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Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.
FUNDGRUBE MIT LÜCKEN In der Freizeit und Hobby-Sparte des Humbold Verlags sind mittlerweile eine Reihe von Schachbüchern erschienen. Das neuste hat den anspruchsvollen Titel Alles über Schach. Die Autoren Michael Ehn und Hugo Kastner müssen an der Erfüllung dieses Coverversprechens natürlich scheitern, denn auch 464 Seiten reichen bei Weitem nicht aus, dieses Spiel mit all seinen Facetten umfassend darzustellen. Trotzdem ist das Werk ein Kompendium, das die 64 Felder durch eine reiche Auswahl an Beispielen von allen Seiten beleuchtet. Die Autoren bringen viele Fakten, Anekdoten und wissenschaftliche Erkenntnisse zusammen, die teils wenig bekannt sind. Das Buch zerfällt in sechs Teile. „Geschichte & Mythos“ fasst die Erkenntnisse über den Ursprung des Schachspiels zusammen, beschäftigt sich mit der Etymologie der Schachfiguren oder gibt die Entwicklung der Computer wieder. „Meister & Amateur“ spekuliert über den besten Schachspieler der Geschichte und zählt Rekorde auf. „Partie & Turnier“ zeigt eine Auswahl der besten Partien und Kuriositäten auf den 64 Feldern. „Kunst & Literatur“ behandelt Kino, Musik, Duchamp und Sammler. Fast 100 Seiten sind dem Bereich „Problem & Studie“ gewidmet, mit allen Formen über Märchenschach, Retro bis zum legendären Jahrhundertproblem, dem Babson-Task. Im Teil „Rösselsprünge & Rochaden“ ist all das viele untergebracht, das in den anderen Bereichen keinen Platz mehr hatte. Die einzelnen Bereiche werden mal chronologisch, mal thematisch aufbereitet. Zu vielen Aspekten haben die Autoren Rankings erstellt: Wer war der beste Weltmeister der Geschichte? Welche Partie ist die schönste? Was waren die besten Bücher zum Thema Schach? Diese Rankings sind naturgemäß subjektiv, aber sie geben eine gute Orientierung. Bei genauerer Betrachtung erscheint es allerdings so, als sei Alles über Schach eine erweiterte Neuauflage von Kastners schon 2008 im selben Verlag erschienenem Buch Das große Humboldt Schach Sammelsurium. Ein Vergleich zeigt, dass viele Einzelfakten nur wenig umformuliert nun ein zweites Mal dargeboten werden. Einige wichtige Daten wird der Leser vermissen. So sucht man den Namen Hort zum Thema Blindschach vergeblich, obwohl der Tscheche einer der berühmtesten Vertreter dieser Disziplin ist. Neben diesen Nichterwähnungen haben sich auch einige Fehler eingeschlichen, manche davon sind etwas seltsam. Der Turiner Olympiasieger Armenien von 2006 wird als Bronzemedaillen-Gewinner aufgeführt. Und unter der „kürzesten Partien bei Weltmeisterschaften“ findet man mit 0 Zügen Fischers kampflose Niederlage gegen Spasski, Reykjavik 1972, Kramniks ebenfalls kampflosen Verlust bei der WM 2006 gegen Topalow allerdings nicht. Zwar muss man den Autoren zugute halten, dass sie einige weniger bekannte Partien präsentieren, die zweifellos der Veröffentlichung würdig sind. Aber man hat insgesamt den Eindruck, dass die jüngere Schachgeschichte unzureichend abgebildet ist - insbesondere wenn es um Partienrankings geht, wo die „neueste“ Partie aus dem Jahre 1999 stammt. Etwas bedauerlich ist auch das fehlende Namens- und Stichwortverzeichnis, welches ein gezieltes Suchen erleichtert hätte. Die zahlreichen Fotos und Abbildungen sind dagegen alleine den Kauf des Buches wert. Teilnehmerfotos wichtiger Turniere, Porträts vieler bedeutender Spieler, historische Postkarten, Briefmarken, Schachspiele, Kinoplakate, u.v.m. bilden den Reichtum der Schachwelt auch optisch ab. Trotz der genannten Einschränkungen ist Alles über Schach eine Fundgrube für diejenigen, die sich umfassend für die Vielfalt des Schachs interessiert. Kurz: Ein Nachschlagewerk, in dem sich intensiv und mit viel Gewinn stöbern lässt.
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