Die polnische Autoren
IM Panczyk und Fernschachspieler Ilczuk legen mit "The Cambridge
Springs" ihr Erstlingswerk vor. Panczyk hat seinen Untersuchungsgegenstand
bereits in mehreren Partien gespielt.
DIE CAMBRIDGE-SPRINGS-VARIANTE
Die Cambridge-Springs-Variante
entsteht nach den Zügen. 1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 Sbd7 5.e3
c6 6.Sf3 Da5. Der Damenzug nach a5 wurde bereits im Jahre 1897 von Lasker
in einer Simultanpartie erprobt. Populär wurde diese Verteidigung
gegen das Damengambit auf dem Turnier zu Cambridge Springs 1904. Die
Ergebnisse sprachen allerdings nicht für die Variante. Von den
vier dort gespielten Partien gewann Weiß zwei, die beiden anderen
Partien endeten mit einer Punkteteilung. Im Weltmeisterschaftskampf
Capablanca-Aljechin, Buenos Aires 1927, wandten beiden Seiten diese
Eröffnung an. In den Partien der Spitzengroßmeister ist die
Cambridge-Springs-Variante nach wie vor ein seltener Gast. Heutzutage
verteidigen nur Mikhail Gurewitsch und Arthur Jussupow gelegentlich
die schwarzen Farben.
Das Markenzeichen dieser Variante ist ihre Solidität. Schwarz muss
nicht befürchten, in wenigen Zügen überrannt zu werden.
Umgekehrt braucht der Weißspieler abgesehen von zwei Eröffnungsfallen
(1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 Sbd7 5.cxd5 exd5 6.Sxd5?? Sxd5 und
1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 Sbd7 5.e3 c6 6.Sf3 Da5 7.Ld3? dxc4 8.Lxf6
[8.Lxc4 Se4 9.Lh4 Sxc3 10.bxc3 Dxc3+] 8...Db4 9.Lxg7 Lxg7 10.Lc2 Dxb2)
keine versteckten Tretminen fürchten. Indem Schwarz einen Angriff
gegen den Sc3 mittels Lb4 und Se4 einzuleiten droht, zwingt er Weiß,
prophylaktische Maßnahmen zu ergreifen.
GLIEDERUNG
Wie die Gliederung des Buches zeigt, entscheiden sich die Weißspieler
hauptsächlich für einen der drei Züge 7.Lf6:, 7.cd: und
7.Sd2.
Introduction
(5 Seiten)
1.d4
d5 2.c4 e6 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 Sbd7 5.e3 c6 6.Sf3 Da5
Rare
7th Moves for White (10Seiten)
7.Bxf6
(18 Seiten)
7.cxd5:
introduction and Minor Lines (15 Seiten)
7.cxd5
Sxd5 including 8.Dd2 S7b6 (15 Seiten)
7.cxd5
Sxd5 8.Dd2 Lb4 (14 Seiten)
7.Sd2:
Introduction and Minor Lines (8 Seiten)
7.Sd2
dxc4 (17 Seiten)
7.Sd2
Lb4: Minor Lines (25 Seiten)
7.Sd2
Lb4: Main Line (8.Qd2 0-0) (30 Seiten)
White
Avoids the Cambridge Springs: Minor Lines (15 Seiten)
White
Avoids the Cambridge Springs: Exchange Variation with Lg5 (13 Seiten)
Index
of Variations (2 Seiten)
VORGÄNGER
UND AKTUALITÄT
Die Autoren betreten mit ihrer Monographie Neuland. Bisher hat es noch
keine eigenständige Abhandlung über die Cambridge-Springs-Variante
gegeben. Taimanow handelte die Eröffnung in seinem "Damengambit
bis Holländisch" von 1980 auf sieben Seiten ab. Partien
wurden bis einschließlich 2001 berücksichtigt.
PRÄSENTATION
DES MATERIALS
Die Aufblähung des Umfangs von 7 auf 176 Seiten ist nicht das Ergebnis
einer ausführlichen Darlegung strategischer und taktischer Motive,
sondern der Berücksichtigung nahezu aller verfügbaren Partien,
welche in der Cambridge-Springs-Variante je gespielt worden sind. Viele
unterklassige deutsche Spieler werden erfreut feststellen können,
daß eine von ihnen bei einem Open oder in der dritten oder vierten
Liga gespielte Partie in das Buch Eingang gefunden hat, weil die deutschen
Turniere weit häufiger Aufnahme in die Chessbase-Datenbanken finden
als die Turniere anderer Länder. Der Preis für die Berücksichtigung
dieser Partien ist allerdings hoch. Eine der Hauptaufgaben für
die Verfasser von Eröffnungsbüchern ist es, das Wichtige vom
Unwichtigen zu scheiden. Indem die Autoren sich dieser Aufgabe weitgehend
verweigert haben, fällt es dem Leser nicht einfach, sich im Dickicht
der Varianten zurechtzufinden. Die Stellungsbewertungen schwanken in
fast allen Varianten zwischen += und =. Nur in wenigen Abspielen sind
beide Seiten gezwungen, in einer forcierten Variante die einzigen Züge
zu spielen. Häufig steht Weiß vor der Entscheidung, sich
für einen der Züge a3, Dc2, Tac1, Tfd1, Se5 und Se4 entschließen
zu müssen. Die Unterschiede zwischen diesen Zügen sind geringfügig.
Weiß beherrscht mehr Raum, Schwarz hat das Läuferpaar. Da
diese Grundkonstellation immer wieder auftritt, hätte ich es begrüßt,
wenn sich die Autoren über diese Stellungsproblematik ausgelassen
hätten.
Das Material wird wie bei Gambit-Büchern üblich in enzyklopädischer
Form dargeboten. Kurze Zusammenfassungen am Anfang und Ende eines jeden
Kapitels ermöglichen eine schnelle Orientierung über den Wert
einer Variante.
Positiv zu vermerken ist, dass sich Panczyk und Ilczuk bemüht haben,
Lücken in der Theorie mit eigenen Vorschlägen zu füllen.
Bemerkenswert ist beispielsweise, dass sie sich nach 1.d4 d5 2.c4 e6
3.Sc3 Sf6 4.Lg5 Sbd7 5.e3 c6 6.Sf3 Da5 7.Sd2 für die scheinbar
anspruchslose Behandlung mit 7...dc4: statt des häufiger gespielten
7...Lb4 aussprechen.
Den Autoren war bewusst, dass eine Monographie über die Cambridge-Springs-Variante
nur auf ein begrenztes Interesse (= Käuferkreis) hoffen kann. Sie
haben sich daher dafür entschieden, auch die Varianten zu berücksichtigen,
in denen Weiß frühzeitig auf d5 nimmt und Schwarz mit dem
e-Bauern wiedernimmt. Ihre kurze Zusammenfassung der Theorie der Abtauschvariante
baut auf den Analysen von Janjgavas "The Queen's Gambit and
Catalan for Black" auf.
STAND DER DINGE
Wie bereits erwähnt, behaupten die Autoren, dass Schwarz in der
Variante mit dc4: ausgleichen kann: 1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 Sf6 4.Lg5
Sbd7 5.Sf3 c6 6.e3 Da5 7.Sd2 dxc4 8.Lxf6 Sxf6 9.Sxc4 Dc7 10.Le2 Le7
11.0-0 0-0 12.Tc1 Td8 13.Dc2 Ld7

Entstanden ist eine
für die Cambridge-Springs-Variante typische Konstellation. Weiß
beherrscht mehr Raum und muss sich nun Gedanken darüber machen,
wie er die befreienden Vorstöße e5 und c5 verhindern kann.
Die Hauptvariante bei Panczyk und Ilczuk ist: 14.Se5 Als weitere
Alternativen geben sie 14.a3, 14.Lf3, 14.e4 und 14.Se4 an. Die ersten
beiden Züge analysieren sie zum Ausgleich, gegen 14.e4 schlagen
sie 14...Le8 15.Tfd1 c5!? vor. Zu 14.Se4 zitieren sie die Partie
Kasparow-Am. Rodriguez, Moskau IZ 1982, in der es wie folgt weiterging:
14...Sxe4 15.Dxe4 c5 16.dxc5 Lc6 17.De5 Dxe5 18.Sxe5 Td2 "with
counterplay". 16....Lc6 ist aber ein ernster Fehler, denn Weiß
gewann das Endspiel nach 19.Lf3! Lxf3 20.gxf3 Txb2 21.Tb1 Txb1 22.Txb1
Lxc5 23.Txb7 f6 24.Sd7 Ld6 25.f4 a5 26.Tb6.
Der richtige Zug ist 16...Lxc5!, z.B. 17.Se5 Db6 18.Lf3 Tab8 19.Tfd1
Die Lage sieht recht gefährlich für Schwarz aus, er kann sich
jedoch ziemlich problemlos befreien: 19...Le8 20.Txd8 Txd8 21.Dc2 (Auf
21.Dxb7 folgt 21..Lxe3! - nun scheitert dieser Zug an 22.Sc4) 21...Lf8!
22.Db3 23.axb3 f6 =.
Zurück zur Hauptvariante 14.Se5. Nach 14...Tac8 15.Se4 Le8
16.Sxf6+ Lxf6 17.f4 soll Weiß leichten Vorteil haben. Als Alternativen
nennen die Autoren
14...Le8 und 14...c5
Ihre Analyse zu 14...c5 lautet:

15.Se4 Sxe4 16.Dxe4
Lc6 17.Sxc6 Dxc6 18.Dg4 [18.Dxc6 bxc6 19.dxc5 Td2 20.Lf3 Txb2 21.a4
Tc8 22.Tfd1 Tc7 =] 18...Db6 19.dxc5 Lxc5 20.Tc2 Td7 21.Tfc1 Le7=. Ich
bin davon nicht ganz überzeugt. Wie gleicht Schwarz nach 15.Sxd7
aus, z.B. Sxd7 (15...Txd7 16.Sa4 Tc8 17.dxc5; 15...Dxd7 16.Tfd1 cxd4
17.Txd4) 16.Se4.
Zum Textzug 14...Le8 zitieren die Autoren die Partie Schöne-Tschechow,
OL 94/95 Nordost: 15.a3 Tac8 16.b4 Ld6 17.f4 Statt der Partiefortsetzung
De7 18.Db3 Sd5 19.Sb1 f6 20.Sc4 Lb8 21.Lg4 Lf7 wird 17..a5 18.Db3
axb4 19.Sb5 De7 20.Sxd6 Dxd6 21.axb4 Sd5= empfohlen.
Als Leser stellt man sich die Frage, warum Weiß nicht analog der
Spielweise zu 14....Tac8 versucht, das Manöver Se4-f6 nebst f4
zu vollenden.
Diese kritischen Fragen betreffen zugegebenermaßen Nuancen. Wenn
die Unterschiede zwischen den Varianten aber so gering sind, so hätte
ich mir als Leser gewünscht, dass die Autoren ihre Urteilskriterien
nachvollziehbar darlegen oder unnötigen Ballast abwerfen.
FAZIT
"The
Cambridge Springs" wird für lange Zeit die definitive
Monographie zu dieser Eröffnung blieben. Statt der Ausbreitung
allen verfügbaren Partienmaterials wäre vermutlich ein 30-seitiger
Theorieartikel für den Leser nutzbringender gewesen. Wer mit Schwarz
ein ultrasolides Eröffnungsrepertoire einstudieren möchte,
könnte an dem Buch gefallen finden. Da Worterklärungen weitgehend
fehlen, sollte der Leser ein Spielstärke von circa 1800 DWZ aufwärts
besitzen.