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Johannes
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von Johannes Fischer
Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne wird etwa alle ein bis drei Wochen aktualisiert und präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.
FASZINIERENDE FIGUREN: COLLEEN SCHAFROTHS FÜHRUNG DURCH DIE SCHACHGESCHICHTE
Und seit Schach gespielt wird, setzen Künstler all ihren Ehrgeiz und ihr ganzes Können ein, um schöne Schachfiguren und Bretter zu schaffen. Dadurch verraten uns diese Figuren etwas über die Kultur und die Geschichte ihrer Epoche. In Schach: Eine Kulturgeschichte enthüllt Colleen Schafroth, die Direktorin des Museum of Art in Goldendale, Washington, USA, einen Teil dieser Geheimnisse. Wie auf dem Klappentext zu lesen ist, stellt Schafroths Museum eine Sammlung kostbarer Schachgarnituren aus und mit Hilfe zahlreicher faszinierender Abbildungen dieser Exponate unternimmt Schafroth einen anregenden Rundgang durch über tausend Jahre Schachgeschichte. Dabei ist ihr Buch keine gelehrte wissenschaftliche Abhandlung zur Schachgeschichte und ihrer vielen offenen Fragen, sondern ein kurzer, unterhaltsamer Überblick über die Entwicklung des Spiels. Schachpartien enthält das Buch ebenfalls nicht. Es beschränkt sich darauf, die Figuren zu zeigen, mit denen gespielt wurde.
Die hier abgebildete Figur stammt z.B. aus dem 11. Jahrhundert und wurde in Italien entdeckt. Man nimmt an, dass sie Teil eines Schachspiels ist, das Karl dem Großen gehört hat. Dargestellt ist ein Turm, der durch einen Streitwagen symbolisiert wird. Wie Schafroth schreibt, wurden diese Streitwagen aber nach dem 4. Jahrhundert nicht mehr eingesetzt; manche Forscher leiten daraus ab, das Schachspiel müsse älter sein als bislang angenommen und bereits zu einer Zeit entwickelt worden sein, in der der Streitwagen als Kriegsgerät noch im Gedächtnis der Menschen vorhanden war. Solche Diskussionen zeigen, wie wenig Einigkeit unter Experten darüber besteht, wann und wo das Schachspiel "erfunden" wurde. Zwar liegen die Ursprünge des Spiels mit höchster Wahrscheinlichkeit in Asien, aber ob Indien oder China das Geburtsland des Schachs ist, konnte noch nicht zweifelsfrei geklärt werden. Allerdings tippen die meisten Experten auf Indien und nehmen an, das Spiel ist von dort sowohl in den Osten nach China und als auch in den Westen nach Persien gelangt. Nach der Eroberung Persiens durch die Araber im 7. Jahrhundert fand das Schach über die arabischen Länder dann allmählich seinen Weg nach Europa und erfreute sich dort bereits im 12. Jahrhundert großer Popularität. Wie schnell sich das Schach in Europa ausgebreitet hat, zeigen die berühmten Lewis-Figuren.
Abgebildet sind Läufer, Turm und Dame als Teil eines Fundes von insgesamt 78 Figuren, die man 1831 auf der in der Nähe von Schottland liegenden Hebriden-Insel Lewis bei Ausgrabungen entdeckt hat. Geschnitzt wurden sie vermutlich in Skandinavien im späten 11. Jahrhundert. Die detaillierte Darstellung der Figuren markiert den Übergang von der abstrakten Darstellung, die im arabischen Raum verbreitet war, zum konkreten europäischen Gestaltungsstil. Die sorgenvollen Gesichter der Figuren laden zu Spekulationen ein: Waren die Zeiten so schlecht, dass die Menschen immer niedergedrückt waren? Oder zeigen die Figuren Schachspieler, die sich Sorgen über ihre Stellung machen? Oder liegen ihre traurigen Gesichter doch nur an den kalten Wintern Skandinaviens? Allerdings musste sich die Mehrzahl der Schachspieler im Mittelalter relativ wenig Sorgen machen, denn damals spielten vor allem Adlige Schach. Das Spiel ging noch recht langsam vonstatten und manche Partien zogen sich über Tage hin. Wer die männerdominierte Turnieratmosphäre heutiger Tage vor Augen hat, mag überrascht sein zu hören, dass sich beim Schach so manche Romanze anbahnte. Es bot Verliebten eine gute Gelegenheit zu unverfänglichen Begegnungen und da die Liebe in der Kunst immer schon ein populäres Thema war, wurden damals oft Liebespaare beim Schachspiel gezeigt. Auch in die Literatur hält das Schach Einzug. Zwischen 1280 und 1320 verfasst Jacobus de Cessolis das Buch von den Gebräuchen der Menschen und den Pflichten der Adligen, in dem er das Schachspiel als gesellschaftliche Allegorie benutzt und moralische Unterweisungen erteilt. Diese Schrift war äußerst populär und wurde in den folgenden Jahrhundert immer wieder neu aufgelegt.
Dieses
Bild zeigt einen Ausschnitt aus der zweiten englischen Ausgabe des Buches,
die William Caxton 1480 gedruckt hat. Schafroth erläutert: "Auf
dem linken Holzschnitt bereitet sich die Hauptfigur des Buches, der
Philosoph, auf ein Gespräch über Schach vor. Auf dem rechten
unterrichtet er den König" (S.57). Aber auch weniger anspruchsvolle
Bücher widmen sich dem Schach und Ratgeber über die Benimm-Regeln
in der feinen Gesellschaft räumen ihm einen hohen Stellenwert ein.
So sollte "eine Frau von Rang in der Beizjagd bewandert sein, sie
musste Geschichten erzählen, singen, Musik machen, lesen und schreiben
können - und natürlich eine hervorragende Schachspielerin
sein" (S.58). Aber auch bei den Herren war die Beherrschung des
Schachspiels Teil der höfischen Künste. Mit
der Verbreitung der Gedanken der Aufklärung in den folgenden Jahrhunderten
wurde Schach auch in der Bürgerschicht immer populärer. Als
intellektuelles Spiel passte es zu den aufklärerischen Idealen
der Vernunft, und in den zahlreichen Kaffeehäusern, die in der
zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in den europäischen Metropolen
entstanden, trafen sich bedeutende Figuren der damaligen Zeit, um Schach
zu spielen und intellektuellen Austausch zu pflegen. Die ersten Schachklubs
wurden gegründet, Turniere und Wettkämpfe organisiert und
Schachzeitschriften und Bücher versorgten eine stetig wachsende
Zahl von Spielern mit Information, Unterhaltung und Unterweisung. Während die Figuren der Computerprogramme nur noch virtuell existieren und nicht mehr greifbar sind, spielt man bei den Turnieren mit Standardfiguren. Wer also heute Schachfiguren gestaltet, möchte weniger einen Gebrauchsgegenstand schaffen, sondern nutzt das Schachspiel als Medium, um sich künstlerisch auszudrücken. So zeigt die folgende Abbildung einen von der Künstlerin D'Olliamson geschaffenen Figurensatz, der "Tiere [darstellt], die in und um die Barentsee am Polarkreis leben. Das Brett dient dabei zur Abbildung einer hydrografischen Karte der Region" (S.161).
Aber nach wie vor reflektieren Schachfiguren die Kunststile und Zeit. So sind die unten abgebildeten Figuren in Italien in der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts entstanden.
In ihrer abstrakten Form eignen sie sich natürlich kaum zum Spielen, reflektieren aber stilistische Entwicklungen in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Genau wie der folgende Figurensatz, den der Maler Max Ernst entwickelt hat.
So
endet Colleen Schafroths kurzer Rundgang durch die Schachgeschichte
beinahe zwangsläufig mit der Frage ob "weitere Fortschritte
in der Computertechnik herkömmliche Spielgarnituren überflüssig
machen werden". Angesichts der vielen prachtvollen Spiele, denen
man beim Lesen des Buches begegnet ist, kann man Schafroth nur zustimmen,
wenn sie sagt: "Man kann nur hoffen, dass dieser Fall nicht eintreten
wird. Solange es Spieler und Sammler gibt, die ebenso viel Freude an
den Figuren wie am Spiel selbst finden, wird das Schachspiel weiter
fortbestehen wie in den letzten Jahrhunderten" (S.168).
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