
von Johannes Fischer
Die
KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne wird
etwa alle ein bis drei Wochen aktualisiert und präsentiert Rezensionen
aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur,
Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum
aktuellen Schachgeschehen.
HENNING
MANKELLS VOR DEM FROST UND WALTER TEVIS' THE QUEENS GAMBIT:
ZWEI LITERARISCHE BEGEGNUNGEN
Schachspielern
in der Literatur oder in Filmen zu begegnen ist nicht immer ein Vergnügen.
Oft behaupten sie fünfzig Züge im Voraus berechnen zu können
und 100.000 Varianten im Gedächtnis zu haben, aber kennen die Namen
der von ihnen gespielten Eröffnungen nicht. In Filmen bauen sie
das Brett falsch auf und nehmen die Figuren in die Hand wie ein Nichtraucher
eine Zigarette. Von Lasker, Capablanca und Aljechin reden sie wie ein
Philosophiestudent im ersten Semester über Heidegger und Wittgenstein.
Ihre Kenntnis der Schachgeschichte endet in der Regel kurz vor dem Zweiten
Weltkrieg - es sei denn, sie sprechen über Fischer. Angenehme Zeitgenossen
unter ihnen gibt es kaum. Die Sensiblen sind verrückt oder werden
es bald und die robusteren Naturen nutzen ihren Verstand meist zur Planung
perfider Verbrechen.
Besonders traurig stehen sie da, wenn ihnen jede Größe fehlt.
Wie Zacharias aus dem neuen Roman Vor dem Frost des schwedischen
Bestsellerautors Henning Mankell. In diesem von Fans in der ganzen Welt
sehnsüchtig erwarteten Buch fahndet die von Mankell geschaffene
Kultfigur Kommissar Kurt Wallander nach religiösen Fanatikern und
verschwundenen Personen. Begleitet wird er von seiner Tochter Linda,
der eigentlichen Hauptfigur des Romans. Sie möchte in die Fußstapfen
ihres Vaters treten und Polizistin werden.
Bei ihren Ermittlungen trifft Linda Wallander etliche unappetitliche
und kuriose Gestalten: den zum Obdachlosen verkommenen Sohn eines reichen
norwegischen Reeders, religiöse Führer, die ihre eigenen Anhänger
opfern, eine Frau, die Musik komponiert, die niemand hören will,
und ein junges Mädchen mit Kette zwischen Ohr und Nase, die Linda
plausibel ihren Fahrplan zur ersten Million darlegt. Von all diesen
Figuren ist der Schachspieler Zacharias eine der unangenehmsten: "Sein
Gesicht war voller Pickel. Er trug Jeans, ein Unterhemd und einen großen
braunen Bademantel mit Löchern. Linda nahm seinen Schweißgeruch
wahr. ... Es schauderte sie, als er ihr eine schlappe und schweißfeuchte
Hand hinhielt. ... Sein Blick war lüstern. ... Er lächelte.
Dabei öffnete er den Mund und zeigte zwei Reihen gelber Zähne
(Vor dem Frost, S. 210-212)."
Ganz ohne Wahnsinn geht es hier natürlich auch nicht. Im Laufe
ihres Gesprächs verkündet Zacharias stolz: "'Ich lese
gerade eine Studie von Capablancas virtuosesten Endspielen. Manchmal
glaube ich, es wäre möglich, eine Form zu finden, um Schachzüge
mit Noten zu transkribieren. Dann wären Capablancas Partien wie
Fugen oder große Messen.' Noch ein Irrer, der sich mit unspielbarer
Musik beschäftigt, dachte Linda (S. 212)."
Warum treffen Kommissare eigentlich nie auf Schachspieler wie Capablanca
- elegant gekleidet, höflich, gebildet, attraktiv und mit guten
Manieren? Und welcher Schachspieler würde tatsächlich von
einer "Studie von Capablancas virtuosesten Endspielen" sprechen?
Und warum sagt Zacharias eigentlich nicht so etwas wie: "Ich habe
die ganze Nacht Blitzschach im Internet gespielt - mein Serverrating
liegt jetzt knapp unter 2600"? Oder etwas arbeitsamer: "Ich
hab' mir grad die neuesten Partien von TWIC heruntergeladen und überprüfe
die Neuerungen mit Fritz"? Vielleicht erfordert ein solcher Satz
aus Munde einer Nebenfigur mehr Kenntnisse der Schachspieler als man
selbst von einem guten Autor wie Mankell verlangen kann.
Wie dem auch sei: Zacharias trägt nichts zur Klärung des Falles
bei. Er erscheint, hinterlässt einen schlechten Eindruck, verschwindet
wieder und weckt beim Leser wie bei Linda Wallander den Wunsch, man
hätte ihn nie kennen gelernt. Man fragt sich, warum Mankell ihn
überhaupt ins Spiel gebracht hat. Allerdings erörtert Vor
dem Frost Fanatismus in seinen diversen Spielarten, den Fanatismus
fundamentalistischer Sekten ebenso wie den Fanatismus von Kommissar
Wallander beim Aufspüren von Verbrechern - und ein Schachspieler
passt da gut ins Bild.
WUNDERKIND, WAISE, ALKOHOLIKERIN
Nach
der unerwünschten Bekanntschaft mit Zacharias genießt man
die Begegnung mit Beth Horman, der Protagonistin des 1983 erschienenen
und kürzlich neu aufgelegten Romans The Queen's Gambit von
Walter Tevis. Als Schachwunderkind mit Alkohol- und Tablettenproblemen
ist Beth ebenfalls eine extreme Figur. The Queen's Gambit erzählt
wie Beth' Schachtalent im Widerstreit mit ihren Selbstzweifeln, ihrer
Einsamkeit und ihrem Gefühl mangelnder Geborgenheit liegt. Allerdings
führt der Erfolg im Schach in diesem Roman nicht in den Wahnsinn
und nicht ins soziale Abseits sondern symbolisiert die gelungene Entwicklung
der eigenen Persönlichkeit. Beth Hormans Siege auf dem Schachbrett
bedeuten Siege gegen ihre eigenen Ängste.
Walter Tevis hat ein Faible für Spieler und auch in seinem bekanntesten
Buch The Hustler, das unter dem Titel Haie der Großstadt
mit Paul Newman als scheiterndes Billard-As Eddie verfilmt wurde,
geht es um Sieg oder Niederlage im Leben und im Spiel. Und wie Eddie
in Haie der Großstadt muss Beth Horman die Frage beantworten,
was sie aus ihrem Talent und ihrem Leben macht, ob sie ein Sieger- oder
ein Verlierertyp ist.
Ihre Ausgangssituation ist schlecht: Ihren Vater kannte sie kaum und
als sie acht ist, stirbt ihre Mutter. Beth kommt ins Waisenhaus. Dort
stellt man die Kinder mit Medikamenten ruhig und diese Beruhigungsmittel
bilden den Grundstein für Beth' spätere Alkohol- und Tablettensucht.
Trost findet Beth nur im Schach, das sie durch Zufall von dem mürrischen
Hausmeister lernt. Bald studiert sie Modern Chess Openings mit religiöser
Inbrunst. Im Kopf, nachts, im Schlafsaal des Waisenhauses.
Der bedrückenden Atmosphäre des Waisenhauses entkommt Beth,
als sie von Familie Wheatley adoptiert wird. Aber die Hoffnung auf Geborgenheit
erweist sich als trügerisch. Nicht lange nach der Adoption verlässt
Mr. Wheatley Frau und Adoptivtochter und bald sucht Mrs. Wheatley Halt
in Alkohol, flüchtigen Männerbekanntschaften und Tagträumereien.
Währenddessen entdeckt Beth das Turnierschach. Ihr Talent ist gewaltig
und ihr Aufstieg rasant. Bald gehört sie zu den besten Spielern
der USA und ziert die Titelseiten von Schachzeitschriften. Mit dem Geld,
das sie bei Turnieren gewinnt, können Beth und ihre Adoptivmutter
den Lebensunterhalt bestreiten. Aber die Selbstzweifel kann sie weiterhin
nur mit Alkohol und Tabletten betäuben.
Beth' Komplexe bündeln sich in ihrer Angst vor einer Niederlage
gegen den Russen Borgov, einem der besten Spieler der Welt. Tatsächlich
spielt sie in der ersten Partie gegen ihn verkrampft und verliert schnell.
Nachdem ihre Adoptivmutter stirbt, verliert Beth weiter Halt und versinkt
in einem Dämmerzustand aus Gin Tonic, Wein, Bier und Tabletten.
Die Frage, was Beth aus sich, ihrem Talent und ihrem Leben macht, stellt
sich nachdrücklicher denn je. Die von Tevis angebotene Lösung
ist ur-amerikanisch: Mit Hilfe von außen, aber vor allem durch
den eigenen Willen kann der oder die Einzelne die eigene Bestimmung
im Leben entdecken und sein Glück machen. Bei Beth kommt die Hilfe
durch Jolene, eine alte Freundin und Rivalin aus dem Waisenhaus.
Jolene ist schwarz, gut aussehend und etwas älter als Beth. Und
sie ist ein Siegertyp. Weil sie gut Volleyball spielt, konnte sie nach
der Entlassung aus dem Waisenhaus mit Hilfe eines Stipendiums Sport
studieren. Aber Jolene will mehr und so absolviert sie neben ihrer Arbeit
als Sportlehrerin ein Studium der Politikwissenschaft, um besser für
die Rechte der Schwarzen kämpfen zu können. Jolene bringt
das Schachtalent wieder auf den Pfad der Tugend: sie verordnet Beth
ein anspruchsvolles Fitnessprogramm, und bald hat Beth ihre Alkohol-
und Tablettensucht im Griff. Auch im Schach findet sie rasch zur alten
Form zurück. Sie ist bereit, sich ihren inneren Dämonen zu
stellen und fährt zu einem Turnier nach Moskau, in dem sie auf
Borgov und andere russische Schachgrößen trifft.
In der Partie zwischen Beth und Borgov kommt es zum Showdown. Der Kampf
wogt hin und her, bis die Partie abgebrochen wird. Borgov kann die Hängepartie
mit Petrosjan und Tal analysieren, während Beth allein ist. Doch
ein überraschender Anruf ihres ehemaligen Trainers und Freundes
Benny, der eine viel versprechende Fortsetzung entdeckt hat, zeigt Beth,
dass auch sie nicht allein ist. Beth gewinnt die Partie und das Turnier.
Ein Happy-End im Schachroman, das gibt es selten. Aber warum hinterlässt
The Queen's Gambit trotzdem ein zwiespältiges Gefühl? Ist
es die bei aller Spannung manchmal naive Darstellung des Spiels? So
wirkt es zwar vertraut, wenn sich Beth nach unerwarteten und starken
Zügen ihrer Gegner der Magen zusammenzieht und sie Aggressionen
gegen ihre Gegner entwickelt; und auch die von Tevis entworfenen Porträts
der Schachspieler und ihrer Manierismen erinnern an Figuren, die man
bei jedem größeren Open trifft. Aber demgegenüber stehen
Beschreibungen von Partien, in denen es vor allem wichtig zu sein scheint,
möglichst viele Eröffnungsvarianten richtig zu erinnern und
zu wissen, dass man jetzt gerade die Löwenfisch-Variante spielt.
Merkwürdig abstrakt bleibt auch die Darstellung der Turnierszene
in Amerika, in der Beth' nach ein paar Erfolgen in offenen Turnieren
bereits als amerikanische Meisterin gehandelt wird.
Oder ist es Tevis' nicht immer überzeugende Zeichnung der Charaktere,
die oft willkürlich wirkt, z.B. wenn Mrs. Wheatley plötzlich
stirbt oder wenn Beth innerhalb kürzester Zeit zur Alkoholikerin
mutiert und sich ebenso schnell davon befreien kann? Von der holzschnittartigen
Darstellung russischer Schachspieler, die alle gut gekleidet sind und
mindestens einmal Weltmeister waren, einmal abgesehen. Kurios wirkt
auch das Auftauchen von Tal und Petrosian als geheimnisvolle Helfer
Borgovs bei Hängepartien - um so mehr, da Walter Tevis im Vorwort
erklärt, warum er auf Rollen für Fischer, Spasski und Karpow
verzichtet hat: "Das brillante Schach von Großmeistern wie
Robert Fischer, Boris Spasski und Anatoli Karpow ist für Spieler
wie mich seit Jahren eine Quelle des Vergnügens. Aber da The
Queen's Gambit ein Roman ist, schien es angeraten zu sein, sie aus
der Liste der Charaktere zu streichen, wenn auch nur, um Widersprüche
mit der Wirklichkeit zu vermeiden."
Ungenauigkeiten wie diese trüben das Vergnügen an The Queen's
Gambit - obwohl der Roman wirklich lesenswert ist. Aber man fragt
sich, wie eine Figur wie Beth Horman von einem Autor wie Mankell behandelt
worden wäre - wenn er sich denn zu etwas mehr Recherche in der
Schachwelt hätte bequemen können. Vielleicht wäre endlich
ein spannender, anspruchsvoller und realistischer Schachroman geschrieben
worden.