entscheidend an. Er zitiert Donner und Langeweg, die meinten, Spasski
hätte die dritte Partie kampflos aufgeben sollen, um die psychologische
Initiative zu behalten. Natürlich ist so etwas leichter gesagt
als getan - vor allem im Nachhinein. Da Spasski unbedingt spielen wollte,
verpasste er diesen Moment, geriet in die Defensive und spielte die
erste Hälfte des Matches verheerend schlecht. Als er nach der zehnten
Partie wieder in Tritt kam, lag er bereits mit 3,5:6,5 beinahe unaufholbar
zurück. Was danach kam, ist bekannt: Fischer gewann den Kampf und
zeigte sich der Bürde des WM-Titels psychisch nicht gewachsen.
Er tauchte unter, zog sich vom Turnierschach zurück und wurde zum
Mythos.
Die Schlusseinstellung des Dokumentarfilms erlaubt einen Blick auf das
rätselhafte Wesen und die Schachleidenschaft des Amerikaners. Während
der Siegerehrung in Reykjavik wurde er zufällig von einer Überwachungskamera
gefilmt, die zeigt, wie er bei einer Veranstaltung, in deren Mittelpunkt
er steht, vollkommen in sich versunken und der Welt entrückt allein
Partien auf seinem Taschenschach analysiert. Mit Fischer hatte in diesem
Wettkampf das manische Genie triumphiert. Der gleichfalls geniale Schachspieler
Spasski wurde dabei ein Opfer des politischen Drucks aus den eigenen
Reihen, der Launen seines Gegners und seiner eigenen menschlichen Größe.
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KOLUMNENSEITE
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