Der in Samara lebende
russische Großmeister Yakovich (Elo-Zahl in den letzten Jahren
um 2550) legt mit "The Complete Sveshnikov Sicilian"
sein Erstwerk vor. Yakovich hat diese Eröffnung in mehr als 50
Turnierpartien erprobt und mit einer Erfolgsquote von circa 60 Prozent
ein mehr als respektables Ergebnis erzielt.
DIE SWESCHNIKOW-VARIANTE
Die Sweschnikow-Variante 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3
e5 ist unter einer Vielzahl von Namen bekannt, z.B. auch als Tscheljabinsker
Variante oder Lasker-Pelikan-Variante. Meines Erachtens ist es vollauf
gerechtfertigt, den Beitrag Sweschnikows für die Entwicklung dieses
Spielweise zu würdigen, indem nicht der Erstanwender, sondern der
Spieler, der die Variante zu einem System ausbaute, als Namensgeber
fungiert.
Schachhistorisch gesehen basiert die Sweschnikow-Variante auf der Boleslawski-Variante
(1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 d6 6.Le2 e5) und den Spielweisen
der Najdorf-Variante mit e7-e5. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
war der Zug e5 im Sizilianer als antipositionell verworfen worden. Sweschnikow
schildert im Vorwort seiner Monographie, dass er auf der Spartakiade
1975 von seinem Mannschaftskameraden Geller scharf angegriffen wurde.
Geller, der eine positionell anrüchige Eröffnung wie Königsindisch
mit zahlreichen neuen Ideen bereicherte, hielt aus allgemeinen Überlegungen
heraus nichts von der ganzen Variante, ließ sich aber von Sweschnikow
überzeugen: "True, the magic of the square d5 was great. But
less than two years later Geller himself was playing 5...e5 and a real
boom began - the whole world was playing it." Die Sweschnikow-Variante
ist derzeit populärer denn je. Kasparow und Leko haben sie in ihr
Repertoire aufgenommen. Für den Vereinsspieler hat die Beliebtheit
der Variante den Nachteil, dass er sich permanent über die neuesten
Entwicklungen informieren muss. Zudem sind viele Varianten zum Remis
ausanalysiert.
GLIEDERUNG
Yakovich behandelt
die Zufolge 1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 Sc6 6.Sdb5 d6
7.Lf4 e5 8.Lg5 nicht, da die weißen Abweichungen zum sizilianischen
Vierspringerspiel gehören. Ein Blick auf die Gliederung zeigt,
dass Yakovich der derzeit aktuellen Spielweise mit 10...Lg7 viel Raum
zuweist.
Von diesen Werken
stehen nur die beiden ältesten in meinem Bücherregal, so dass
ich über die Vor- und Nachteile der anderen Monographien keine
Aussagen machen kann. Bedauerlicherweise hat der Autor darauf verzichtet,
ein Literaturverzeichnis zu erstellen. Es ist davon auszugehen, dass
ihm zumindest Sweschnikows Monographien und Rogozenkos Chessbase-CD
vorgelegen haben. Yakovich hat Material der ersten Jahreshälfte
2002 eingearbeitet, wie die Berücksichtigung der Partie Shirow-Kasparow,
Linares 2002 zeigt.
PRÄSENTATION
DES MATERIALS
Yakovich hat die bei Gambit-Büchern übliche enzyklopädische
Darstellungsweise übernommen. In der Einführung werden sechs
Partien vorgestellt, damit der Leser eine Vorstellung einiger Stellungstypen
erhält. Wer die Sweschnikow-Variante bisher noch nie gespielt hat,
wird damit nicht viel anfangen können. Die typischen Manöver
für beide Seiten muss sich der Leser aus den Partiebeispielen selbst
erschließen oder andere Bücher zu Rate ziehen. Der Autor
geht mit den Bewertungszeichen !? und ?! sehr freigiebig um. Ein Blick
in den Variantenindex zeigt sofort, welche Fortsetzungen er für
aussichtsreich oder für schwach hält.
Positiv zu vermerken ist, dass Yakovich nicht nur Partiefragment an
Partiefragment aneinandergereiht hat, sondern immer wieder kurze strategische
Erklärungen einfügt. Wenn der Autor sich nicht mit fremden
Federn geschmückt haben sollte, so enthält das Buch mehr eigene
Analysen als es auf dem Eröffnungsbuchmarkt (leider) üblich
ist.
STAND DER THEORIE
Die folgende Variante wurde in den achtziger Jahren häufig gespielt.
Wer sich für die Sweschnikow-Variante interessiert, erhält
einen Eindruck von den typischen Manövern beider Seiten und ferner
davon, wie weit die Hauptvarianten bereits ausanalysiert worden sind.
1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 e5 6.Sdb5 d6 7.Lg5 a6
8.Sa3 b5 9.Lxf6 gxf6 10.Sd5 f5 11.Ld3 Le6 12.Dh5 Lg7 13.0-0 f4 14.c4
bxc4 15.Lxc4 0-0 16.Tac1 Tb8 17.b3 Dd7 18.Tfd1 Kh8 19.Dh4 Lxd5 20.Lxd5
Sb4 21.Td2 f5 22.Sc4

Sweschnikow bezeichnet
die mit dem Zug 14.c4 eingeleitete Spielweise als "one of the most
serious attempts to 'refute'" seine Variante. Er analysiert die
Abspiele nach 14.c4 auf neun Seiten, davon fünf für die Hauptfortsetzung
14...bc: Yakovich betrachtet die Fortsetzung 14.c4 auf insgesamt acht
(enger bedruckten) Seiten. Die Alternativen zu 14...bc, nämlich
14...b4 und 14...0-0 werden nicht mehr als eigenständige Varianten,
sondern nur in einer Anmerkung angeführt.
Der Textzug, 22. Sc4, wurde das erste Mal in der Partie Renet
- Kortschnoi, Lugano 1988 gespielt. Die Alternative ist 22.Dh3. Sweschnikow
(1989) erwähnt nur 20.Td5:, die Partie scheint also nach seinem
Redaktionsschluss gespielt worden zu sein.
23.Sc4 Ich folge der Notation der Partie, die über das sizilianische
Vierspringerspiel in die Sweschnikow-Variante einmündete.
23...Sxd5
Die Alternative 23...Tb5 wird von Yakovich nicht behandelt: 24.Tcd1
Sxd5 25.Txd5 Txd5 26.Txd5 Tf6 28.Dh5 Dc6 28.Dd1 fxe4 29.Txd6 Txd6 30.Dxd6
Dc8 ( 30...Dxd6 31.Sxd6 e3 32.fxe3 fxe3 33.Kf1 Kg8 34.Ke2 Lf8 35.Sc4
1-0 Kota,I-Matheika,1999) 31.h3 h6 32.Sxe5 e3 32.fxe3 fxe3 33.Dd8+ +-,
Vigfusson - Lagontrie, 1995.
24.Txd5 fxe4 25.Txd6 Df5 26.h3 h5 27.De7 e3 28.fxe3 fxe3 29.Td7
Auch die Alternative 29.Dh4 Tbc8 30.Txa6 e2 31.Te1 e4 32.Se3 Dc5 33.Kh1
Dxe3 34.Dxh5+ Kg8 35.Dxe2 Dxe2 36.Txe2 Tf1+ 37.Kh2 Le5+ 38.g3 Tcc1 39.Ta4
½-½ Conde - Sanjuan, EMAIL 1999 wird von Yakovich nicht
angegeben.
In der Partie Renet - Kortschnoi folgte 29...Lf6
[ 29...Df2+ 30.Kh1 Dg3 31.Sxe3 Tf2 32.Tf1±]
30.Sxe3 De4 31.Dc5 Lg5 32.Sd5!

Yakovich gibt, der
Informator-Analyse folgend, 32...Lxc1 als besten Zug an: 33.Dxc1 Dg6
34.De3 Tbe8 35.Sc7 Tg8 36.De2 Tef8 37.Dxe5+ Tf6. Sein Verdikt: unklar.
Schwarz dürfte das Endspiel nach 38.Db2 Df5 39.Sd5 Dd7:40.Df6:
Dg7 ohne Probleme halten können. In der Partie folgte schwächer:
32...Df5 33.Se7! Dxd7 34.Dxe5+ Kh7 35.Dxg5 Tb6! 36.Sd5 Tg6 37.Dxh5+
Th6 38.De5?! Tf5 39.Tc7 Txe5 40.Txd7+ Kg8 41.Kf2 Kf8 42.Sf4 Tc5! 43.Kf3
Tc2 44.g4 Txa2 45.g5 Tb6 46.Kg4 Tb4! 47.g6 Tg2+! 48.Kf5 Txf4+ 49.Kxf4
Txg6 50.Tb7 a5! ½-½
FAZIT
Yakovich hat mit "The Complete Sveshnikov Sicilian"
ein Eröffnungswerk vorgelegt, welches die Theorie dieser Variante
zuverlässig und umfassend behandelt. Wer sich mit einer Spielstärke
ab DWZ 1800 mit dem Gedanken trägt, ein Referenzwerk über
diese Eröffnung zu kaufen, kann zugreifen. Ob es sich für
die Besitzer von McDonald (1999), Rogozenko (2000) und Aagaard (2000)
lohnt, dieses Buch zusätzlich zu erwerben, vermag ich nicht zu
entscheiden.