
von Joachim Wintzer
Nigel Davies:
The Grünfeld Defence
BIBLIOGRAPHISCHE
ANGABEN
ÜBER DEN
AUTOR
Der englische Großmeister Nigel Davies (Elo 2480) hat bereits
mehrere Schachbücher verfasst. Zuletzt hat Everyman seine Monographie
über die Aljechin-Verteidigung veröffentlicht. Er spielte
u.a. für die Schachvereinigung Plettenberg in der
1. Bundesliga.
ÜBER EVERYMAN
PUBLISHERS
Da dies meine erste Besprechung eines Buches von Everyman Publishers
für KARL ist, sind einige grundsätzliche Bemerkungen angebracht,
auf die ich mich bei späteren Besprechungen beziehen kann. Everyman
Publishers gehört neben Gambit zu den rührigsten
Verlagen, was die Veröffentlichung von Eröffnungsliteratur
betrifft. Wer sich ein aktuelles Buch über eine Eröffnung
zulegen will, hat häufig zwischen einem Produkt dieser beiden englischen
Verlage zu wählen. Der Leser meiner Besprechungen hat einige Produkte
des Hauses Gambit bereits kennen lernen dürfen. Die von
Gambit verlegten Eröffnungsmonographien bieten - von Ausnahmen
abgesehen - einen kompletten Überblick über eine Eröffnung
und berücksichtigen dabei auch ältere Spielweisen. Die enzyklopädische
Darstellung anhand von Variantenbäumen erleichtert das schnelle
Auffinden der Varianten.
Vielleicht gibt
es eine strategische Absprache zwischen beiden Verlagen, vielleicht
ist es auch nur kaufmännisches Kalkül, jedenfalls hat sich
Everyman Publishers für eine andere Konzeption entschieden.
Die Eröffnungsmonographien von Everyman basieren auf der
Analyse von Partien, die in den letzten Jahren gespielt wurden. Der
Darstellung der Eröffnung wird dabei natürlich eine weit größere
Bedeutung und ein größerer Umfang eingeräumt als dem
Mittel- und Endspiel. Wenn NIC die Artikel seiner Jahrbücher
zu einer Eröffnung aus den letzten vier bis fünf Jahren zusammenstellen
und unter einen Buchdeckel pressen würde, käme ungefähr
ein Eröffnungsbuch von Everyman Publishers heraus. Die Vorteile
dieser Form der Präsentation sind die Aktualität des Materials
und die Möglichkeit, sich anhand der Partien ein Bild von strategischen
und taktischen Motiven in bestimmten Abspielen zu machen. Nachteilig
sind die unzureichende Indexierung, mehr dazu siehe unten, und der weitgehende
Verzicht auf solche Varianten, die gerade nicht en vogue sind. Zudem
lässt sich im Zeitalter der Schachdatenbanken in Frage stellen,
ob der Leser die unkommentierten letzten 30 Züge einer Partie wirklich
aus einem Buch nachspielen will.
Ein weiterer Unterschied
besteht beim Format und Layout. Die Bücher von Gambit liegen
gut in der Hand (zumindest in meiner), während es bei den großformatigen
Eröffnungsmonographien von Everyman Publishers etwas unbequem
ist, sie mit nur einer Hand zu halten. Die Bücher von Everyman
haben eine viel kleinere Schriftgröße als die vom Gambit-Verlag
gewählt, was manche Absätze mit langen Partiefragmenten unübersichtlich
macht. Dafür erhält der Leser bei gleicher Seitenzahl bei
Everyman wesentlich mehr Material geboten.
GRÜNFELDINDISCH
Grünfeldindisch erlebte in den achtziger Jahren einen Popularitätsschub.
Kasparow ließ sich von ungarischen Großmeister Adorjan dazu
überreden, diese Verteidigung auf höchster Ebene, nämlich
im Wettkampf gegen Karpow, einzusetzen. Karpow gewann einige Partien
mit unterschiedlichen Systemen, ohne dass dies die Spielbarkeit von
Grünfeldindisch in Frage gestellt hätte. In den letzten Jahren
hat Kasparow die Verteidigung nur noch sporadisch eingesetzt, weil ihm
der Arbeitsaufwand für Grünfeldindisch und die Najdorf-Variante
zu groß geworden ist. Der Schwarzspieler muss sich auf eine Vielzahl
von möglichen System vorbereiten, bei denen es auf jeden Zug ankommt.
Derzeit verteidigt hauptsächlich der ungarische GM und Weltmeisterschaftsherausforderer
Leko die schwarzen Farben.
GLIEDERUNG
Davies hat
sein Material folgendermaßen gegliedert:
Bibliographie
(1 Seite)
Einleitung
(2 Seiten)
The Exchange Variation 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.cd Sd5: 5.e4
Sc3: 6.bc Lg7 7.Sf3 c5
Exchange Variation with 8 Tb1 (17 Seiten)
Exchange Variation with 8 Le3 (11 Seiten)
Exchange Variation with 7 Lc4 (15 Seiten)
Exchange Variation: Lines with Lb5+ or h3 (10 Seiten)
Exchange Variation: Early Divergences (10 Seiten)
The Russian System 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.Sf3 Lg7 5.Db3 dc:
6.Dc4: 0-0 7.e4
The Russian System: Prins Variation (10 Seiten)
The Russian System: Hungarian Variation (13 Seiten)
The Russian System: Smyslov Variation (11 Seiten)
The Russian System: Early Divergences (8 Seiten)
Other Systems
Classical with Lf4 (13 Seiten)
Lines with Lg5 (10 Seiten)
The Fianchetto Variation (13 Seiten)
Other Variations (18 Seiten)
Partienindex (3 Seiten)
VORGÄNGER
UND AKTUALITÄT
Es gibt nur wenige Gesamtdarstellungen über Grünfeldindisch.
Die von Botwinnik und Estrin verfasste und im Schmaus-Verlag
verlegte Monographie von 1986 ist inzwischen natürlich veraltet.
Nichtsdestotrotz erstaunt das Fehlen dieses wichtigen Referenzwerks
in der Bibliographie. Adorjans und Dörys "Grünfeld-Indische
Verteidigung - richtig gespielt" (1987/1991) stellte dem Schwarzspieler
ein Repertoire zusammen. Auch wenn viele Nebenvarianten nicht behandelt
wurden, hatte man als Leser doch den Eindruck, mit Hilfe dieses Buchs
Grünfeldindisch in das eigene Repertoire aufnehmen zu können.
Das wichtigste Konkurrenzprodukt ist das 1999 bei Gambit erschienene
Erstlingswerk des schottischen Großmeisters Jonathan Rowson "Understanding
the Grünfeld", ein gut lesbares und mit vielen eigenen
Analysen versehenes Repertoirebuch aus schwarzer Sicht. Davies hat seinen
Rowson gelesen und zitiert häufig aus ihm.
Die Hauptpartien stammen fast alle aus den Jahren 1997 bis 2001. Die
letzte TWIC, die Davies eingearbeitet hat, stammt vom April 2002.
PRÄSENTATION
DES MATERIALS
Zur Präsentation des Materials wurde weiter oben schon einiges
gesagt. Davies schreibt in seiner Einleitung, dass er ein besonderes
Augenmerk auf die Darstellung von Nebenvarianten gelegt hat. Das Buch
ist kein Repertoirebuch aus schwarzer Sicht, bei der Auswahl der Systeme,
welche keine oder nur eine sehr knapper Darstellung finden, entscheidet
Davies aber immer aus schwarzer Sicht. Der Weißspieler wird daher
einige Systeme vermissen, weil sie Davies für Schwarz nicht als
aussichtsreich erachtet. Der Textanteil ist etwas größer
als in den von mir besprochenen Gambit-Eröffnungsbüchern.
Zu beklagen ist
das Fehlen eines Variantenindexes. Es ist ein Rätsel, warum Everyman
immer noch auf dieses unentbehrliche Hilfsmittel zum Auffinden von Varianten
verzichtet. Die kurzen Zusammenfassungen am Ende des Kapitels sind kein
vollwertiger Ersatz.
STAND DER THEORIE
Mit Hilfe einiger Stichproben wollte ich die Qualität von Davies'
Darstellung überprüfen. Mich interessierte zunächst,
was Davies zum "Widerlegungsversuch" des ehemaligen Fernschach-Weltmeisters
Hans Berliner zu sagen hat.
Es handelt sich um die Variante 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.cxd5 Sxd5
5.e4 Sxc3 6.bxc3 c5 7.Lc4 Lg7 8.Se2 Sc6 9.Le3 0-0 10.Tc1 Da5 11.Kf1
cxd4 12.cxd4 Da3:

Berliner hatte in seinem Buch "The System" diese Variante
als Widerlegung von Grünfeldindisch angegeben, ohne aber den letzten,
schon mehrmals mit befriedigenden Ergebnissen gespielten Zug Da3 zu
analysieren. Die Rezensenten von Berliners Buch wiesen zurecht auf dieses
Versäumnis hin. Berliner analysierte die Stellung ausführlich
und veröffentlichte seine Ergebnisse in mehreren Schachzeitschriften.
Im Netz ist der Artikel hier
zu finden. Berliner empfiehlt 13.Tc3! Dd6 14 h4!! (seine Ausrufezeichen).
Davies scheint von Berliners Analysen nichts mitbekommen zu haben. Er
zitiert nur die Partie Browne - Kudrin, Philadelphia 1992, in welcher
14.f3 geschah.
Als nächstes interessierte mich, wie Davies die in den achtziger
Jahren häufig gespielte Variante 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.cxd5
Sxd5 5.e4 Sxc3 6.bxc3 Lg7 7.Sf3 c5 8.Tb1 0-0 9.Le2 Sc6 10.d5 Se5 11.Sxe5
Lxe5 12.Dd2 präsentieren würde.

Davies bringt 2
Partien, ohne aber auf die Fortsetzung 13...e6 14.f4 Lh8 einzugehen.
Wer diese Variante mit Weiß spielt, wird sich anderswo umsehen
müssen.
Der aus diesen Beispielen
gewonnene Eindruck ist nicht unbedingt repräsentativ, zeigt aber
die Schwächen in der Darstellung auf. Die Theorie der letzten Jahre
wird insgesamt befriedigend zusammengefasst. Bei den Nebenvarianten
gibt es einige nette Anregungen, wie z.B. 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5
und jetzt 4.h4!? (Partie 70).
Eigene Analysen
des Autors, welche Beachtung verdienen, sind nur wenige zu finden.
FAZIT
Nigel Davies Monographie "The Grünfeld Defence"
fasst die Theorie der letzten 4 Jahre befriedigend zusammen. Es gibt derzeit
kein Buch über Grünfeldindisch auf dem Markt, welches bezüglich
der Aktualität mithalten kann. Aufgrund der Vernachlässigung
derzeit aus der Mode gekommenen Varianten sollten Schwarz- und Weißspieler
zusätzliche eine Gesamtdarstellung konsultieren. Wer sich als Schwarzspieler
auf dem Laufenden halten will, kann zugreifen. Wer als Klubspieler überlegt,
Grünfeldindisch in sein Repertoire aufzunehmen, dem würde ich
eher Rowson oder Adorjan/Döry empfehlen, deren Darstellung didaktisch
besser aufbereitet ist. Eine gewisse Spielstärke (DWZ ab 1600) ist
Voraussetzung, um mit dem Buch arbeiten zu können.
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