
Johannes
Fischer,
Jahrgang 1963,
lebt als freier Übersetzer, Dolmetscher und Journalist
in Leipzig
und spielt beim
SC Leipzig-Gohlis
in der 2. Bundesliga.
Kontakt
|

von Johannes Fischer
Die
KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne wird
etwa alle ein bis drei Wochen aktualisiert und präsentiert Rezensionen
aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur,
Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum
aktuellen Schachgeschehen.
DIE
SCHÖNSTE PARTIE ALLER ZEITEN: EINE FAHNDUNGSGESCHICHTE
TEIL 4: BRILLIANTES SCHACH UND MENSCHLICHE SCHWÄCHEN: ALEXANDER
ALJECHIN
Alexander Aljechin, 4. Weltmeister der Schachgeschichte, war ein widersprüchlicher
Mensch. Sein Schachspiel war genial, sein Ehrgeiz groß, sein Charakter
zweifelhaft. Aber wenn man nach schönen Partien sucht, lohnt ein
Blick auf sein Werk. Sein Spiel war voller Dynamik, überraschender
Einfälle und tiefen Kombinationen; er gilt als einer der brillantesten
Angriffsspieler aller Zeiten und produzierte phantastische Partien in
Serie. Unzählige Schachspieler haben durch Aljechins Partien und
Kommentare ihre Liebe zum Schach entdeckt und kein Geringerer als Garry
Kasparow nennt Aljechin sein schachliches Vorbild.
Aljechins Ruf als Mensch ist allerdings dahin. Er wird als jähzornig
und egozentrisch beschrieben, war Alkoholiker und kollaborierte mit
den Nazis. Auch im Schach ging ihm die Wahrheit nicht über alles,
und wenn es ihm nützlich schien, scheute er vor Täuschung
und Erfindung nicht zurück. Gelungene Varianten in der Analyse
wurden ihm gelegentlich zu Partien und gern gab er die Einfälle
anderer als die eigenen aus. Wie in der aktuellen Ausgabe des Kaissibers
berichtet, stammt sogar die Idee der nach ihm benannten Aljechin-Eröffnung
nicht von ihm, sondern von dem russischen Schachspieler und Problemkomponisten
Michael Kljazkin (vgl. Kaissiber 19/2003, S.54-63). Auch seinen Doktortitel
trug er vermutlich zu Unrecht. Zwar hatte er an der Sorbonne studiert,
aber eine von Alexander Aljechin verfasste Doktorarbeit wurde bislang
nicht entdeckt.

Aus:
Alexander Alekhine, My Best Games of Chess 1908-1937, NY: Dover, 1985
BIOGRAPHISCHES
Aljechins
Leben wirkt wie das Paradebeispiel eines hochbegabten, ehrgeizigen und
schöpferischen Menschen, der verzweifelt Halt sucht. Am 31. Oktober
1892 als Sohn einer wohlhabenden Familie in Moskau geboren, geriet er
als junger Mann in die Wirren des 1. Weltkriegs und der russischen Revolution.
Bei Kriegsausbruch 1914 spielte er ein Schachturnier in Mannheim und
wurde zusammen mit den anderen russischen Teilnehmern wie Boguljubow,
Rabinowitsch und Weinstein in Rastatt interniert, aber nach kurzer Zeit
aus medizinischen Gründen wieder entlassen. Er kehrte nach Russland
zurück, diente als Sanitäter in der russischen Armee und arbeitete
nach Kriegsende von 1920 bis 1921 kurze Zeit als Übersetzer für
die Komintern.
Nach einem während der Ausbildung abgebrochenen Versuch Schauspieler
zu werden, setzte Aljechin ganz auf Schach. Im März 1921 heiratete
er die Schweizer Journalistin und Komintern-Delegierte Anneliese Rüegg
die er während seiner Zeit als Übersetzer kennen gelernt hatte.
Kurz danach wurde dem jungen Paar die Ausreise aus Russland gestattet.
Für Aljechin begann ein ruheloses Leben als Schachprofi.
Fortan eilte er von einer Stadt und einem Land zum nächsten, und
absolvierte zahllose Simultanvorstellungen, Schaukämpfe und Turniere.
Nebenher versorgte er zahlreiche Zeitschriften mit Kolumnen und Analysen,
schrieb Bücher und verfeinerte seine Schachtechnik, um seinem erklärtem
Ziel, dem Weltmeistertitel, näher zu kommen.
1927 war es soweit. Obwohl Aljechin als Außenseiter galt, gewann
er in Buenos Aires einen langen, zähen WM-Kampf gegen Capablanca
und wurde Weltmeister. In den Jahren darauf dominierte er die Schachwelt
nach Belieben und gewann jedes Turnier, an dem er teilnahm, oft mit
großem Vorsprung. Eine Chance auf Revanche gewährte er Capablanca
allerdings nie. Systematisch sabotierte er alle Möglichkeiten auf
einen zweiten Wettkampf mit dem Kubaner und weigerte sich sogar, an
Turnieren teilzunehmen, in denen Capablanca spielte. Das änderte
sich erst, als Aljechin nicht mehr stark genug war, um den Veranstaltern
alle Bedingungen zu diktieren. Nach dem WM-Kampf trafen Capablanca und
Aljechin noch zwei Mal aufeinander: in Nottingham 1936, wo Capablanca
gewann und beim AVRO-Turnier 1938, wo Aljechin gewann.
Zu der Zeit war Aljechins Stern bereits am Sinken: 1935 verlor er seinen
WM-Titel überraschend an den Holländer Max Euwe und seine
Vorherrschaft über die Schachwelt war gebrochen. Auch wenn Aljechin
den Titel zwei Jahre später zurück gewann, beherrschte er
seine Rivalen nicht mehr so deutlich wie zuvor.
Im Zweiten Weltkrieg schlug sich Aljechin auf die Seite der vermeintlichen
Sieger. Er spielte Turniere in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten,
gab Simultanveranstaltungen für die Armee und spielte Anfang der
vierziger Jahre eine Reihe von Beratungspartien mit dem hochrangigen
Nazi und Schachliebhaber Dr. Hans Frank, dem Generalgouverneur der besetzten
polnischen Gebiete. In dieser Eigenschaft organisierte Frank die Ermordung
von Hunderttausenden von Polen und die Deportation von etwa einer Million
polnischen Arbeiterinnen und Arbeitern in deutsche Fabriken; ebenso
war er für die Ermordung von Millionen von Juden in polnischen
Konzentrationslagern wie Auschwitz verantwortlich.
Als wäre solch ein Partner bei Beratungspartien noch nicht kompromittierend
genug, versuchte sich Aljechin 1941 nachdrücklich bei den Nazis
anzudienen und verfasste für die deutschsprachige Pariser Zeitung
und die Deutsche Zeitung in den Niederlanden eine Artikelserie
über jüdisches und arisches Schach, in der er seinen Ruf als
Schachweltmeister in den Dienst antisemitischer Propaganda stellte.
Als Aljechin erkannte, dass die Deutschen den Krieg wahrscheinlich verlieren
würden, floh er erst nach Spanien und dann ins portugiesische Estoril.
Mittellos und dem Alkohol verfallen, fristete er dort mit der Unterstützung
einiger Anhänger und Freunde ein armseliges Dasein. Er starb am
24.3.1946 in Estoril in Portugal, vermutlich an den Folgen eines Herzanfalls.
Kein schönes Leben, kein vorbildlicher Mensch. Wer darüber
hinwegsehen kann und sich am Schachgenie Aljechin erfreuen möchte,
ist mit seinen beiden berühmten Partiesammlungen Meine besten
Partien 1908-23 und Auf dem Wege zur Weltmeisterschaft gut
beraten.
EIN LITERARISCHES DENKMAL
Leonard M. Skinner
und Robert G.P. Verhoeven, Alexander Alekhine's
Chess Games, 1902-1946, MacFarland 1998, 824 Seiten, 1868 Diagr.,
99,95 EUR.
(Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise
von Schach Niggemann zur Verfügung gestellt.)
Das
größte literarische Denkmal haben Aljechin allerdings Leonard
Skinner und Robert G.P. Verhoeven gesetzt. Ihr monumentales Standardwerk
Alexander Alekhine's Chess Games, 1902-1946 ist in jeder Hinsicht
ein Genuss. Es versammelt 2543 Partien Aljechins, von den ersten Fernpartien
des jungen Aljechin bis hin zu den letzten Partien kurz vor seinem Tod.
Skinner und Verhoeven haben sich die Mühe gemacht, die in zeitgenössischen
Zeitschriften veröffentlichten Analysen zusammenzutragen. Da die
meisten dieser Kommentare von Aljechin stammen, kommt man in den Genuss
zahlreicher, von Aljechin kommentierter Partien, die er nicht in seine
Partiensammlungen aufgenommen hat.
Skinner und Verhoeven begleiten die Partien mit gründlich recherchierten
Berichten über Aljechins Leben sowie die Begleitumstände,
die Quellenlage und die Veröffentlichungsgeschichte der Partien.
Während man die Partien fasziniert und mit Genuss betrachtet, verfolgt
man zugleich gebannt, welche Wirrungen Aljechins Leben und seine Laufbahn
genommen hat. Besonders aufschlussreich ist dabei der ausführliche
Index am Ende des Buches, der Aljechins Turniere, Schaukämpfe und
Simultanveranstaltungen minuziös auflistet. Er dokumentiert die
Stationen eines rastlosen Lebens und die Zahlen allein lassen die innere
Unruhe Aljechins spürbar werden.
All das sowie der schöne Satz, das hochwertige Papier und die solide
Aufmachung machen dieses Buch zu einem phantastischen Werk über
Aljechin. Der Preis von 99,95 ist zwar ebenfalls gewaltig, erscheint
aber einem solchen Buch angemessen.
IM INFORMATOR-STIL

Chess
Star Serie, Hrsg. S. Soloviov, Alexander
Alekhine, Games,
Chess Stars 2002, Bd. 1, 1902-1922, 426 S., kartoniert, 25,95 EUR;
Bd. 2, 1923-1934, 494 S., kartoniert, 26,95 EUR; Bd. 3, 1935-1946,
494 S.
kartoniert, 26,95 EUR.
(Die Rezensionsexemplare wurden freundlicherweise von
Schach Niggemann zur Verfügung gestellt.
Die Abbildung zeigt das Cover des 1. Bandes.)
Einen
ganz anderen, ausschließlich schachlichen Zugang zu den Partien
Aljechins bietet die dreibändige, bei Chess Stars erschienene,
von S. Soloviov betreute, Sammlung von mehr als 1300 Turnierpartien
Aljechins. Der erste Band umfasst den Zeitraum 1902 (damals spielte
Aljechin seine ersten bekannt gewordenen Fernpartien) bis 1922, der
zweite den Zeitraum 1923 bis 1934 und der dritte schließlich die
Jahre 1935 bis 1946.
Sämtliche Partien sind im Informatorstil kommentiert und mit aktueller
Eröffnungstheorie ergänzt. Erläuternden Text, biographische
Hinweise oder eine Einleitung, die über Sinn und Zweck und Autoren
dieses Bandes informiert, gibt es nicht. Es herrscht der reine Geist
der Partien und Varianten. Das lässt manche Frage offen. So wundert
man sich, von wem die Kommentare stammen, denn obwohl in den Analysen
auf "Fremdkommentatoren" wie Aljechin oder Kasparow verwiesen
wird, fehlt bei den Partien in der Regel ein Hinweis auf den Verfasser
der Analysen. Kommentiert Herausgeber Soloviov oder der für die
Chess Stars Reihe verantwortliche Redakteur Alexander Khalifman oder
einer der vorne genannten Mitarbeiter wie IM Wladimir Iwanov oder IM
Sergej Klimow?
Außerdem geht das Flair und die besondere Note der Kommentare
Aljechins durch den Informator-Stil natürlich verloren. Und auch
wenn man 1300 kommentierte Aljechin-Partien in nur drei Bänden
versammelt bekommt, so scheint mir der rein schachliche Gewinn den Verlust
an Text und Hintergrundinformationen nicht aufzuwiegen.
NÜCHTERNE KRITK

Robert Hübner,
Weltmeister Aljechin, 2. Auflage, CD, Hamburg:
ChessBase, 2002, 25,50 EUR.
Bei
aller Begeisterung für die Kreativität und die Dynamik Aljechins
sollte man für ein wenig Kritik bereit sein. Die liefert Robert
Hübner mit seiner ChessBase CD über Aljechin. Die CD enthält
über 2100 Aljechin-Partien, 500 davon kommentiert, eine Kurzbiographie,
Stimmen heutiger Großmeister zu Aljechin sowie eine Trainingsdatenbank
und eine Sammlung mit Kombinationen aus den Simultanpartien Aljechins.
Das Herzstück der CD bildet jedoch Robert Hübners anhand von
25 gründlich kommentierten Aljechin-Partien vorgenommene Analyse
des Spielers und Kommentators Aljechin. Hübner verweigert sich
dem Enthusiasmus, den die Partien Aljechins gemeinhin auslösen,
weist dem Weltmeister zahlreiche Ungenauigkeiten und Versehen in seinen
Kommentaren nach und schreibt abschließend:
"Bei
der Behandlung des Mittelspiels fallen Aljechins Ideenreichtum und seine
Rechentiefe sofort ins Auge. Dies ist seine größte Stärke,
die ihn zur Erringung der Weltmeisterschaft geführt hat, auch wenn
sie im Wettkampf gegen Capablanca nicht so sehr in den Vordergrund trat.
...
Die Fülle konkreter Angaben, die Aljechin in seinen Anmerkungen
vor dem Leser auszubreiten pflegt, ist für diesen von höchstem
Nutzen. Leider werden die Vorzüge dieses Verfahrens durch einige
auffallende Mängel eingeschränkt.
Zum einen werden die Varianten durch allzu viele Einzelfehler entstellt.
Sie gänzlich zu vermeiden ist ein Ding der Unmöglichkeit;
bei Aljechin häufen sie sich jedoch allzu sehr. Teilweise sind
Aljechins Fehler auf Flüchtigkeit und Oberflächlichkeit zurückzuführen;
manchmal gewinnt man allerdings den Eindruck, daß er den wahren
Sachverhalt absichtlich verdunkeln und seine Spielführung oder
seine Aussichten in bestimmten Stellungen in günstigerem Licht
darstellen möchte, als sie es seiner eigenen Einsicht nach verdienen.
Aljechin war bestrebt, mit Hilfe seiner Veröffentlichungen einen
Mythos über sein schachliches Wirken aufzubauen. Er suchte den
Eindruck zu erwecken, daß er mit seinen Schachpartien makellose
Kunstwerke schuf, in denen er von Anfang bis Ende alles in vollendeter
Weise plante und berechnete. ...
Natürlich muß die beschriebene Zielsetzung einen ungünstigen
Einfluß auf seinen Willen zur Darstellung der tatsächlichen
Gegebenheiten einer selbstgespielten Partie ausüben. Wie die allgemeine
Beurteilung seiner Arbeiten zeigt, war er im Erreichen seiner Absicht
sehr erfolgreich; auch dies bedarf einer Erklärung. Es hängt
dies meiner Meinung nach mit den unbestreitbaren Vorzügen seiner
Art zu kommentieren zusammen: Aljechin versorgt den Leser mit einer
Materialfülle, die er in jenen Zeiten nicht gewöhnt war und
die er auch heute nur selten angeboten bekommt; es ist noch immer lohnend,
sich mit seinen Anmerkungen zu befassen."
Solch
harsche Kritik an den Helden des Schachs ist ungewöhnlich; aber
wer sich ernsthaft mit dem Schach Aljechins beschäftigen will,
kommt an Hübners CD nicht vorbei.
DIE SCHÖNSTEN PARTIEN DES MEISTERS
In einem Interview aus dem Jahre 1941 hat Aljechin geschätzt, dass
er im Laufe seines Lebens mehr als 50.000 Partien gespielt hätte.
Als seine beiden schönsten bezeichnete er die Partie gegen Reti
in Baden-Baden 1925 und seine in Hastings 1922 gegen Boguljubow gespielte
Partie. Der Schluss der Partie gegen Reti wird in aktuellen KARL genauer
betrachtet und die Boguljubow Partie weist leider einige Schönheitsfehler
auf: Nicht nur ist das weiße Spiel in der Partie recht schwach,
nein, Schwarz kann an der entscheidenden Stelle auch einfacher gewinnen:
BOGOLJUBOW
- ALJECHIN
Hastings 1922
1.d4
f5 2.c4 Sf6 3.g3 e6 4.Lg2 Lb4+ 5.Ld2 Lxd2+ 6.Sxd2 Sc6 7.Sgf3 0-0 8.0-0
d6 9.Db3 Kh8 10.Dc3 e5 11.e3 a5 12.b3 De8 13.a3 Dh5 14.h4 Sg4 15.Sg5
Ld7 16.f3 Sf6 17.f4 e4 18.Tfd1 h6 19.Sh3 d5 20.Sf1 Se7 21.a4 Sc6 22.Td2
Sb4 23.Lh1 De8 24.Tg2 dxc4 25.bxc4 Lxa4 26.Sf2 Ld7 27.Sd2 b5 28.Sd1

Wie
Kasparow angibt, hätte Schwarz jetzt mit 28...Dxa8 29.Db3 Da1 30.Db1
Ta8 prosaisch gewinnen können. Aber Aljechin spielte kreativ: 28...bxc3!?
29.Txe8 c2! 30.Txf8+ Kh7

und
gewann nach 31.Sf2 c1D+ 32.Sf1 Se1 33.Th2 Dxc4 34.Tb8 Lb5 35.Txb5
Dxb5 36.g4 Sf3+ 37.Lxf3 exf3 38.gxf5 De2 39.d5 Kg8 40.h5 Kh7 41.e4 Sxe4
42.Sxe4 Dxe4 43.d6 cxd6 44.f6 gxf6 45.Td2 De2 46.Txe2 fxe2 47.Kf2 exf1D+
48.Kxf1 Kg7 49.Kf2 Kf7 50.Ke3 Ke6 51.Ke4 d5+ 0-1
Auch hier zeigt sich wieder ein bekanntes Phänomen: Hätte
Schwarz den "richtigen" und sicheren Zug gespielt, wäre
es zu der berühmten Kombination gar nicht gekommen. Aber so schön
die Kombination sein mag: insgesamt weist die Partie doch zu viele Schwächen
auf.
Die folgende Partie gegen Maroczy wirkt da überzeugender. Aljechin
wählt eine zweischneidige Eröffnungsvariante und spielt kompromisslos
auf Angriff. Als Maroczy sich ungenau verteidigt, inszeniert Aljechin
mit einer Reihe origineller Züge einen ästhetisch reizvollen
Mattangriff.
ALJECHIN
- MAROCZY
Bled 1931
1.d4
d5 2.Sf3 Sf6 3.c4 e6 4.Lg5 Sbd7 5.e3 h6 6.Lh4 Le7 7.Sc3 0-0 8.Tc1 c6
9.Ld3 a6 10.0-0 dxc4 11.Lxc4 c5 12.a4 Da5 13.De2 cxd4 14.exd4 Sb6 15.Ld3
Eine zweischneidige Stellung ist entstanden. Weiß hat Angriffschancen
auf dem Königsflügel, muss dafür aber mit einer Reihe
schwacher Bauern zahlen. Schwarz vergreift sich noch nicht an dem Bauern
a4, sondern versucht, seine Figuren zu entwickeln und Druck auf d4 auszuüben.
15...Ld7 16.Se5 Tfd8

17.f4
Unverhohlen aggressiv. Weiß gibt den Bauern d4 und die Kontrolle
über das Zentrum auf, um seinen Angriff fortzusetzen. Sicherer
war 17.Df3 17...Le8 18.Sg4 Txd4 19.Lxf6 Lxf6 20.Sxf6+ gxf6 21.Se4
Tad8

Wie
Aljechin angibt, war 21...f5 besser. Nach 22.Sf6+ Kf8 wollte er mit
23.b3 fortfahren. Die schlechte Bauernstellung und der unsichere König
des Schwarzen geben Weiß Kompensation, aber man muss schon großer
Optimist sein, um die weiße Stellung als aussichtsreich zu bezeichnen.
Nach dem naheliegenden Textzug kommt Schwarz in Schwierigkeiten. 22.Sxf6+
Kf8 23.Sh7+
Paradox. Während für gewöhnlich darauf hingewiesen
wird, dass Königsangriffe am besten mit Gegenschlägen im Zentrum
zu kontern sind, verfolgt Aljechin hier die genau entgegengesetzte Strategie.
Er begegnet dem Druck des Schwarzen im Zentrum, indem er Figuren an
den Rand zieht. 23...Ke7 23...Kg8 24.Dg4+ Kh8 25.Dh4 Txd3 26.Dxh6
verliert sofort. 24.f5 T8d6

25.b4!
Ein brillanter Einfall. Weiß möchte seine Dame am Angriff
teilhaben lassen, fürchtet aber auf Dh5 das Gegenspiel durch Dd2.
Durch b4 provoziert Weiß entweder die Ablenkung der Dame von e5
oder die Verstellung des Wegs der schwarzen Dame nach d2. 25...Dxb4
Auf 25...Txb4
gibt Aljechin die folgende Variante an: 26.Dh5 e5 27.f6+ Kd8 28.Dxh6
Txd3 29.Df8 Td7 30.Tc5 Dxa4 31.Txe5 mit Gewinnstellung für Weiß,
z.B.: 31...Td5 32.De7+ Kc8 33.Dxe8+ Dxe8 34.Txe8+ Td8 35.Txd8+ Kxd8
36.Sg5 Ke8 37.Te1+ Kf8 38.Te7. 26.De5 Mit der Drohung Df6+ nebst
Sf8#. 26...Sd7 27.Dh8 Txd3 Schwarz findet nicht die beste Verteidigung.
Wie spätere, computergestützte, Analysen ergaben, war 27...Tc6
die einzige Verteidigung. Nunn gibt darauf folgende Variante an: 28.Txc6
bxc6 29.fxe6 fxe6 30.Sf6 Lf7 31.Sxd7 Txd7 32.Lg6 Dc5+ 33.Kh1 Df2 34.Da1
Dxf1+ 35.Dxf1 Lxg6 Weiß hat Vorteil, aber bis zum Sieg ist es
noch ein weiter Weg. Nach dem Partiezug gewinnt Weiß sofort. 28.f6+

Schwarz
gab auf. Nach 28...Sxf6 29.Dxf6+ Kd7 30.Sf8# setzen ihn die beiden
weißen Hauptdarsteller Matt und nach 28...Kd8 krönt Weiß
seinen Angriff mit einem Damenopfer: 29.Dxe8+ Kxe8 30.Tc8#.
Eine Sache fällt auf, wenn man nach Glanzpartien Aljechins sucht:
Es fehlen spektakuläre, historisch bedeutsame Siege gegen die großen
Rivalen Lasker und Capablanca. Als Aljechin sich allmählich an
die Weltspitze spielte, gelangen ihm gegen Lasker kaum Siege. Und als
Aljechin Weltmeister war, spielte Lasker kaum noch. Und im Wettkampf
gegen Capablanca passte sich Aljechin dem Stil seines Gegners an, zügelte
seine Neigung zu dynamisch zweischneidigem Spiel und verlegte sich auf
technisches und weniger riskantes Schach. Nach dem Wettkampf ging er
Capablanca - wie oben erwähnt - aus dem Wege.
Warum historisch bedeutsame Partien oft als schön empfunden werden,
wird in Kürze diskutiert.
Noch
mehr über Schönheit erfahren Sie im hier.
Über die schönste Partie aller Zeiten abstimmen können
Sie bei ChessBase
Haben Sie Schönheitspartien, die Sie anderen zeigen möchten?
KARL freut sich darauf. Schicken
Sie Ihre brillanten Partien an KARL und sie werden demnächst hier
auf der Webseite veröffentlicht.
|
 |