
von Johannes Fischer
Die
KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne wird
etwa alle ein bis drei Wochen aktualisiert und präsentiert Rezensionen
aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur,
Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum
aktuellen Schachgeschehen.
EIN
EXZESSIVES GENIE -
WELTMEISTER MICHAIL TAL
"'Mischa war ein Genie. Deshalb hatte er diese Güte. ... Außerdem
war er kein besonders einfacher Mensch." Das sagt Engelina Tal,
die Witwe Michail Tals. Die vor kurzem erschienene ChessBase Monographie
über den 1992 gestorbenen "Schachzauberer" beginnt mit
einem offenherzigen und aufschlussreichen Interview mit der Witwe und
der Tochter des Ex-Weltmeisters. Danach folgt eine von Johannes Sondermann,
dem Herausgeber der CD, verfasste Biographie Tals, die auf der Grundlage
zahlreicher Quellen ein facettenreiches Bild des Angriffskünstlers
zeichnet. Bei aller Bewunderung für Tals Schachkünste werden
dunkle Punkte dabei nicht ausgeklammert.
Tal war eine faszinierende Persönlichkeit. Ein hochbegabter und
intelligenter Künstler, der nur für das Schach lebte; für
den Geld keine Rolle spielte, der es bedenkenlos weggab und nie ein
Portemonnaie besaß; der mit 17 bereits studierte, weil er zwei
Schulklassen überspringen konnte; der alles, was er tat, leidenschaftlich
tat und der auf seine eigene Gesundheit genauso wenig achtete wie auf
die anderen "Kleinigkeiten" des Lebens; der trotz schwerer
gesundheitlicher Probleme exzessiv rauchte, trank und zeitweilig morphiumsüchtig
war.
Konventionen waren ihm egal. Einmal lebte er mit seiner Ex-Frau, ihrem
gemeinsamen Sohn, seiner neuen Freundin, seiner Mutter und seinem Bruder
in einer Wohnung. Engelina Tal erzählt, dass er meist um sechs
Uhr morgens aufstand und sich dann den ganzen Tag mit Schach beschäftigte.
Seine Partien passten zu einem solchen Menschen. Immer wieder gelangen
Tal faszinierende Angriffe, die aus dem Nichts zu kommen schienen. Er
riskierte Figurenopfer, die auf den ersten Blick "unmöglich"
wirkten, aber schwer zu widerlegen waren. Während die meisten Spieler
damals mühsam jede noch so kleine Schwäche vermeiden wollten
und sich ängstlich an jeden Bauern klammerten, spielte Tal mit
unbekannter Dynamik und verlieh dem Schach neue Dimensionen.
Geboren wurde Tal am 9. November 1936 in Riga in Lettland als Sohn lettischer
Juden. Als die Deutschen am 1. Juli 1941 in Lettland einmarschierten,
konnte Familie Tal nur mit knapper Not entkommen. Sie erwischten gerade
noch den letzten Zug, der Riga verließ, mussten aber all ihr Hab
und Gut in der Stadt zurücklassen.
Schach lernte Tal mit sieben. Er war gut, aber kein Wunderkind. 1949
traf er Alexander Koblenz, der bald darauf sein Trainer und enger Vertrauter
wurde und beides ein Leben lang blieb. Bald nach dieser Begegnung begann
Tals rasanter Aufstieg in die Weltspitze, die er in den 50er Jahren
mit atemberaubender Geschwindigkeit eroberte. Seine Art zu spielen,
begeisterte Schachfans in aller Welt. Das junge Genie liebte das Risiko,
spielte bedingungslos und mutig auf Angriff und wagte selbst gegen etablierte
Großmeister unklare Figurenopfer.

Der junge Mikhail Tal (1959)
Auch
sein Äußeres wirkte attraktiv. Legendär war sein durchdringender
Blick, der etwas hypnotisches besaß und die Leidenschaft ahnen
ließ, mit der Tal spielte. Aber trotz dieses furchterregenden
Blicks war Tal freundlich, offen und zugänglich. Auch später,
als er bereits eine lebende Legende war, musste man kein Großmeister
sein, um mit dem Schachgenie zu spielen, zu analysieren und zu reden.
Dabei war Tal bei seinem Aufstieg in die Weltspitze nicht einmal Profi,
sonderte studierte noch. 1958 legte er sein Staatsexamen im Fach "Russische
Sprache und Literatur" ab, um danach kurze Zeit als Referendar
zu arbeiten, bis er sich schließlich ganz dem Schach widmete.
Es war wie im Märchen: bereits im ersten Anlauf nahm der junge
Tal alle Hürden und qualifizierte sich 1960 als Herausforderer
von Weltmeister Mihail Botwinnik, dem gestrengen Patriarchen des Sowjetschachs,
dessen Erfolgsgeheimnisse harte Arbeit und Disziplin waren - vom Typ
her das genaue Gegenteil der Künstlerexistenz Tal. Aber Tal blieb
sich treu und spielte zweischneidig und riskant. Der Erfolg gab ihm
Recht: Tal gewann mit 12,5:8,5.
Doch das Wunder währte nur kurz. Botwinnik machte von seinem Recht
auf ein Revanchematch Gebrauch, auf das er sich sorgfältig vorbereitete.
Tal schien das Ganze nicht so ernst zu nehmen und sein Trainer Koblenz
verzweifelte bei den vergeblichen Versuchen, Tal auf den Wettkampf einzustimmen.
Außerdem beging Tal eine Dummheit, für die man ihm heute
dankbar sein muss: Er schrieb ein ungewöhnlich offenherziges Buch
über den Wettkampf 1960, in dem er seine Strategie, sowie seine
Gedanken und Gefühle während der Partien schilderte. Ein Geschenk
für jeden Schachliebhaber und ein phantastisches Buch - aber auch
die ideale Wettkampfvorbereitung für Botwinnik.

Cover der 1977 bei R.H.M. Press erschienenen Übersetzung des Buches
über den Wettkampf Tal - Botwinnik
Zudem
war Tal beim Rückkampf 1961 gesundheitlich angeschlagen. Nachdem
der Wettkampf trotzdem nicht verlegt wurde, war der Talsche Zauber plötzlich
verflogen. Botwinniks Disziplin, seine Arbeitskraft und sein fanatischer
Siegeswillen setzten sich durch: Tal verlor 8:13 und wurde der jüngste
Ex-Weltmeister aller Zeiten - einen Titel, den er mit Stolz trug.
Manchmal scheint es, als ob Tal danach nie wieder an frühere Leistungen
anknüpfen sollte. Aber dieser Eindruck täuscht. Im Laufe seines
Lebens wurde er nicht weniger als sechs Mal sowjetischer Meister - was
außer ihm nur Botwinnik geschafft hat - und in den Jahren 1972-73,
als sein Spiel ruhiger geworden war, gelang es ihm, in 86 Partien in
Folge gegen starke Gegnerschaft ohne Verlust zu bleiben.
Und er blieb der Liebling der Fans. Auch wenn ihm seine diversen Krankheiten
schwer zu schaffen machten und zu unbeständigen Ergebnissen führten,
spielte er immer wieder wunderbare Partien. Auch als Schachjournalist
glänzte er. Zehn Jahre gab er die lettische Zeitschrift Sahs
heraus, die dadurch aufblühte. Seine Vorträge und Kommentare
im russischen Fernsehen schlugen auch schachliche Laien in den Bann
und sein Buch "The Life and Games of Mikhail Tal" gilt
vielen als eines der besten Schachbücher aller Zeiten. In einem
Interview mit sich selbst berichtet Tal dort über seine Laufbahn,
seine Turniere, seine Art der Vorbereitung und seine Einstellung zum
Schach. Tals Leidenschaft für das Spiel wirkt ansteckend und die
Partien sind ohnehin ein Genuss. Politisches und Privates blieb allerdings
ausgeklammert.

Cover der 1976 bei R.H.M Press erschienenen
Ausgabe von Life and Games of Mikhail Tal, 1997 erschien bei
Cadogan eine noch lieferbare Neuauflage; Preis ca. 28,00 EUR.
Es
ist verständlich, dass solch ein Charakter Schwierigkeiten mit
dem sowjetischen System hatte. Tal wurde von manchen Funktionären
schikaniert und Auslandsreisen wurden ihm gelegentlich verweigert. Vermutlich
hat Tal zugestimmt, Karpow bei seinem Kampf gegen Kortschnoi als Sekundant
zu helfen, weil er so wieder Turniere im westlichen Ausland spielen
durfte.
Aber Tals exzessives Leben forderte irgendwann seinen Tribut. Immer
wieder musste er sich wegen diverser Krankheiten behandeln lassen und
bereits sehr krank und stark geschwächt starb er an den Folgen
einer falsch durchgeführten Operation am 28. Juni 1992 im Alter
von nur 55 Jahren in einem Moskauer Krankenhaus. Bis zum Ende seines
Lebens spielte er phantastisches Schach. Zwei Monate vor seinem Tod,
hatte er Ende April 1992 noch an einem starken Turnier in Barcelona
teilgenommen und Lautier in einer brillanten Partie besiegt.
Tal opfert gleich in der Eröffnung eine Figur, um den schwarzen
König im Zentrum festzuhalten und seinen Entwicklungsvorsprung
auszunutzen. Nach einer Serie brillanter Angriffszüge ergibt sich
schließlich ein klar besseres Endspiel, das Tal nach etlichen
beiderseitigen Ungenauigkeiten gewinnt.
TAL
- LAUTIER
Barcelona 1992
1.d4
Sf6 2.Sf3 e6 3.g3 b5 4.Lg2 Lb7 5.0-0 c5 6.Lg5 Db6 7.a4 a6 8.Sc3 Se4
9.Sxe4 Lxe4 10.axb5 Dxb5 11.Dd2 f6 12.Lf4 Db7 13.c4 cxd4 14.Dxd4 e5

15.Lxe5
fxe5 16.Dxe5+ Le7 17.Sd4 Lxg2 18.Sf5 Db4 19.Kxg2 Sc6 20.Dxg7 0-0-0 21.Txa6

21...Db7
22.Tfa1 Sb4+ 23.Kg1 Sxa6 24.Dxe7 Db6 25.Da3 Thf8 26.Sd6+ Kc7 27.Dxa6
Ta8 28.Dxb6+ Kxb6 29.Td1 Ta2 30.Td2 Kc6 31.f3 Tfa8 32.Sb5 T8a4 33.Tc2
Kc5 34.Sc3 Ta1+ 35.Kf2 Txc4 36.Td2 Ta7 37.e4 Kc6 38.Ke3 Tb7 39.Tc2 d6
40.Kd3 Tc5 41.f4 Tb4 42.g4 Kd7 43.g5 Ke6 44.h4 d5 45.Sxd5 Txc2 46.Sxb4
Txb2

47.Sc2
Tb3+ 48.Kc4 Th3 49.Sd4+ Kf7 50.f5 Txh4 51.Kd5 Tg4 52.Sf3 Tg3 53.Se5+
Kg8 54.f6 Txg5 55.Ke6 Tg1 56.f7+ Kg7 57.Sd7 Tf1 58.f8D+ Txf8 59.Sxf8
h6 60.Sd7 h5 61.Se5 h4 62.Sf3 1-0
Auch im letzten Blitzturnier seines Lebens, das Tal kurz vor seiner
Operation spielte, gewann er noch einmal gegen Garry Kasparov. Am Ende
wurde Tal Dritter hinter Kasparow und Barejew, aber landete noch vor
Smyslow, Dolmatow und Beljawski.
Neben dem biographisches Material enthält die CD eine Sammlung
mit 2857 Tal-Partien und eine Datenbank mit Trainingsaufgaben. Während
der Partiesammlung ein paar mehr kommentierte Partien nicht geschadet
hätten, schlägt einen die von Henrik Schlößner
erstellte Trainingsdatenbank mit Tal-Kombinationen sofort in ihren Bann.
Sie enthält 245 Trainingsaufgaben, darunter recht einfache Kombinationen
aber auch etliche komplizierte Opferangriffe. Wer schwungvolle Partien
á la Tal spielen möchte, findet hier reichlich Inspiration.
Inspirierend ist auch die folgende Partie. Nach zurückhaltender
Eröffnungsbehandlung begnügt sich Tal nicht mit einem kleinen
Vorteil, sondern opfert impulsiv eine Figur - und fährt danach
fort, als sei nichts geschehen. Aber in der resultierenden Stellung
zeigt sich Tals Gespür für dynamisches Spiel: obwohl seine
Figuren auf den ersten Blick nicht besonders bedrohlich erscheinen,
findet der gegnerische König weder auf dem Königsflügel
noch auf dem Damenflügel Schutz und wird von Tal mit einer Serie
eleganter Züge im Zentrum zur Strecke gebracht.
TAL
- VELIMIROVIC
Wettkampf Jugoslawien - UdSSR, 1979
1.c4
c5 2.b3 Eigentlich nicht die Eröffnung, die man bei Tal erwartet.
Weiß verhält sich ruhig und lässt den Gegner kommen.
2...Sc6 3.Lb2 e5 4.g3 d6 5.Lg2 Le6 6.Sc3 Dd7 7.Sf3 Lh3 Auch Velimirovic
steht in dem Ruf, ein wilder Angriffsspieler zu sein, und dementsprechend
respektlos geht er auf Tal los. Aber dieser Abtausch ist verfrüht
und gibt Weiß die Gelegenheit, die Initiative zu ergreifen. 8.Lxh3
Dxh3 9.Sd5 Dd7 10.e3 Mit der Idee, die Stellung durch d4 zu öffnen
und den weißen Entwicklungsvorsprung zur Geltung zu bringen. 10...Sce7
11.Sc3 Sf6 12.0-0 e4

13.Sg5!?
Typisch. Die meisten Spieler hätten Sg5 vermutlich ohne viel Nachdenken
verworfen, da der Springer gefährdet steht - und außerdem
behält Weiß nach dem vorsichtigen 13.Se1 eine gute Stellung.
13...d5 13...Df5 ist zu direkt: 14.Sb5 Dxg5 15.Sxd6+ Kd7 16.Sxf7
Df5 17.Sxh8 Dh3 18.f3+- 14.cxd5 Df5

Jetzt
scheint der Springer auf Abwege geraten zu sein. 15.Sxf7 Die
Pointe von 13.Sg5. Ein Springeropfer, um den König in der Mitte
zu halten. Das Verblüffende dabei: Schwarz erhält noch den
Bd5 und alle weißen Figuren scheinen vom König noch weit
entfernt zu sein. Sie machen nicht den Eindruck, als könnten sie
Schwarz wirklich gefährlich werden. Aber 15...Kxf7 16.f3! Fährt
fort, als sei nichts passiert. Weiß öffnet die Stellung,
um die prekäre Stellung des schwarzen Königs auszunutzen.
16...Sexd5 17.fxe4 Sxc3 18.Lxc3 Dxe4 19.Dh5+ Ke6 Eine einfache
Lösung der schwarzen Probleme ist nicht in Sicht, z.B.: 19...Dg6
20.Dd5+ Ke8 21.Dxb7 De4 22.Da6 Le7 23.Tf4 Dd5 24.e4 Dd6 25.Dc4 Dd7 26.Taf1
mit Kompensation für Weiß. 20.Dh3+ Kd6 21.b4! Nachdem
Weiß im Zentrum und am Königsflügel gespielt hat, bedrängt
er Schwarz jetzt am Damenflügel.

21...Kc7
22.Tac1 Tc8 23.Tf5 Dg4 24.Le5+ Kd7 25.Df1

Der
Auftakt einer Reihe brillanter Züge, mit denen die weißen
Schwerfiguren dem schwarzen König zu Leibe rücken. 25...De4
26.Tc4 Dc6 27.Dh3 De6 28.Lxf6 gxf6 Nach 28...Dxc4 folgt eine weitere
Überraschung: 29.Lxg7! (aber nicht 29.Td5+ Kc7 30.Dd7+ Kb8 31.Le5+,
da sich Schwarz nach 31...Ld6 retten kann.) 29...Lxg7 30.Tf7+ Kd6 31.Dd7+
Ke5 32.Tf5+ Ke4 33.Tf4+ mit Gewinn für Weiß. 29.Te4 Dxa2
30.Txc5+ mit baldigem Matt. 1-0
Also:
wer sich für das Leben des Schachgenies Tal interessiert, solche
oder ähnliche Partien spielen möchte, oder ganz einfach Spaß
an dynamischem Schach hat, der sollte sich die CD besorgen.