
von Johannes Fischer
Die
KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne wird
etwa alle ein bis drei Wochen aktualisiert und präsentiert Rezensionen
aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur,
Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum
aktuellen Schachgeschehen.
ANSPRUCHSLOS
UND UNPSYCHOLOGISCH: ANGUS DUNNINGTONS CHESS PSYCHOLOGIE
Obwohl
enttäuschend, enthält das neue Buch Chess Psychology
des englischen Internationalen Meisters und Schachtrainers Angus Dunnington
nette Dinge: Z.B. Zitate berühmter Sportler, wie das Bekenntnis
Virginia Wades, Wimbledonsiegerin von 1977: "I don't seem to use
my intelligence intelligently" oder Michael Jordans Ausspruch "You
have to expect things of yourself before you can do them".
Die Frage liegt nahe, was Dunnington von sich und dem Buch erwartete,
bevor er die ersten Zeilen schrieb. Der Titel erweckt den Eindruck,
es ginge ihm um Schachpsychologie. Im Buch selbst merkt man davon allerdings
wenig. Diese bedauerliche Diskrepanz könnte an Dunningtons Unwillen
liegen, sich der Mühe zu unterziehen, genauer zu klären und
zu erklären, was er unter Schachpsychologie versteht.
Nachdem Dunnington seine Leser netterweise gleich zu Beginn des Buches
vor dessen Inhaltslosigkeit warnt und Walter Scott mit dem Ausspruch
"Chess is a sad waste of brains" zitiert, versucht er sich
an einer Definition der Psychologie und schreibt: "Psychologie
ist die wissenschaftliche Untersuchung des Verhaltens und geistiger
Prozesse" (S.7). Dann fügt er ergänzend hinzu: "Natürlich
ist das Gebiet der Psychologie groß, und umfasst Gedanken, Gefühle,
Wahrnehmungen, Denkprozesse, Erinnerungen und so weiter, die alle einen
entscheidenden Einfluss darauf haben, wie und mit welchem Erfolg wir
Schach spielen."
Mit dieser selbst erteilten Lizenz, alles Psychologie zu nennen, was
mit Schach zu tun hat, philosophiert Dunnington in den folgenden drei
Kapiteln munter drauflos. Ohne kaum je wirklich etwas zu sagen und ohne
sein Material weiter zu strukturieren, lässt er sich über
Ernährung, Gedächtnis, ausreichend Schlaf, das Spiel in vorteilhaften
Stellungen, Raumvorteil, Eröffnungsstudium, Gefühl für
Gefahren, Tunnelvision usw., usw aus. All das gipfelt in einer belanglosen
Betrachtung über die Vorzüge des Fischer-Random-Schachs.
Dabei gelingt Dunnington das Kunststück, psychologische Überlegungen
sogar dann zu vermeiden, wenn sie sich aufdrängen. So zählt
er im ersten Kapitel unter dem Punkt "Innerer Frieden" eine
Reihe von Faktoren auf, die sich störend auf das Schachspiel auswirken
können: "Frauen, Mütter, Brüder, Arbeit, Schule,
Flugzeuge, Züge und Autos, Freundinnen, Geld, Schlaf, Erkältung,
Ehemänner, Fußballergebnisse, Rückenschmerzen, das Wetter,
Freunde..." Wie man mit solchen Störungen umgehen kann, um
tatsächlich inneren Frieden zu erreichen und sich auf das Schach
zu konzentrieren, verrät Dunnington nicht.
Und Basisfragen der Schachpsychologie, wie das Spiel in wichtigen Partien,
der Umgang mit Niederlagen, die richtige Balance zwischen zu großem
Erfolgsdruck und mangelnder Motivation, das Finden der richtigen Einstellung
zur die Partie, dem Spiel gegen Angstgegner, um nur einige zu nennen,
streift er nicht einmal.
Verblüffend ist auch Dunningtons Ignoranz gegenüber seinen
Vorgängern. Er ist schließlich nicht der Erste, der sich
mit Schachpsychologie beschäftigt. Zwar erwähnt er de Groots
Thought and Choice in Chess, den Klassiker des Genres, aber Werke
wie Krogius' Psychology in Chess, Munzerts Schachpsychologie,
Hartstons und Wasons The Psychology of Chessoder, Fines The
Psychology of the Chess Player scheint er nicht zu kennen. Auch
stärker praktisch orientierte Bücher, wie Nunns Secrets
of Practical Chess oder Rowsons Seven Deadly Chess Sins,
die sich beide mit Aspekten der Schachpsychologie befassen, scheinen
ihm nicht vertraut zu sein.
Insgesamt gesehen ist Chess Psychology so nichtssagend, dass
man den Eindruck gewinnt, Dunnington ging es nur darum, irgendwie 128
Seiten voll zu schreiben, die man als Buch verkaufen kann. Was er schreibt,
scheint ihm egal gewesen zu sein. Mit Schach sollte es zu tun haben
und ab und zu muss das Wort Psychologie erwähnt werden. Mit etwas
höheren Erwartungen an sich hätte Dunnington seine Intelligenz
zweifellos intelligenter einsetzen können - und vielleicht wäre
ja ein substantieller Beitrag zum Thema dabei herausgekommen. Aber so
bleibt dem Leser nur eine Wahl: Auf Dunningtons Chess Psychology
zu verzichten, um Geld und Zeit für die Bücher zu sparen,
die sich diesem Thema mit mehr Sorgfalt widmen.