
von Johannes Fischer
Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des
KARL. Die Kolumne wird etwa alle ein bis drei Wochen aktualisiert und
präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher,
Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs
und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.
ERST
DIE ARBEIT, DANN DAS VERGNÜGEN: ZWEI BÜCHER ZUM COMPUTERSCHACH
DIE
SUCHE NACH WAHRHEIT
Robin
Smith geht den Dingen gerne auf den Grund. Deshalb benutzt er bei der
Analyse von Schachpartien einen Computer. Mit Erfolg: Zwei Mal gewann
Smith die amerikanische Fernschachmeisterschaft und einmal ein Halbfinale
der Fernschachweltmeisterschaft. Wie er dabei das Beste aus seinen Schachprogrammen
herausgeholt hat, verrät er jetzt in Modern Chess Analysis.
Auch da macht Smith keine halben Sachen. Bereits in der Einleitung gibt
er Ratschläge, worauf der ernsthafte Schachspieler beim Computerkauf
achten sollte: "Not fast video, not a fast modem, nor a fancy sound
card, nor even a fast hard drive. Get a fast processor ... Those who
really want the strongest machine for chess analysis should consider
multi-processor machines" (S.9). Multiprozessoren, so Smith, erlauben
es ohne großen Verlust an Rechengeschwindigkeit verschiedene Engines
parallel analysieren zu lassen und so die Stärken und Schwächen
der einzelnen Programme auszugleichen. Allerdings holt Smith den Rat
unterschiedlicher Programme nicht etwa ein, weil er besonders computergläubig
ist. Im Gegenteil. Er plädiert für eine Zusammenarbeit von
Mensch und Maschine: "Computers are incredibly fast, accurate and
stupid; humans are incredibly slow, inaccurate and brilliant; together
they are powerful beyond imagination."
Wie diese Zusammenarbeit optimiert werden kann, erklärt er dann
in den einzelnen Kapiteln des Buches. Und egal, ob sich Smith mit der
relativen Stärke von Computern und Menschen oder computergestützter
Analyse von Eröffnung, Mittelspiel und Endspiel befasst: Stets
sind seine Tipps hilfreich und durchdacht - aber sie richten sich vor
allem an die Schachenthusiasten, die wie Smith leidenschaftlich nach
der schachlichen Wahrheit suchen wollen und dabei weder Zeit noch Mühe
scheuen. Wer nur ein paar Tipps möchte, um sein Schachprogramm
effektiver zu nutzen, die eigenen Partien auf Fehler durchzusehen oder
beim Eröffnungs- oder Endspielstudium einen willigen Sparringspartner
zu haben, der ist mit Kongsteds How
to Use Computers to Improve Your Chess besser bedient.
BREITBEINIG
DURCHS INTERNET
Internetblitzer kennen GM Roland Schmaltz als Hawkeye. Sein Ruf ist
legendär: Er war vier Mal Weltmeister im 1-Minutenblitz, dem so
genannten Bullet und er war der erste Spieler, der auf dem ICC-Server
die magische Grenze von Elo 3000 durchbrach. Sein "handle"
- so der Fachausdruck für das Alias von Spielern, die im Internet
blitzen - geht auf eine Figur aus Coopers "Der letzte Mohikaner"
zurück und tatsächlich erinnert Schmaltz' Einstellung zum
Internetschach an Cowboy-und-Indianer Spiele aus der Kindheit. Mit jungenhaftem
Macho-Charme führt er in Geheimnisse des Internetschachs ein, erklärt
Vor- und Nachteile diverser Server, bespricht die technischen Voraussetzungen
des Internetschachs, philosophiert über Betrug beim Internetblitz,
gibt Tipps, wie man erfolgreicher spielt und erzählt Geschichten
aus zehn Jahren Serverleben. Außerdem führt er Blitzpartien
vor, die unerwartet inhaltsreich und interessant sind:
SCHMALTZ - HAR-ZVI
1 0 Bullet Internet Chess Club, 7.03.2001
1.e4 Sc6 2.Sc3 e5 3.g3 Lc5 4.Lg2 Sf6 5.Sge2 d6 6.h3 Lb6 7.0-0 0-0
8.Kh2 Te8 9.f4 exf4 10.gxf4 Sg4+ 11.Kg3 Sf2 12.Txf2

12...Dh4+
13.Kxh4 Lxf2+ 14.Sg3 Te6 15.Kg4 Sd4 16.f5 Tg6+ 17.Kf4 Txg3 18.Df1 g5+
19.fxg6 Se6+ 20.Kf5 Sg7+ 21.Kf6 Txg6+ 22.Ke7 Te6+ 23.Kd8 Lb6 24.Sd5
Te8#

Schmaltz
geht es vor allem um den Spaß am Internetschach und mancher kommt
durch Hawkeyes ansteckenden Enthusiasmus vielleicht auf den Geschmack
am Internetblitz, während routiniertere PC-Blitzer den einen oder
anderen Ratschlag zum besseren Umgang mit der Maus erhalten.
In die gute Laune des Buches passt das hässliche Phänomen
des Betrugs beim Internetblitz allerdings schlecht hinein. Aber dies
stellt zur Zeit das größte Problem der Serverbetreiber dar,
denn immer wieder versuchen Spieler mit der verbotenen Unterstützung
durch Computer erfolgreich zu sein. Großmeister schummeln hier
genauso gern wie Amateure. Dass solches Verhalten potenzielle Sponsoren
von Internetblitzturnieren abschrecken könnte und sich die Schachprofis
damit letzten Endes selber schaden, scheint die Betrugsgroßmeister
nicht zu interessieren. Sie hoffen auf den schnellen Euro und wie jeder
Betrüger spekulieren sie darauf, nicht entdeckt zu werden. Um so
mehr verblüffen Hawkeyes selbstbewusste und naive Aussagen zu diesem
Thema. Nachdem er festgestellt hat, dass man beim Internetschach nur
dann erfolgreich schummeln kann, wenn man zwei Computer benutzt, nämlich
einen, auf dem man spielt und einen, auf dem Fritz oder ein anderes
Programm analysiert, erklärt er: "This is really hard to detect
if done in a smart way. The only real method of finding these cunning
cheaters is when strong players go over the games they've played. The
only players who can actually legally' cheat (if done the smart
way) are well known strong grandmasters. Nobody among the huge crowd
of administrators can actually tell if grandmasters are cheating or
if they are just brilliant. But anyway, why should a grandmaster cheat?"
(S.54-55). Abgesehen davon, dass ChessBase auf ihrem Server schach.de
Betrüger mit Hilfe einer ausgeklügelten Software aufspürt,
ist Hawkeyes rhetorische Frage leicht zu beantworten: Manche Großmeister
erliegen schlicht dem Lockruf des Goldes. Seit Internetblitzturniere
mit stattlichen Preisen locken, riskieren sogar gute Blitzer ihren Ruf,
indem sie den Computer an der falschen Stelle einschalten. Und auf das
Indianerehrenwort, nicht zu schummeln, scheint dabei leider kein Verlass
zu sein.
Zum
ChessBase Server
Mehr zum Thema Betrug und "kybernetischer Fingerabdruck" des
Schachspielers im Bericht
zum ACP-Inaugural Turnier im Internet
Zur Webseite von Roland Hawkeye
Schmaltz.
Zum Computer-Karl
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