
von Johannes Fischer
Die
KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne wird
etwa alle ein bis drei Wochen aktualisiert und präsentiert Rezensionen
aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur,
Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum
aktuellen Schachgeschehen.
SCHACHTRAINING
MIT DEM COMPUTER: TIPPS UND TRICKS
Schachprogramme können mehr als nur gut blitzen. In Sekundenschnelle
sortieren sie Millionen von Partien, erstellen Gegnerprofile und Eröffnungsstatistiken,
demonstrieren Eröffnungsideen und analysieren präzise und
genau ohne je müde zu werden. Eigentlich sind Computer die idealen
Sekundanten und Sparringspartner - wenn sie nicht so schrecklich unselbständig
wären. Sie tun immer nur das, was man ihnen sagt - und nicht jeder
spricht die Sprache des Computers gerne oder gut. Da hilft Christian
Kongsted. In seinem Buch How to Use Computers to Improve Your Chess
verrät er, wie man die Programme dazu bringt ihr bestes zu geben.
Kongsted, Computerenthusiast und Schachfan, lebt in Dänemark, bringt
im Nahschach 2280 und im Fernschach 2500 Elopunkte auf die Waage und
ist von Beruf Journalist. Offensichtlich waren die Jahre auf der Journalistenschule
nicht umsonst, denn ihm gelingt hier eine lesbare und informative Einführung
in das Computerschach.
Wie
Schachprogramme funktionieren und welche Schwächen sie haben
Kongsted beginnt mit einer kurzen Geschichte der Schachcomputerentwicklung
(die allerdings für Leser des Computer-KARL
wenig Neues bringt) und erklärt danach im Kapitel "Inside
the Machine" anhand von Begriffen wie Suchbaum, Alpha-Beta Algorithmus,
Null-Move usw. die Denkweise des Computers. So gerüstet verweist
Kongsted anschließend auf die "blinden Flecken", die
Schwächen der Programme. Fast alle beruhen auf dem Horizonteffekt,
den Schwierigkeiten der Programme langfristig zu planen. Deutlich wird
diese Schwäche in dem Unverständnis des Computers für
Festungen, jenen Stellungen, in denen eine Seite trotz großen
materiellen Vorteils an der kompakten Verteidigung der Gegenseite scheitert.
Die folgende, von Wassili Smyslow komponierte Studie, liefert ein gutes
Beispiel:

Die weiße Stellung scheint hoffnungslos zu sein. Aber mit Hilfe
einer Festung kann sich Weiß retten: 1.Lg5+ Ke8 1...Kf7
2.Ld8 a3 3.La5 a2 4.Lc3 2.d4 a3 3.d5 a2 3...exd5 4.e6 nebst Lf6
und einem typischen Remis in Stellungen mit ungleichfarbigen Läufern.
4.d6 a1D 5.Kg2 und obwohl Schwarz eine ganze Dame mehr hat, kann
er nicht gewinnen.
Kongsted stellte diese Aufgabe seinem Computer und schreibt über
dessen Lösungsversuche: "Nach 7,5 Stunden... hatte der Computer
etwa 19.220.186.000 Stellungen durchgerechnet, aber offensichtlich noch
immer nicht begriffen, dass Schwarz keine Möglichkeit besitzt,
die weiße Festung einzunehmen. ... Das Problem ist nicht, dass
der Computer zu langsam ist oder zu wenig Stellungen betrachtet. Das
Problem besteht darin, dass der Computer nicht versteht, was er sieht.
Er verfügt über keinen vernünftigen Weg, um diese Stellungen
einzuschätzen, da ihm die materielle Bewertung sagt, dass er beinahe
eine Dame mehr hat, und er versteht nicht, dass Weiß über
irgendeine Art von Kompensation verfügt (S.43)". Schwächen
wie diese kann der Mensch ausnutzen, um der taktischen Übermacht
der Computer Paroli zu bieten.
Wie das klappen kann, steht im Kapitel "How to beat your computer".
Kongsted spricht über alte und neue Anti-Computerstrategien und
empfiehlt Eröffnungen, die dem Computer nicht liegen. Überraschenderweise
rät er, sich gegen den Computer durchaus auf theoretische Varianten
einzulassen. Die Begründung dafür leuchtet ein: die Theorie
des Computers beruht eigentlich nur auf bereits gespielten Partien -
eigene Analysen stellt er nur auf Befehl an. Und so ahmt er in der Eröffnung
fast nur nach und ist dementsprechend anfällig für Neuerungen.
Wie man mit Schachprogrammen trainieren kann
Nachdem Kongsted im ersten Teil des Buches erläutert hat, wie der
Computer denkt, löst er im zweiten Teil "Improving with the
Computer" das Versprechen des Titels ein. Gleich zu Beginn warnt
er jedoch vor exzessivem Training mit dem Computer: "Ich habe den
Eindruck, manche Spieler verbringen zuviel der Zeit, die ihnen fürs
Schachtraining zur Verfügung steht, vor dem Computer. Ich glaube,
dass es wichtig ist, Schachcomputer als Ergänzung zu anderen Formen
des Schachtrainings zu begreifen. Generell sollten Sie nicht mehr als
die Hälfte der Zeit, die ihnen fürs Schachtraining zur Verfügung
steht, mit dem Computer verbringen. Und zwar deshalb, weil eine der
wichtigsten Dinge, wenn Sie das Schach ernst nehmen, darin besteht,
Ihre eigenen analytischen Fähigkeiten zu entwickeln.... Möglicherweise
merken Sie, dass mit dem Computer analysieren' sich zu oft zum
Zuschauen, welche Varianten der Computer analysiert' entwickelt.
Man hört auf selbständig zu denken, und das ist sicher eine
große Gefahr, auf die man achten muss, wenn man Computer benutzt
(S.104-105)". Hier zeigt sich eine der Stärken des Buches.
Kongsted ist kein Computerfreak, der den Maschinen blind vertraut, sondern
er glaubt, "dass die Synthese zwischen menschlichem Wissen, Intuition
und Kreativität zusammen mit den schnellen und genauen Berechnungen
des Computers eine ausgezeichnete Mischung für die Analyse ergeben.
Es ist wichtig, das gesamte Thema als Zusammenarbeit und nicht als Kampf
zwischen Mensch und Maschine zu begreifen (S.182-183)".
Kongsted zeigt, wie diese Zusammenarbeit aussehen kann. Er erklärt,
wie man Datenbanken effektiv einsetzt, die Suche nach Neuerungen automatisiert,
wichtige Partien in einer bestimmten Eröffnungsvariante aus dem
Datenbrei von Datenbanken mit Millionen von Partien filtert und gibt
Tipps zur Analyse der eigenen Partien. Um die taktischen Fähigkeiten
zu steigern und im Endspiel besser zu werden, empfiehlt er, ausgewählte
Stellungen gegen den Computer zu spielen - und liefert ein paar davon
gleich mit. Kongsteds Vorschläge sind ebenso hilfreich wie durchdacht
und gehen weit über die Empfehlungen in den Handbüchern der
Programme hinaus.
Die Zukunft des Computerschachs
Zum Schluss des Buches folgen kurze Hinweise auf interessante Computerschachseiten
im Internet sowie ein Ausblick auf die Zukunft des Computerschachs.
Auch hier erweist sich Kongsted als gemäßigter Enthusiast.
Er fragt: "Was also wird geschehen, wenn (oder falls) die Programme
etliche hundert Elopunkte dazu gewinnen und in der Lage sind, den Weltmeister
in einem Wettkampf überzeugend zu schlagen? Nicht sehr viel, vermute
ich. ... Möglicherweise gelingt es innerhalb der nächsten
zehn Jahre, einen Wettkampf gegen den Weltmeister zu gewinnen, da Computer
im praktischen Spiel sehr schwierige Gegner sind. ... Theoretisch jedoch
ist es sehr wahrscheinlich, dass manche Bereiche des Spiels den Programmen
noch auf Jahre hinaus Probleme bereiten werden. ... Deshalb glaube ich,
dass bei der zukünftigen Entwicklung des Schachs Menschen und Maschinen
zusammen arbeiten werden, um so tiefere Einsicht in das Schach zu bekommen
(S.182-183)".
Wie man das macht, verrät Kongsteds Buch. Empfehlenswert für
jeden, der die vielfältigen Möglichkeiten der Schachprogramme
besser nutzen möchte.
Links zum Thema:
Nützliche Hinweise zum Umgang mit Schachcomputern und Software
gibt es auf der Seite des Schachclubs
Weinzell (nach einem Hinweis von H. Keilhack in Schach 1/2004).
Tipps, wie man die Möglichkeiten der ChessBase-Programme ausreizt,
verrät die Support
Seite von ChessBase oder Mig Greengard in seiner ChessBase
Café Kolumne.
Berichte über Aspekte des Computerschachs liefert der Computer-KARL.
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