![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
|||||
|
Andrew Greet
Das
Belegexemplar
|
von Erik Zude . Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen. . WAHRE FLEISSARBEIT Inhaltsverzeichnis
.Andrew Greet, ein junger englischer IM, legt mit Play The Ruy Lopez sein erstes Schachbuch vor. Er betont in seiner Einführung, dass er durchaus mehr praktische Erfahrung im Spanier hat, als seine wenigen Partien in Mega Base glauben machen. Im Worall-System, das den dritten Teil des Buches ausmacht, ist er allerdings "Neuling". Er hat sein Spanisch-Repertoire um dieses System herum aufgebaut, weil er einer Vielzahl von komplizierten Varianten und Nebenvarianten ausweichen will, unter vielen anderen auch dem offenen Spanier oder der Archangelsker Variante, die zu sehr speziellen Stellungsbildern führen. Greet möchte den Kampf lieber in "seinem Territorium" führen als in dem seines Gegners. Kapitle 6: Klassische Variante mit 3...Lc5 [C64] Greet vergleicht diese Stellung mit einer sehr scharfen Variante der Wiener Partie 1. e4 e5 2. Sc3 Sf6 3. Lc4 Se4: mit sehr scharfem und unklarem Spiel nach 4. Dh5 Sd6 5 Lb3 Sc6 6 Sb5 u.s.w.. Vertauscht man jetzt die Farben, so hat Weiß in der Diagrammstellung das wertvolle Extratempo Lb5. 4.Sxe5 (4.c3 Khalifman) 4...Sd4?! 4...Lxf2+;
4...Dh4;
4...De7;
4...Dg5 5.Sg4! "the only good move" Greet 5...h5 6.Lxc6 hxg4 (6...dxc6 7.d4 Lxg4 8.Lxg5 Lxd1 9.dxc5 Lxc2 10.Kd2N Lxb1 11.Taxb1+/=) 7.d4 Df6 8.dxc5 dxc6 9.Sc3 Le6 10.Dd3!+/=;
4...Sf6 5.Sd3!+/= u.s.w.; Eine sehr schöne Eigenanalyse von Greet. Natürlich läuft das Spiel nicht in allen Varianten so glatt. Immerhin ist 3... Lc5 ein solider Zug und Weiß muss durchaus kämpfen, um einen kleinen Vorteil zu erhalten. Greet zeigt hier aber sehr prinzipielles, angriffslustiges und ideenreiches Schach. Sehr gut gefällt mir auch seine Variantenwahl gegen das gefürchtete Schliemann-Gambit. Während z.B. Khalifman in seinem Opening for White according to Anand, Band 2, uns hier einen Dschungel an komplizierten und sehr speziellen Varianten nach 4. Sc3 zumutet, nur um eines (gar nicht so sicheren) kleinen Vorteils wegen, greift Greet zum einfacheren und sehr natürlichen 4.d3. Kapitel 7 - Schliemann [C63] 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 f5
4.d3!? 4.Sc3 ist Khalifmans Empfehlung. Zum Vergleich hier seine Hauptvariante. 4...fxe4 (4...Sd4; 4...Sf6; 4...Lb4) 5.Sxe4 d5 (5...Sf6) 6.Sxe5 dxe4 7.Sxc6 Dg5 8.De2 Sf6 9.f4! Dxf4 (9...Dh4+ 10.g3 Dh3 11.Se5+ c6 12.Lc4+=) 10.Se5+ c6 11.d4 Dh4+ 12.g3 Dh3 13.Lc4 Le6 14.Lf4 Ld6 15.0-0-0 0-0-0 Hier suggeriert uns Khalifman einen kleinen weißen Vorteil. 16.Kb1! The8 17.Thf1 Lc7 18.a4!+= ( Khalifman).
Über += kann man hier aber durchaus in eine Diskussion geraten. Außerdem gibt es eine beträchtliche Anzahl komplizierter Nebenvarianten. Für einen Amateur stellt sich bei der Beschäftigung mit dieser sehr speziellen Nebenvariante durchaus die Frage nach dem Aufwand-Nutzen-Verhältnis. 4...fxe4 5.dxe4 Sf6 5...d6 6.0-0 Ld7 7.Lc4 Sf6 8.Sg5 De7 9.Lf7+ Kd8 10.Lb3 Kc8 11.Sc3+= 6.0-0! Rufzeichen von Andrew Greet 6...Lc5 7.Dd3! d6 8.Dc4! De7 8...Ld7 9.Sc3 Lb6 10.Sg5 De7 11.Sd5 Sxd5 12.exd5 Sd8 13.Lxd7+ Dxd7 14.De4 g6 15.a4± 9.Sc3 Ld7 10.Sd5 Sxd5 11.exd5 Sd4 12.Lxd7+ Dxd7 13.Sxd4 Lxd4 14.a4! a6 15.Le3 Lxe3 16.fxe3 0-0-0 Andrew Greet und John Shaw sehen hier einen kleinen Vorteil für Weiß. 17.Tf3 Greet[17.b4 Shaw] Einfaches und starkes Schach! Genaue Variantenkenntnis ist auch hier nützlich. Ein kleiner Gedächtnislapsus sollte aber weniger gravierende Auswirkungen haben als in Khalifman's Variantendickicht. Als letztes Beispiel aus den ersten beiden Teilen des Buches hier noch Greet's Wahl gegen die verzögerte Steinitz-Verteidigung, ein (zunächst) etwas passives System, mit dem Schwarz den Gegner in ein sehr untypisches Terrain lockt. Kapitel 17 Verzögertes Steinitz mit 6...f6 [C73]
21.e5!? Greet's innovative Neuerung. Damit setzt er in der Tat die Anhänger dieser Variante unter Druck. Alternativen sind 21.Kb1oder
21.Lf2 21...0-0-0 21...dxe5 22.Kb1! Td8 23.Te1 mit Kompensation;
21...Sxe5 22.Dh8+ Df8 23.Dh3 Sg6 24.Tf1 mit Kompensation 22.Dg4+ Le6 23.exd6 Lxg4 24.dxe7 Txd1+ 25.Sxd1 Sxe7 26.Sf2 Lf5 27.Le5 g6 28.Kd2 "White's superior structure gives him chances to play for a win in a minor piece endgame" (Greet). Greet hat den Ball ins Spielfeld der Anhänger dieses Systems gespielt. Neben vielen Varianten und eigenen Analysen liefert Andrew Greet aber auch eine Fülle von Erklärungen zu typischen Strukturen, Plänen und taktischen Ideen. Im Falle der verzögerten Steinitz-Verteidigung geht er durchaus ausführlich auf die klassischen Zentrumsformationen ein, z.B. das kleine Zentrum nach schwarzem ed4:, sowie der Thematik des Tausches Lxc6, mit dem Weiß das Läuferpaar zugunsten einer Verschlechterung der schwarzen Bauernstruktur aufgibt. Und einiges mehr. Soweit ein gutes und sehr sorgfältiges Repertoire-Buch, dem wir viele gute Varianten, interessante Analysen und auch etwas Allgemeinwissen zu typischen spanischen Stellungsbildern entnehmen können. Im dritten und letzten Teil des Bandes verlangsamt Greet aber schlagartig die Gangart. Mit 5. De2 gibt er eine sehr pragmatische Antwort auf eine vernünftige Frage: Wie vermeidet Weiß im Spanier, dass ihn der Gegner in sein Spezialsystem lockt, sei es die offene Verteidigung, eine Spezialität im Tschigorin-System, oder gar die superscharfe Zaitsev-Variante? 5. De2 ist natürlich ein solider Zug. Trotzdem trifft dieses System nicht meinen Geschmack und passt meiner Meinung nach auch nicht zu den ersten beiden Teilen, in denen Greet immer die Ärmel hochkrempelt, den Stier bei den Hörner packt und Druck auf die schwarze Stellung ausübt. Die Dame steht auf e2 sicher und harmonisch, aber in einigen Stellungen hat Weiß kaum einen Vorteil von diesem Zug. Worall - 9...Sa5 [C86]
12.d5! Rufzeichen von Greet. Na ja, eigentlich ist d4-d5 schon notwendig, da 12. Sbd2 cxd4 einen Bauern verliert. Hier macht sich ein Nachteil des frühen Damenzuges nach e2 bemerkbar. 12...Ld7 13.b3 Se8 14.Sbd2 g6 15.Sf1 Sg7 16.Lh6 f6 Greet verweist hier, ebenso wie Marin in A Spanish Repertoire for Black, auf die Partie Matikozia - A. Stein, Santa Monica 2005. Er macht hier die beiden Vorschläge 17. a2-a4 und 17. S3d2, um Schwarz unter Druck zu setzen. Marin weist in A Spanish Repertoire for Black daraufhin, das der Aufbau De2 und Td1 im Tschigorin-System nach Abschluss des Zentrums kaum Wirkung zeigt. Für den Angriff am Königsflügel spielt Weiß typischerweise h2-h3, g2-g4, Sf3-h2, Sf1-g3 (-f5) und Df3. Stattdessen hat er sich mit De2 selbst der Möglichkeit beraubt, die Spannung im Zentrum nach Belieben aufrecht zu erhalten, und sieht sich genötigt, das Zentrum mit 11. d4-d5 zu schließen. Ein anderes Beispiel ist die Variante mit 8. d7-d5 und 9. Te8. Worall - 9...Te8 [C86]
An dieser Stelle erwähnt Greet diesen Zug nicht, auch wenn er ihn in ähnlichen Stellungen immer im Blick hat. Nach 11. d5-d4 kann ich der Verdoppelung der weißen Schwerfiguren auf der e-Linie nichts abgewinnen. Strenggenommen ist Weiß in der Entwicklung etwas hinten dran. Tempozählen hilft hier aber nicht, da der Springer c6 bald noch einmal ziehen muss, oder etwas unglücklich postiert sein wird. Weiß muss aber aufpassen, dass er nicht "weniger als nichts" aus der Eröffnung herausholt. Wahrscheinlich halten sich der schwarze Raumvorteil und die unbequeme Stellung des Springer c6 in etwa die Waage. Darauf deuten jedenfalls die folgenden Beispielvarianten hin. 11...Le6 ist Greets Hauptvariante, in der er keinen klaren Vorteil für Weiß findet. 12.a4 b4 13.a5 dxe4 14.dxe4 Lxb3 15.Sxb3 Db8 16.Dc4 Db5 17.Dxb5 axb5 18.Ld2 "gives rise to an interesting semi-endgame" (Greet). Er bevorzugt Weiß, hält das aber nicht für klar.; 11...Lf8?! 12.exd5 Sa5 (12...Sxd5 13.d4 "is very good for White"; Greet) 13.Lc2+/=. S. Tiviakov - D. Kaiumov, Doha 2002 12.a4 ist wohl schon nötig. Falls Schwarz ohne Unannehmlichkeiten zu Lf8, Sa5 und c7-c5 kommt, steht er besser. 12...Ld7 13.Ld5 Vielleicht ist auch der schon nötig. Was kann Weiß tun gegen den Plan Lf8, Sa5 und c7-c5? 13.Lc2 dxc3 14.bxc3 b4 15.Lb2 bxc3 16.Lxc3 Lb4 17.Lxb4 Sxb4= ist auch nur Ausgleich.13...Lf8 unklar. Ich finde allerdings den gesamten Spielverlauf nicht berauschend für Weiß.[13...dxc3 14.bxc3 Ld6 unklar] In den anderen Kapiteln des dritten Teils geht es ähnlich zu. Das weiße Spiel ist natürlich solide und nicht zu widerlegen. Allerdings übt er auch recht wenig Druck aus auf die schwarze Stellung. Ich halte Greet zu Gute, dass er mit seinen Bewertungen sehr objektiv ist, und dem Leser kein "+/-" unterjubelt, wo er nur Ausgleich hat. Trotzdem wäre mir ein prinzipielleres Repertoire deutlich lieber. Immerhin gibt es auch in den scharfen spanischen Nebenvarianten immer solide Möglichkeiten für Weiß, allzu komplizierte Verwicklungen zu vermeiden. Dazu muss man nicht im fünften Zug die Damenstellung festlegen. Das Argument: "Nur kleine Chancen auf Vorteil, dafür wird aber auf meinem Terrain gekämpft" überzeugt auch nicht. Wer viel Erfahrung im Tschigorin-System hat, wird mit den Besonderheiten von De2 schon zurechtkommen, die Struktur ist immerhin dieselbe. Ähnliches gilt für das System mit 8...d7-d5 und 9...Te8, das den typischen Anti-Marshall-Stellungen entspricht. Aber gut, auch das Worall-System hat seine Berechtigung und eine gute Prise Gift in sich. Andrew Greet erklärt es und zeigt viele Ideen und eigene Analysen. Fazit . ZUR KOLUMNENSEITE . . |
||||||||