
von Johannes Fischer
Die
KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne wird
etwa alle ein bis drei Wochen aktualisiert und präsentiert Rezensionen
aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur,
Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum
aktuellen Schachgeschehen.
GLAUBENSSACHE
ERÖFFNUNGSSTUDIUM: JOHN
WATSONS PLAY THE FRENCH
Play
the French gilt als die Bibel der Französisch-Spieler. Französisch-Fans
verdanken ihm zahllose Punkte und kaum ein Theoriewerk hat einer Eröffnung
so viele Anhänger verschafft. Die vor kurzem veröffentlichte
dritte Auflage dieses Klassikers zeigt die Gründe dafür.
Eröffnungen sind Glaubenssache. Wer seinen Systemen vertraut, spielt
optimistisch und macht mehr Punkte. Und Begeisterung weckt Watson tatsächlich
- ja, blättert man ein wenig in Play the French, kann man
den Eindruck gewinnen, Weiß müsste nach 1.e4 e6 bereits um
Ausgleich kämpfen. Dieser übertriebene Enthusiasmus wirkt
glaubwürdig, da Watson selbst leidenschaftlicher Französisch-Spieler
ist (siehe Partie weiter unten).
Aber im Gegensatz zu Repertoirebüchern, die im Titel unbekümmert
"Winning with ..." oder "How to win with..." verkünden,
um anschließend die kritischen Varianten, die diesen Anspruch
unterminieren, zu ignorieren, leistet Watson gründliche Arbeit.
Er empfiehlt mindestens zwei Systeme gegen jede der weißen Hauptvarianten,
in der Regel ein ruhigeres und ein schärferes, damit für jeden
Geschmack etwas dabei ist. Er stellt eigene Analysen an und greift Vorschläge
einer weltweiten Fangemeinde auf, die ihm bereitwillig Analysen und
Partien schicken. Tatsächlich stammen, wie Watson im Vorwort erklärt,
die Varianten im Kapitel über 6....Dc7 im Winawer-Franzosen größtenteils
sogar von einem Gastautor, dem norwegischen FM Hans Olav Lahlum.
Wie Watson im Vorwort schreibt ist "ein Eröffnungsbuch, das
versucht, jede sinnvolle Variante abzuhandeln notwendigerweise gedrängt
und gelegentlich schwer zu lesen". Allerdings kann der Leser dafür
die vorgestellten Systeme besser kennenlernen und ist so auf theoretische
Entwicklungen besser eingestellt.
Stichwort theoretische Entwicklungen. Was hat sich gegenüber der
zweiten Auflage geändert? Zwar empfiehlt Watson nach 3.Sc3 nach
wie vor die Winawer-Variante, aber nach dem kritischen Zug 7.Dg4 (1.e4
e6 2.d4 d5 3.Sc3 Lb4 4.e5 c5 5.a3 Lxc3 6.bxc3 Se7 7.Dg4) ist er zum
Anhänger Kindermanns und Dirrs geworden und empfiehlt 7....0-0
anstelle seines bisherigen Vorschlags 7....Dc7. Außerdem berücksichtigt
Watson in der dritten Auflage auch die Französisch-Anhänger,
die sich mit der Winawer-Variante nicht anfreunden können und behandelt
die wichtigste Alternative zum Winawer, die klassische Variante (1.e4
e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6) in einem eigenen Kapitel.
Watsons Begründung für diese Änderungen zeigt sein Vertrauen
in die Kraft des Franzosen: "Das soll nicht bedeuten, dass die
in der zweiten Auflage empfohlenen Systeme schlecht sind; im Gegenteil,
keines dieser Systeme ist in Verruf geraten. Aber diese neuen Varianten
bringen frischen Wind und zeigen die ganze Bandbreite spielbarer Varianten
im Franzosen".
Das Buch hat nur einen kleinen Schönheitsfehler. Aus irgendeinem
Grund sind die im Index angegebenen Seitenzahlen gegenüber den
tatsächlichen Seiten im Buch teilweise um zwei Seiten verrückt,
d.h. man findet eine Variante, die im Index mit S.145 angegeben ist,
auf S. 143.
Also: Wer bereits Französisch spielt, sollte Play the French
lesen, um zu wissen, was "der Guru" empfiehlt. Wer mit Weiß
gegen Französisch spielt, sollte Play the French lesen,
um zu wissen, was "der Guru" empfiehlt. Wer kein Französisch
spielt, sollte Play the French lesen, wenn er den Glauben in
seine bisherigen Eröffnungsvarianten verliert - oder auch nur,
weil es als Eröffnungsbuch Masssäbe setzt.
Dass Watson nicht nur predigt, sondern auch praktiziert, zeigt die folgende
nette Partie:
JOOST
MARCUS - JOHN WATSON
Las Vegas 1994
1.e4
e6 2.d4 d5 3.exd5 exd5 4.Sf3 Ld6 5.Ld3 Se7 6.Sc3 c6 7.0-0 Lg4 8.h3 Lh5
9.Te1 Dc7 10.g4 Lg6 11.Se5 Lxd3 12.Dxd3 f6 13.Sf3 Sd7 14.a3 0-0-0 15.b4
Sb6 16.b5 c5 17.dxc5 Lxc5 18.Se2 Sg6 19.Sfd4 The8 20.Df5+ Sd7 21.Se6

21...Lxf2+
22.Dxf2 Txe6 23.Sd4 Txe1+ 24.Dxe1 Sde5 25.Df2 Dc3 26.Se6 Dxa1 27.Dc5+
Kd7 28.Dxd5+ Ke7 29.Dxd8+ Kxe6 30.Dg8+ Ke7 31.Dxg7+ Sf7 0-1