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Johannes
Fischer,
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von Johannes Fischer
Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne wird etwa alle ein bis drei Wochen aktualisiert und präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.
DIE
SCHÖNSTE PARTIE ALLER ZEITEN: Nigel
Short lächelt oft. Mittlerweile hat das einstige Wunderkind auch
wieder Grund dazu. Dabei liefen die Dinge nach Shorts WM-Kampf gegen
Kasparow 1993 eine Weile gar nicht gut. Bekanntlich hatte der englische
Großmeister im Vorfeld des Wettkampfs zusammen mit dem vorher
viel geschmähten Kasparow einen Zwei-Mann-Weltverband - die sogenannte
Professional Chess Association, kurz PCA - gegründet, um nicht
mehr an die FIDE gebunden zu sein. Noch heute leidet die Schachwelt
unter dieser Spaltung. So brachte dieses Manöver dem englischen
Großmeister zwar Geld, kostete ihn aber Freunde und Sympathien.
Und nach Shorts klarer Niederlage gegen Kasparow bekam die Karriere
des englischen Großmeisters einen Knick: die Turniereinladungen
wurden spärlicher, die Erfolge blieben aus und die Elo-Zahl sackte
ab. SHORT
- TIMMAN 1.e4 Sf6 2.e5 Sd5 3.d4 d6 4.Sf3 g6 5.Lc4 Sb6 6.Lb3 Lg7 7.De2 Sc6 8.0-0 0-0 9.h3 a5 10.a4 dxe5 11.dxe5 Sd4 12.Sxd4 Dxd4 13.Te1 Weiß hat Raumvorteil und die schwarzen Figuren stehen unkoordiniert. Vor allem die schwarzen Läufer haben Sorgen. Der weiße Be5 macht dem Lg7 Kummer und auch der Lc8 weiß noch nicht ganz genau, was er mit sich anfangen soll. Wenn er nach f5 geht, kann g4 im gegebenen Moment unangenehm sein. Um seinen Einfluss im Zentrum zu bewahren, entschließt sich Schwarz, den Läufer erst später zu entwickeln. 13...e6 14.Sd2 Sd5 15.Sf3 Dc5 16.De4 Angestachelt durch die Schwächung der schwarzen Felder, beginnt Weiß einen Königsangriff: Er möchte seine Dame nach h4 überführen, und danach Lh6 und Sg5 spielen. 16...Db4 17.Lc4 18.b3 Short setzt auf Angriff und nimmt eine Verschlechterung seiner Bauernstellung in Kauf. Anders bekommt er seine Dame nicht nach h4. 18...Sxc4 19.bxc4 Te8 20.Td1 Dc5 21.Dh4 b6 22.Le3 Dc6 Wie gefährlich der weiße Angriff ist, zeigt eine von John Emms angegebene Beispielsvariante nach dem rein defensiven 22...Df8: 23.Sg5 h6 24.Se4 g5 25.Lxg5 hxg5 26.Dxg5 Kh7 27.Dh5+ Lh6 28.Sf6+ Kg7 29.Td4 Dh8 30.Tg4+; aus J. Nunn, G. Burgess, J. Emms, The World's Greatest Chess Games, S. 483. 30...Kf8 31.Dxh6+ Dxh6 32.Tg8+ Ke7 33.Txe8# 23.Lh6 Lh8 24.Td8 Mit der Drohung 25.De7. 24...Lb7 Endlich hat Schwarz seinen Damenläufer entwickelt. Die Batterie Dc6/Lb7 bremst den weißen Angriff ein wenig, da der Sf3 nicht ziehen kann. 25.Tad1 Lg7 26.T8d7! Tf8 Wie Timman nach der Partie sagte, hatte er hier eigentlich 26...De4 geplant, aber erst zu spät gesehen, dass dies durch 27.Txf7!! widerlegt wird: 27...Kxf7 (27...Dxh4 28.Txg7+ nebst Sxh4.) 28.Sg5+ 27.Lxg7 Kxg7 28.T1d4 Tae8 29.Df6+ Kg8 30.h4 h5
Fast
alle weißen Figuren stehen stark und gut - aber wie kommt Weiß
weiter? Short gibt die Antwort und aktiviert seine einzige noch untätige
Figur: den König. 31.Kh2 Tc8 Schwarz bleibt passiv und die
weiße Idee kommt voll und ganz zum Tragen. Auf 31...Lc8 gewinnt
Weiß "traditioneller" mit 32.g4! z.B.: 32...hxg4 33.Sg5!
33...Lxd7 34.h5! und der weiße Angriff ist zu stark. 34...g3+
35.fxg3 Dxa4 36.h6 Dxc2+ 37.Td2 Dxd2+ 38.Kh3. In der Partie kam jetzt
der weiße König zum Zuge. 32.Kg3! Tce8 33.Kf4! Lc8 34.Kg5!
und Schwarz gab auf, da er Matt gesetzt wird. Es droht 35.Kh6 und 34...Kh7,
der einzige Zug, der das verhindert, scheitert an 35.Dxg6+ Kh8 36.Dh6
Kg8 37.Kf6. KARPOW
- KASPAROW (Die
folgenden Anmerkungen basieren auf Karpows Kommentaren in New in
Chess, 6/1988, S. 22-24.)
Wie Karpow erklärt, steht die weiße Dame auf d1 am besten, da sie dort den Bauern g4 im Auge behält und auch dem Lf2 in der Not zu Hilfe eilen kann. Und um die Dame von diesem vielseitigem Feld zu vertreiben, spielt Schwarz 16....Td8 mit der Drohung 17...Lxe5. 17.Da4 Der erste einer ganzen Reihe von mysteriösen Damenzügen. 17...b6 18.Dc2 Was hat Weiß durch das Manöver Da4-c2 erreicht? Nichts greifbares, aber zwei unmerkliche Vorteile: Die Schwächung des schwarzen Damenflügels hat dem schwarzen Springer die Sicherheit des Feldes c6 genommen, z.B. nach 18...Dc4 19.De4; außerdem kann Weiß gelegentlich auf c5 schlagen, da Schwarz darauf unmittelbar reagieren muss. 18...Tf8 19.Kg1 Dc4 20.Dd2 Mit der Idee, den schwarzfeldrigen Läufer nicht über h6 ins Spiel kommen zu lassen. 20...De6 21.h3 Sc4 22.Dg5 Wieder ein Nadelstich der weißen Dame, der eine Schwäche in der schwarzen Stellung provoziert. 22...h6 23.Dc1 Df7 24.Lg3 g5 Schwächt zwar die schwarze Stellung, verhindert aber, dass ein weißer Springer nach f4 kommt. 25.Dc2
Wieder
positioniert Weiß seine Dame neu - und bringt sie genau dahin,
wo sie vor sieben Zügen gestanden hat. Jetzt zielt sie auf die
schwachen weißen Felder am Königsflügel. 25...Dd5
26.Lf2 Auch der Läufer zieht sich nach getaner Arbeit wieder
zurück und überlässt dem Springer das Feld g3. 26...b5
27.Sg3 Tf7 28.Te1 b4 29.Dg6 Kf8 30.Se4 Schwarz sucht sein Heil in
einem Qualitätsopfer. Er hofft auf Gegenchancen durch den c-Bauern.
Aber das scheitert an der genauen Verteidigung Karpows. 30...Txf2
31.Kxf2 bxc3 32.Df5+ Kg8 33.Dc8+ Kh7 34.Dxc5 Df7+ 35.Kg1 c2 36.Sg3 Lf8
37.Sf5 Kg8 38.Tc1 1-0
AWERBACH
- SPASSKI 1.c4 Sf6 2.Sc3 g6 3.e4 d6 4.d4 Lg7 5.Le2 0-0 6.Lg5 c5 7.d5 Da5 8.Ld2 a6 9.a4 e5 10.g4 Se8 11.h4 f5 12.h5 f4 Spasski hat die Eröffnung grässlich missbehandelt. Nach dem Textzug bleibt Schwarz ohne jedes Gegenspiel. 13.g5 Dd8 14.Lg4 Tauscht die einzig halbwegs aktive Figur von Schwarz ab. Die schwarze Stellung macht einen traurigen Eindruck. 14...Sc7 15.Lxc8 Dxc8 16.Sf3
Vielleicht wollte Spasski den Zorn der Schachgötter über sein Spiel mit dem nun folgenden Opfer besänftigen; tatsächlich ist es seine einzige kleine Chance auf Gegenspiel. Der Rest der Partie zeigt, wie auch gestandene Großmeister sich manchmal schwer damit tun, eine gewonnene Partie zu gewinnen. 16...Sc6 17.dxc6 bxc6 18.Sh4 De8 19.hxg6 hxg6 20.Dg4 Tb8 21.Sd1 Se6 22.Ta3 Sd4 23.Tah3 Df7 24.Lc3 Tfe8 25.T3h2 Dxc4 26.Sxg6 Te6 27.Lxd4 Txg6 28.Df5 De6 29.Dxe6+ Txe6 30.Lc3 d5 31.f3 Tb3 32.Th3 c4 33.Kd2 Tg6 34.Tg1 d4 35.La5 Lf8 36.Tg4 Td6 37.Kc2 Td7 38.g6 Tdb7 39.Le1 c5 40.Tgh4 Lg7 41.La5 c3 42.bxc3 Ta3 43.cxd4 exd4 44.Txf4 Ta2+ 45.Kd3 Tb1 46.Th1 Txa4 47.Kc2 Tb5 48.e5??
Unglaublich.
Weiß zeigt angesichts der hartnäckigen und unorthodoxen Verteidigung
Wirkung und stellt einen ganzen Turm ein. Aber Schwarz revanchiert sich
und auch ihm gelingt es nicht, die Partie zu gewinnen. 48...d3+ 49.Kxd3
Txf4 50.Lc3 Txf3+ 51.Ke4 Tg3 52.Kf4 Txg6 53.Se3 Tb8 54.Sf5 Tf8 55.Th5
Te8 56.Ke4 Tg1 57.Th3 Lf8 58.Kd5 Td1+ 59.Ke4 Tc1 60.Kd5 Td1+ 61.Ke4
Td7 62.Sh6+ Lxh6 63.Txh6 Th7 64.Tg6+ Kf7 65.Tf6+ Ke7 66.Tc6 Kd7 67.Txc5
Th6 68.Kd5 Tb6 69.La5 Tb5 70.Txb5 axb5 71.e6+ Txe6 72.Kc5 Te5+ 73.Kb6
½-½ SPASSKI
SPEKTAKULÄR Allerdings
ist der Zug 16....Sc6 typisch für den Stil Spasskis zu seinen besten
Zeiten: einfallsreich, unorthodox und verwegen. Damit gelangen ihm eine
Reihe wirklich beeindruckender Partien. Spektakulär sind z.B. die
folgenden Opfer gegen Bronstein. SPASSKI
- BRONSTEIN 1.e4 e5 2.f4 exf4 3.Sf3 d5 4.exd5 Ld6 5.Sc3 Se7 6.d4 0-0 7.Ld3 Sd7 8.0-0 h6 9.Se4 Sxd5 10.c4 Se3 11.Lxe3 fxe3 12.c5 Le7 13.Lc2 Te8 14.Dd3 e2
Auf
den ersten Blick clever gespielt. Schwarz gibt seinen nicht zu haltenden
Mehrbauern zurück, um die Dame von der Diagonale b1-h7 abzulenken
und Zeit für die Verteidigung zu gewinnen. Es wartet jedoch eine
Überraschung auf ihn. 15.Sd6!? Ein wirklich paradoxer Zug!
Weiß lässt seinen Turm mit Schach einstehen und opfert obendrein
noch einen Springer. Gefühllose Kritiker wiesen jedoch darauf hin,
dass 15.Tf2! mit weißem Vorteil objektiv gesehen besser war. 15...Sf8?!
Bronstein will die Opfer nicht annehmen, findet aber nicht die beste
Verteidigung. Laut einer Analyse von Teschner und Panow, die von heutigen,
mit Computer bewehrten Kritikern bestätigt wird, bestand die beste
Chance von Schwarz in folgender Variante: 15...Lxd6 16.Dh7+ Kf8 17.cxd6
exf1D+ 18.Txf1 cxd6 19.Dh8+ Ke7 20.Te1+ Se5 21.Dxg7 Tg8 22.Dxh6 Db6
23.Kh1 Le6 24.dxe5 d5 und Weiß hat Kompensation für das Material.
16.Sxf7 exf1D+ 17.Txf1 Lf5 Den Springer kann Schwarz nicht nehmen:
17...Kxf7 18.Se5+ Kg8 19.Dh7+! Sxh7 20.Lb3+ Kh8 21.Sg6#; Ein interessanter
Versuch ist jedoch 17...Dd5!? Aber nach 18.Lb3 Dxf7 19.Lxf7+ Kxf7 20.Dc4+
Kg6 21.Dg8 Lf6 22.Sh4+ Lxh4 23.Df7+ Kh7 24.Dxe8 gewinnt Weiß.
18.Dxf5 Dd7 19.Df4 Mit einem Bauern für die Qualität
und anhaltendem Angriff steht Weiß auf Gewinn. 19...Lf6 20.S3e5
De7 21.Lb3 Lxe5 22.Sxe5+ Kh7 23.De4+ Nach 23...Kh8 Auch 23...g6
24.Txf8 Dxf8 25.Dxg6+ Kh8 26.Sf7+ ist trostlos. 24.Txf8+ Dxf8 25.Sg6+
Kh7 26.Sxf8+ Kh8 27.Dh7# 1-0 Bereits
im ersten Teil der Fahndungsgeschichte wurde auf die ChessBase-Umfrage
nach der besten Partie aller Zeiten hingewiesen. Überraschenderweise
taucht diese Spasski-Partie dort nicht auf. Jetzt könnte man meinen,
dies liegt daran, weil sie nur wenigen Leuten bekannt ist. Aber Millionen
von Menschen haben den Schluss dieses kleinen Wunderwerks bereits gesehen.
Denn diese Partie erhielt eine Nebenrolle in dem James-Bond Film "Liebesgrüße
aus Moskau". Der intrigante Schurke, der die Schlussstellung dort
auf dem Brett hatte, wirkte zwar nicht wie ein Spitzenspieler, und auch
seine Bewegung zur Uhr und das Aufschreiben der Züge schienen noch
ausbaufähig, aber dafür war der böse Blick recht gelungen. LARSEN
- SPASSKI 1.b3 e5 2.Lb2 Sc6 3.c4 Sf6 4.Sf3 e4 5.Sd4 Lc5 6.Sxc6 dxc6 7.e3 Lf5 8.Dc2 De7 9.Le2 0-0-0 10.f4? Larsen übertreibt wieder einmal. Weiß möchte noch ein wenig Raum am Königsflügel gewinnen, bevor er seine Entwicklung vervollständigt, aber dazu hat er keine Zeit. Notwendig war 10.Sc3. 10...Sg4 Mit der Drohung Dh4+. 11.g3 h5 12.h3
Wenn sich der schwarze Springer jetzt zurück zieht, ist alles halb so schlimm. Aber 12...h4! erschüttert diese Hoffnung. 13.hxg4 13.Lxg4 hilft ebenfalls nicht: 13...Lxg4 14.hxg4 hxg3 15.Tg1 Th1! 16.Txh1 g2 17.Tg1 Dh4+ 18.Ke2 Dxg4+ 19.Ke1 Dg3+ 20.Ke2 Df3+ 21.Ke1 Lxe3 und wieder einmal büßt Weiß für den nicht entwickelten Damenflügel. 13...hxg3 14.Tg1 ![]() Jetzt
kommt die Pointe der Partie: 14...Th1! Schwarz opfert einen Turm,
um ein Tempo für seinen Freibauern zu gewinnen. 15.Txh1 g2 16.Tf1
Auch nach 16.Tg1 erweist sich die Kombination schwarzer Freibauer, nicht
entwickelter Damenflügel und schwacher König als tödlich
für Weiß: 16...Dh4+ 17.Kd1 Dh1 18.Dc3 Dxg1+ 19.Kc2 Df2 20.gxf5
Dxe2 21.Sa3 Lb4-+ 16...Dh4+ 17.Kd1 gxf1D+ Larsen gab auf. Nach
18.Lxf1 Lxg4+ 19.Kc1 De1+ 20.Dd1 Dxd1# wird er Matt gesetzt. Nur wirklich
hartherzigen Naturen entlockt solch ein Schluss kein Lächeln. Noch
mehr über Schönheit erfahren Sie im hier. ZUR KOLUMNENSEITE
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