ÜBER DEN
AUTOR
Der georgische Großmeister Janjgava (früher bekannt als Dzhandzhava)
legt mit "The Petroff" sein zweites Buch bei Gambit
vor. Der Verlag charakterisiert den Autor u.a. mit den Worten: "and
has built up a formidable reputation as a very hard player to beat."
Janjgavas Interessen gelten dementsprechend Eröffnungssystemen,
in denen Schwarz sich damit zufrieden gibt, das Spiel auszugleichen.
Das in seinem Erstling "The Catalan and Queen's Gambit for Black"
(2000) vorgeschlagene Repertoire für Schwarz war - um es wertfrei
auszudrücken - sehr solide.
DIE RUSSISCHE
VERTEIDIGUNG
Der Untertitel weist zurecht auf die bemerkenswerte Beliebtheit von
Russisch bei den Supergroßmeistern hin. In Rundenturnieren der
Kategorie XII aufwärts und in Wettkämpfen begnügen sich
die Schwarzspieler damit, den Anzugsvorteil des Weißen zu neutralisieren,
weil sie darauf spekulieren, mit Weiß selbst zum Erfolg zu kommen.
Großmeister, die ihren Lebensunterhalt mit Preisgeldern in Open
verdienen, können es sich hingegen nicht leisten, mit Schwarz nur
auf einen groben Fehler des Gegners zu hoffen. Die Remisbreite im Endspiel
nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sf6 3.Sxe5 d6 4.Sf3 Sxe4 5.De2 De7 6.d3 Sf6 7.Lg5
ist einfach zu groß. Diese Spielweise wird aber nur selten zwischen
gleichstarken Spielern von Weiß gewählt, weil auch die Gewinnchancen
des Anziehenden nur gering sind. In der Großmeisterpraxis ergeben
sich in der Regel zweischneidige Stellungen, in denen entweder Weiß
mit der Unterstützung seines isolierten Damenbauern Initiative
zu entfalten sucht oder aber Schwarz mit taktischen Mitteln die Unterminierung
der Stellung seines Se4 verhindern muss. Die derzeit in der Großmeisterpraxis
beliebten Varianten sind alles andere als langweilig, der Schwarzspieler
muss sich aber darüber im Klaren sein, dass Weiß eine der
faden Remisvarianten wählen kann.
GLIEDERUNG
VORGÄNGER
UND AKTUALITÄT
Janjgavas Monographie konkurriert mit einer Reihe von anderen Werken
um die Gunst des Lesers. Arthur Jussupow hat 1992 und 1993 zwei Informator-Monographien
vorgelegt, die er - um neues Material ergänzt - 1998 in einem Band
zusammengefasst hat, der bei Olms unter dem Titel "Russische
Verteidigung" erschienen ist. Zu nennen sind ferner die 1992
von Forintos und Haag herausgebrachte "Russische Verteidigung"
und Karpows 1993 veröffentlichtes "Siegen mit Russisch",
eine Übersicht anhand von 25 Musterpartien. Da Janjgava leider
auf ein Literaturverzeichnis verzichtet, bleibt unklar, welche Referenzwerke
und Datenbanken er ausgewertet hat. Da Partien bis zum Jahre 2000 berücksichtigt
wurden, nahm die Übersetzung des Manuskripts anscheinend einige
Zeit in Anspruch.
PRÄSENTATION
DES MATERIALS
Wie auch bei anderen Eröffnungsbüchern aus dem Hause Gambit,
wird vom Leser einiges an schachlicher Grundausbildung erwartet. Nur
zu Beginn eines jeden Kapitels finden sich einige aufeinanderfolgende
Sätze ohne Angabe von Varianten. Am Ende der Hauptvarianten eines
Kapitels wird in einem oder zwei Sätzen resümiert, ob Schwarz
in diesem Abspiel Ausgleich hat. Wie bei Gambit-Büchern üblich,
wird das Material anhand eines enzyklopädischen Zugriffs mit Partiefragmenten
und nicht anhand von kommentierten Musterpartien präsentiert. Auf
mögliche Zugumstellungen wird häufig verwiesen. Wer sich für
eine bestimmte Variante interessiert, wird die ihn interessierende Stelle
im Buch schnell finden können. An einigen Stellen sind Janjgavas
eigene Vorschläge in den Text eingeflossen. Leider wird nicht immer
hinreichend deutlich, wann der Autor bereits veröffentliche Analysen
anderer Spieler / Eröffnungswerke zitiert. Meinem Eindruck nach
stellt die analytische Eigenleistung Janjgavas guten Durchschnitt dar.
STAND DER THEORIE
Auch wer - wie der Rezensent - selbst nicht Russisch spielt, wird anhand
der Lektüre von Schachzeitschriften einige kritische Varianten
benennen können, in denen in den letzten Jahren beide Farben immer
wieder mit Verstärkungen aufwarten konnten.
Betrachten wir zwei Hauptvarianten und die Analysen des Autors.
In der Variante 1.e4 e5 2.Sf3 Sf6 3.d4 Sxe4 4.Ld3 d5 5.Sxe5 Ld6 6.0-0
0-0 7.c4 Lxe5 8.dxe5 Sc6 9.cxd5 Dxd5 10.Dc2 Sb4 11.Lxe4 Sxc2 12.Lxd5
Lf5 13.g4 Lxg4 14.Le4 Sxa1 15.Lf4 schien Schwarz lange Zeit Ausgleich
zu haben.

Dieses Urteil wurde
durch die Partie Timman - Jussupow, Linares 1992 in Frage gestellt,
in welcher Weiß nach 15...f5 16.Ld5+ Kh8 17.Tc1 c6 18.Lg2 Tfd8
19.Sd2 h6 20.h4 Td3 21.Lf1! Td4 22.Le3 Td5 23.Txa1! in Vorteil kam.
Die Notlösung, die Rückgabe der Qualität mittels 19...Td2:
brachte Schwarz in der Partie Kasparow - Anand, Linares 1991 das ersehnte
Unentschieden: 20.Lxd2 Td8 21.Lc3 Td1+ 22.Txd1 Lxd1 23.f4 Sc2 24.Kf2
Kg8 25.a4 a5! 26.Lxa5 Sd4 27.Lf1 Lb3.
Janjgava weist auf die Fernpartie Vojna - Rumiantsew, 1996-1998, hin,
in der Weiß mit der Verbesserung 23.Lf1 aufwartete: Nach 23...Kg8
24.Lc4+ Kf8 25.b4 Sc2 26.Lb3

hatte Weiß
noch immer einen Bauern weniger, der starke Freibauer und das Läuferpaar
boten aber mehr als genügend Kompensation. Die Partie ging weiter
mit 26...b6 27.h4 c5 28.bxc5 bxc5 29.e6 Ke7 30.Kh2 f4 31.Lxg7 c4
32.Lxc4 Sa3 33.Ld5 mit klarem weißen Vorteil.
Janjgava analysiert auf dem Weg zur Endstellung eine Vielzahl von Alternativen
auf insgesamt 10 Seiten. Der Autor zitiert zwar hauptsächlich Analysen
von anderen Spielern - ohne dies immer kenntlich zu machen -, hat aber
mit dem Aufspüren dieser Partie seine Aufgabe hinreichend gelöst,
die wichtigsten Partien und Einschätzungen zu kompilieren. Da ich
in den im letzten Jahr gespielten Partien keine Verbesserung für
Schwarz entdeckte, scheint diese Variante derzeit kaum spielbar zu sein.
Im Kandidatenwettkampf
Karpow - Kortschnoi, Moskau 1974 gelang dem kommenden Mann einer seiner
zwei Siege in folgender Variante aus der Eröffnung heraus: 1.e4
e5 2.Sf3 Sf6 3.Sxe5 d6 4.Sf3 Sxe4 5.d4 d5 6.Ld3 Le7 7.0-0 Sc6 8.Te1
Lg4 9.c3 f5 10.Db3 0-0 11.Sbd2 Kh8 12.h3 Lh5 13.Db7: Inzwischen
hat Kramnik für die schwarze Seite Partei ergriffen und 11...Sa5
als spielbar erwiesen. Mit 12.Da4 Sc6 lädt Schwarz zu einem Remis
durch Zugwiederholung ein.
Die (nicht überzeugenden) Alternativen zum Hauptzug 13.Lb5 -13.La6
und 13.c4 - werden von Janjgava nicht erwähnt.

Die schwarzen Hoffnungen
ruhen derzeit auf 13...Lh4. Janjgava gibt als Alternative zu
14.g3 nur an: 14.Tf1 Sxd2 15.Sxd2 Se7, ohne die Partie
Koziak - Motylev, Lwow 1999 zu erwähnen: 14.Tf1 Sxd2 15.Sxd2
f4 16.Lxc6 bxc6 17.Dxc6 Dg5 18.c4 Tad8 19.cxd5 Td6 20.Dc3 Tg6.
Nach 14.g3 folgte in der Partie Anand - Kramnik, Wijk aan Zee
1999, 14...Sh3+ 20.Kg2 Tb8 21.c4 dxc4 22.Sxc4 Dd3 23.Se3 Txb2+ 24.Lxb2
Dd2+ 25.Kh1 Sf2+ 26.Kg1 Sh3+ 27.Kh1 Sf2+ ½-½
Auch in dieser Variante wurden seit dem Erscheinen des Buches keine
wichtigen Partien mehr gespielt.
FAZIT
Das Russisch-Konzentrat Janjgavas gibt einen kompetenten Überblick
über diese Eröffnung. Wer Jussupows 1998 veröffentlichte
Synthese besitzt, mag überlegen, ob er Janjgavas Synthese unbedingt
braucht. Die Weiß- oder Schwarzspieler (DWZ 1800 aufwärts),
die an eine Erstanschaffung an Literatur über die Russische Verteidigung
denken, können zugreifen.
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