![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
|||||
|
Schach ohne Scheuklappen (Band 7)
Gambiteer I
Play 1...Sc6
Das
Belegexemplar
|
von Frank Roeberg . Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen. . ERÖFFNUNGEN Heute möchte ich einen Blick auf drei Bücher werfen, die dem Leser Einblick in selten gespielte Eröffnungssysteme vermitteln wollen bzw. Unterstützung zum Aufbau eines Repertoires abseits der gängigen Hauptvarianten anbieten.
Schach ohne Scheuklappen (Band 7) Die „Secrets of Opening Surprises“ sind seit langem eine beliebte Fundgrube für den experimentierfreudigen Schachspieler. Ein komplettes Repertoire wird man wohl nicht aus dem Sammelsurium überraschender Eröffnungsideen basteln können, aber gewiss findet man immer einige brauchbare Ideen für die gelegentliche Anwendung in der Turnierpraxis. Werfen wir einen Blick auf Band 7 und schauen, was in der Überraschungskiste steckt: Einen sehr guten Eindruck hinterlassen die Artikel von John van der Wiel (4.Le2 im Vierspringerspiel), Friso Nijboer (5.g4 gegen Philidor), Dorian Rogozenko (4…Se4 in der Rubinsteinvariante des Nimzo-Inders), Alexander Finkel (1.d4 g6 2.c4 Lg7 3.Sf3 d6 4.Sc3 Lg4) und Jeroen Bosch (O`Kelly Variante im Sizilianer, 6.g4 in der Witolinsch Variante des Bogo-Inders und 1.d4 d5 2.Lg5 f6). Interessant, aber etwas zu knapp gehalten sind die Arbeiten von Adrian Michaltschischin (3…b5 im Caro-Kann) und Jeroen Bosch (Springeropfer in der Kan-Variante des Sizilianers). Recht ausführlich sind hingegen die beiden Artikel von Glenn Flear (3…Le6 im Angenommenen Damengambit und 6.a3 in Halbslawisch), wobei ich allerdings insbesondere im letzteren die klare Linie vermisse. Flear verwendet dort hauptsächlich eigene Partien, in denen er frühzeitig von den besten Varianten abweicht, wodurch der Illustrationscharakter sehr in Frage gestellt wird. Bleiben noch die Kapitel von Arthur Kogan (7.Sf3 in der Drachenvariante – auch wenn Tal so gespielt hat, ist das doch nicht gerade eine schockierende Überraschung für den Drachenspieler), Dimitri Reinderman (1.f4 Sh6 – die Hoffnung auf 2.b3 e5 hat hier wohl den Auschlag gegeben), Adrian Michaltschischin (1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.d5 – haut den Schwarzen wohl auch nicht vom Stuhl), Igor Glek & Jean-Olivier Leconte (5.Dg4 im Klassischen Franzosen – es scheint so, dass Schwarz hier immer verliert) und passend zuletzt Hikaru Nakamura (1.e4 e5 2.Dh5 – eine Art Selbstrechtfertigung). Natürlich kann man nicht erwarten, dass einem alle Ideen in den S0S-Büchern gefallen. Es wird immer Brauchbares neben Abstrusem geben – das hat aber auch einen gewissen Unterhaltungscharakter. Der Eröffnungsinteressierte mit viel Turnierpraxis könnte mit dieser Reihe gut bedient sein – Band 7 ist da keine Ausnahme!
Nigel Davies bietet hier ein komplettes Repertoire für den angriffslustigen Weißspieler, der sich nicht scheut, frühzeitig einen Bauern ins Geschäft zu stecken. Nach Durchsicht des Werkes glaube ich sogar, dass dieser Weißspieler todunglücklich sein muss, wenn er keinen Bauern opfern kann. Werfen wir einen Blick auf das empfohlene Repertoire: 1. Flügel Gambit gegen Sizilianisch 2. Dänisches Gambit gegen 1.e4 e5 3. Flügel Gambit gegen Französisch 4. 3.f3 gegen Caro-Kann 5. 3.Sc3 gegen Aljechin 6. 5.a3 im Dreibauernangriff der Pirc Verteidigung 7. 5.b4 gegen Skandinavisch 8. Nimzowitsch (1.e4 Sc6 2.d4 d5 3.Sc3) 9. Pseudo Philidor (1.e4 d6 2.d4 Sf6 3.Sc3 e5 4.Sge2) und sonstiges (1.e4 b6) Insgesamt gesehen wäre das Buch ganz gut, wenn es vor ca. 6 Jahren erschienen wäre. Wer so lange nichts mehr gelesen hat, mag es sich gerne kaufen.
Play 1...Sc6 Zunächst hatte ich einige Vorbehalte gegen den Ansatz, ein Repertoire um einen bestimmten ersten Zug aufzubauen. Aber ich konnte mich bald davon überzeugen, dass gerade die 1.e4 und die 1.d4 Stellungen eine gewisse Verwandtschaft aufweisen. Nach 1.e4 Sc6 2.d4 spielt Wisnewski 2…d5. Nach 3.e:d5 entstehen jetzt ähnliche Themen, wie in der Tschigorin Verteidigung, welche natürlich die Wahl gegen 1.d4 darstellt. Daher leuchten 3.e5 oder 3.Sc3 vielleicht eher ein. Wisnewski findet aber auch hier Mittel und Wege, um zumindest spielbare Stellungen aufs Brett zu bekommen. Sein Anspruch ist eben nicht, die Partie in der Eröffnung zu entscheiden, sondern den eigentlichen Kampf auf das Mittel- und Endspiel zu verlegen. Dadurch unterscheidet er sich wohltuend von den vielen Schönrednern, die dem Leser einen schnellen Sieg versprechen. Gegen Englisch macht 1…Sc6 auch Sinn, auch wenn dabei wahrscheinlich der Übergang in Hauptvarianten nicht vermieden wird. Der Autor betrachtet das Englische Vierspringerspiel, was eine solide Wahl darstellt. Wisnewski spielt seine Empfehlungen auch alle selbst, was sich in zahlreichen Beispielen aus seiner Turnierpraxis widerspiegelt. Er ist angenehm objektiv in seinen Einschätzungen und benutzt breitgestreute Quellen und sehr aktuelles Material. Wer bereit ist, dem Autor in seinen Empfehlungen zu folgen, etwas Positionsverständnis mitbringt (z.B. über Französischstrukturen), gerne mit Springern spielt und das Endspiel nicht fürchtet, ist mit diesem Buch hervorragend bedient. Unter den betrachteten Büchern mein klarer Kauffavorit!
. ZUR KOLUMNENSEITE . . |
||||||||