ÜBER DEN
AUTOR
Der israelische
Großmeister Beim war vor seiner Emigration jahrelang Trainer der
Schachschule in Odessa. Zeitweilig fungierte er als Trainer der israelischen
Nationalmannschaft bei den Schacholympiaden. Er spielt für Tegernsee
in der Ersten Bundesliga. Dies ist sein erstes Schachbuch.
DAS ANLIEGEN
DES BUCHES
Der englische Verlag
Gambit hat in den letzten Jahren nicht nur eine Vielzahl von hochklassigen
Eröffnungsbüchern, sondern auch hervorragende Bücher
über das Mittelspiel und Schachstrategie veröffentlicht. Dazu
gehören John Watsons "Secrets
of Modern Chess Strategy" (1998), Alex Yermolinskys "The
Road to Chess Improvement" (2000) und Jonathan Rowsons
"The
Seven Deadly Chess Sins" (2000). Weil es im Unterschied
zu Eröffnungsbüchern nicht einfach ist, neues Material und
neue Ideen zu präsentieren, kommt es bei Büchern über
Mittelspielstrategie ganz besonders auf das Konzept an. Eine Möglichkeit
besteht darin, den Leser in typische Mittelspielstellungen einzuführen,
eine andere, den Denkprozess der Spitzenspieler nachvollziehbar zu machen.
In seinem Vorwort schreibt Beim, seine Zielgruppe seien die Schachspieler,
"who consider chess a hobby but who are also interested in a permanent
improvement of their results." Diese Beschreibung dürfte auf
99,9 Prozent der schachspielenden Deutschen zutreffen. Wer möchte
nicht gern bessere Resultate erzielen?
Beim behauptet, es gäbe einen Mangel an Büchern, in denen
beschrieben wird, wie Großmeister ihre Entscheidungen treffen.
Er will mit seinem Buch den "secrets of the grandmasterly thinking
process" nachspüren. Nach eigenem Eingeständnis hat es
ihn viele Jahre gekostet, in diese Materie einzudringen. Mit dem vorliegenden
Buch will er in einige seiner Ergebnisse einführen.
GLIEDERUNG
Das Buch ist in
acht Kapitel gegliedert, die jedes für sich allein stehen könnten.
VORGÄNGER
Da das Buch keine Bibliographie enthält, lassen sich über
Beims Kenntnisse der einschlägigen Literatur nur Vermutungen anstellen.
Wie sich aus dem ersten Kapitel erschließen läßt, sind
ihm Kotows Klassiker "Spiele wie ein Großmeister"
(1986) und "Denke wie ein Großmeister" (1986)
geläufig. Auch Dworetzkis Bücher dürften ihm nicht unbekannt
sein, finden aber keine Erwähnung. Andere Titel, die dieselben
Zutaten wie Beims "Rezepte" behandeln, werden im Folgenden
erwähnt.
PRÄSENTATION
DES MATERIALS
Die acht Rezepte sind nach folgenden Muster aufgebaut: eine Einführung
mit theoretischen Überlegungen zur Thematik gefolgt von knapp kommentierten
Partien, anschließend dann einige unkommentierte Partien, deren
Studium dem Leser empfohlen wird, und zum Schluss einige Trainingsaufgaben.
Die wichtigsten Kapitel sind die beiden ersten Kapitel, in denen Beim
versucht, sein Versprechen einzulösen, den großmeisterlichen
Denkprozeß darzustellen.
Das erste Kapitel über die Technik der Variantenberechnung ist
ein knappe Wiederholung von Kotows Empfehlung, bei der Analyse mit der
Auswahl der Kandidatenzüge zu beginnen. Als Kandidatenzüge
sind alle die Züge anzusehen, welche die eigene Stellung verstärken,
sie nicht verschlechtern oder im Unterschied zu den Alternativen nicht
sofort verlieren. Welche dieser Bewertungsmaßstäbe in Anwendung
kommt, hängt von der richtigen Einschätzung der Stellung ab.
Wie oft hat man das Gefühl, "Hier muss doch was drin sein",
weil man der Meinung ist, im Vorteil zu sein.
Beim weist zurecht darauf hin, dass es Stellungen gibt, in denen der
beste Zug erst nach dem Verwerfen der "eigentlichen" Kandidatenzüge
gefunden wird: Alle Varianten zur Durchführung des eigenen Plans
scheitern an einer taktischen Besonderheit. Durch einen Zug, welcher
nichts zur Verfolgung der eigenen Pläne leistet, wird diese taktische
Besonderheit aus der Stellung genommen. Als Kandidatenzug wurde er aus
eben diesem Grund zuerst nicht analysiert. Beim schlägt für
einen derartigen Zug den terminus technicus "resulting move"
vor. Diesem Vorschlag kann man sich anschließen oder nicht. Der
Sachverhalt als solcher ist schon von Kotow abgehandelt worden. Eine
Handlungsanleitung für den Normalschachspieler ergibt sich daraus
nicht.
Im zweiten Kapitel stellt Beim einen weiteren von ihm geprägten
Begriff vor: das inverse Denken. Wenn ein Schachspieler sich an ein
ihm bekanntes Motiv oder einen Plan erinnert, der in einer ähnlichen
Stellung vorgekommen ist, versucht er diese Stellung zu erreichen "starting
from the desired position and going backwards to the position of the
game". Andere Bücher nennen das Denken in Schemata oder Denken
in Schablonen. Beims Vorschlag ist wieder ein analytisches Konzept,
aber kein Mittel, um den schachlichen Denkprozess selbst zu verbessern.
Nur in seltenen Fällen dürften Großmeister inverses
Denken verbalisieren, beispielsweise, wenn Sie überlegen, welche
Figuren sie abtauschen müssen. Eine Abgrenzung des inversen Denkens
zur Intuition, der unbewußten Umsetzung angeeigneten Wissens,
erfolgt nicht.
Im dritten Kapitel gibt Beim anhand dreier von ihm gespielter Partien
einen Überblick über eine seiner Spezialvarianten mit Schwarz:
1.e4 d6 2.d4 Sf6 3.f3 d5 4.e5 Sg8. Inwiefern dieses "Rezept"
zum Thema des Buchs passt, ist mir unklar. Es sieht eher nach Füllmaterial
aus.
Das vierte Kapitel enthält Beispiele zu den taktischen Motiven
Doppelangriff, Ablenkung, Hinlenkung. Die meisten Beispiele sind wieder
aus vielen Taktikbüchern bekannt. Beim fordert den Leser auf, erst
alle Kandidatenzüge zu benennen und erst danach eine Beurteilung
der entstehenden Stellungen vorzunehmen.
Im fünften Kapitel klärt Beim den Leser darüber auf,
dass ungleichfarbige Läufer kein Remisgarant sind. Für das
Mittelspiel ist dies eine Trivialität, bezüglich des Endspiels
ist diese Thematik bei Dworetzki besser und ausführlich abgehandelt.
Zum Thema "Übergang von Mittelspiel ins Endspiel" - dem
sechsten Kapitel - gibt es das Buch "Vom Mittelspiel zum Endspiel"
(1989) des unlängst verstorbenen amerikanischen GM Mednis. Auf
7 Seiten (plus die unkommentierten Partien) kann Beim in diese Thematik
natürlich nur knapp einführen, wobei ich seine Erläuterungen
nicht immer überzeugend finde.
Auf S. 83 erwähnt Beim das Diktum, dass jeder Läufer besser
als ein Springer sei. Er bezeichnet dies als einen Scherz, der aber
gerade im Endspiel häufig seine Gültigkeit habe. Diesen Sachverhalt
versucht er anhand der Partie Kline - Capablanca, New York, 1913
nachzuweisen:
1.d4 Sf6 2.Sf3
d6 3.c3 Sbd7 4.Lf4 c6 5.Dc2 Dc7 6.e4 e5 7.Lg3 Le7 8.Ld3 0-0 9.Sbd2 Te8
10.0-0 Sh5 11.Sc4 Lf6 12.Se3 Sf8 13.dxe5 dxe5 14.Lh4 De7 15.Lxf6 Dxf6
16.Se1 Sf4 17.g3 Sh3+ 18.Kh1 h5 19.S3g2 g5 20.f3 Sg6 21.Se3 h4 22.g4
Shf4 23.Tf2

Beim schreibt zur
Partiefortsetzung 23...Sxd3: "Why this exchange? Black wants
to bring his bishop into play, so he exchanges his counterpart, which
could also be useful for the defence of the King (Lf1, Td2, etc.)"
Der weitere Partieverlauf 24.Sxd3 Le6 25.Td1 Ted8 26.b3 Sf4 27.Sg2
Sxd3 28.Txd3
Txd3 29.Dxd3 Td8 30.De2 h3 31.Se3 a5 32.Tf1 a4 33.c4 Td4 34.Sc2 Td7
35.Se3 Dd8 36.Td1 Txd1+ 37.Sxd1 Dd4 38.Sf2 b5 39.cxb5 axb3 40.axb3 Lxb3
41.Sxh3 Ld1 42.Df1 cxb5 43.Kg2 b4 44.Db5 b3 45.De8+ Kg7 46.Dd7 b2 47.Sxg5
Lb3 0-1 wird von Beim mit knappen Anmerkungen versehen.
Mir stellen sich
mehrere Fragen: Was hat dieses Beispiel - und insbesondere die Diagrammstellung
- mit dem Kapitelthema zu tun? Was hindert Schwarz daran, seinen Läufer
sofort nach e6 zu entwickeln? Das Problem Capablancas bestand doch darin,
dass beide Springer das Feld f4 besetzen wollten. Indem Capablanca auf
d3 nahm, sicherte er dem untätigen Sg6 ein Betätigungsfeld.
Dworetzki hat in seinen Büchern und Artikeln das Problem der "übrigen
Figur" didaktisch sehr gut aufbereitet. Beims Ausführungen
erwähnen dieses wichtige Stratagem nicht.
Dass Zugzwang in Endspielen eine wichtige Waffe im Arsenal der überlegenen
Seite ist, zeigt der Autor anhand einiger Studien im siebten Kapitel.
Die Hälfte des Platzes nimmt dabei die Betrachtung des Endspiels
Dame gegen Turm ein. Möglicherweise suchte Beim nach einem Grund,
seinen Sieg gegen Kortschnoi in das Buch aufzunehmen. Für ein Einführungsbuch
ist dieses Thema zu speziell.
Wer Nunns "Taktische Schachendspiele" kennt, weiß
um die Bedeutung der Königssicherheit auch im Endspiel. Beim bringt
zu Beginn des achten Kapitels zum Thema Königsangriff im Endspiel
das folgende Beispiel:

Die Diagrammstellung entstand nach dem 47. Zug von Schwarz in der Partie
Smyslow - Konstantinopolski, Leningrad / Moskau, 1939. Beim schreibt
dazu: "The most important factor in this position is the difference
in the coordination of the white and the black pieces." Weiter
folgte. 48.Ta7+ Kb8 49.Th7 Txg2 50.Txh5 Tc2 51.Kc6 Ka7 52.Kb5 Te2
Beim: "Black rescues the king but not the game." 53.Th7+
Kb8 54.Kb6 Te8 55.c6 f4 56.Tb7+ Beim: "A typical procedure
in such positions." 56...Kc8 57.Ta7 1-0
Auch dieses Beispiel halte ich für nicht glücklich gewählt.
Der schwarze König am Rande hat den Gewinn für Weiß
erleichtert, der auch mit den beiden verbundenen Freibauern b3 und c5
zu erzielen gewesen wäre. Der schwarze König war aber nie
in der Gefahr, Matt zu werden. Er hätte einfach zum Königsflügel
hinlaufen können, durfte dies aber nicht, weil er als Blockeur
für den Freibauern gebraucht wurde. Der Leser wird auch darüber
nicht aufgeklärt, was das typische Verfahren im 56. Zug ist. Im
Endspiel Schachs geben? Der fortgeschrittene Leser weiß, was gemeint
ist. Aber dies dürfte nicht auf jeden Schachfreund zutreffen.
FAZIT
Beims "Kochbuch" enthält einen Potpourri bereits bekannter
Rezepte, die alle in der Literatur schon besser abgehandelt worden sind.
Die Zusammenstellung erscheint beliebig und ergibt keine Gesamtkonzeption,
keine Schachmethode, die mit Beims Namen verbunden werden müsste.
Wer Kotow und Dworetzki bereits kennt, wird in diesem Buch wenig Neues
finden. Für den Anfänger, der leichte, da nicht ausführliche
Kost, bevorzugt, mag dieses Büchlein von Nutzen sein. Wenn der
Autor den Inhalt um das Doppelte oder besser noch Dreifache vermehrt
hätte, wäre der Preis einigermaßen angemessen.
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