KOLUMNE

Die Karl-Kolumne ergänzt die Printausgabe des Karl. Die Kolumne präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.

 

BESTECHEND KLAR UND ÜBERSICHTLICH

Von Eric Rolle

Lemos The Fianchetto System

 Damian Lemos,
The Fianchetto System,
EverymanChess 2014,
Paperback, 176 Seiten,
19,50 Euro

(Das Belegexemplar wurde  freundlicherweise von der Firma Niggemann zur Verfügung gestellt.)
 

Gerade in Zeiten, in denen ein Magnus Carlsen durch frühes Verlassen ausgetretener Theoriepfade zweimaliger Weltmeister wurde, fühlen sich diejenigen bestätigt, die den Schacherfolg weniger auf fleißiges Theorielernen als vielmehr auf das Verständnis von Strukturen und langfristigen Plänen zurückführen. Den meisten (Amateur-)Spielern fehlt die Zeit, sich intensiv mit verschiedenen Eröffnungen zu beschäftigen. Wer sich nach einem universellen System sehnt, findet vielleicht in The Fianchetto System die richtige Lektüre.

Autor des Buches ist der argentinische Großmeister Damian Lemos, der dem Weißspieler einen flexiblen Aufbau anbietet, den er nach d4, c4, g3 gegen diverse schwarze Systeme anwenden kann. Dieses Theoriewerk ist zwar variantenreich, schafft aber vor allem ein tiefes Verständnis für die Fianchetto-Struktur. Die Eröffnungsideen werden an 49 Beispielpartien erläutert, allesamt auf hohem Großmeisterniveau gespielt. Die zahlreichen aktuellen Beispiele von g3-Experten werden unter anderem durch Partien von Karpow und Kasparow ergänzt.

Das Buch ist in sechs Kapitel gegliedert. Zuerst bekommt man anhand von neun Partien gezeigt, wie man Benoni und das Benkö-Gambit auch gut ohne d4-d5 spielen kann, indem man die Stellung in die Englische Eröffnung transferiert – was vielen Königsindisch- und Grünfeldindisch-Spielern missfällt. Einzig einen kurzen Exkurs zur Variante 1.d4 Sf6 2.c4 c5 3.Sf3 cxd4 4.Sxd4 e5 vermisst man. Doch anzurechnen ist Lemos, dass er seinem Repertoire die Treue hält und sich auf die Systeme konzentriert, die nach 1.d4 Sf6 2.c4 g6 und 3.g3 möglich sind. So ist ein übersichtliches Werk ohne große Abschweifungen entstanden.

Aus dem ersten Kapitel gefällt mir vor allem folgendes Fragment:

Barejew  – Schirow

Biel 1991

1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.g3 c5 4.Sf3 cxd4 5.Sxd4 d5 6.Lg2 Lg7
a) 6…dxc4 führt nach Da4+ und Dxc4 wegen des Drucks entlang der langen Diagonale zu weißem Vorteil.
b) 6…e5 7.Sf3 d4 8.0-0 Sc6 9.e3 Lg4 10.Db3 mit starkem weißem Druck am Damenflügel und der Möglichkeit, Linien im Zentrum gegen den schlechtplatzierten König auf e8 zu öffnen.
7.Sc2!
Ein wichtiger Zug vor der Rochade. Da nun d5 hängt, kann Schwarz nicht einfach rochieren und das Endspiel nach 7…dxc4 8.Dxd8 Kxd8 ist sehr angenehm für Weiß zu spielen. Noch mehr fasziniert mich jedoch der nächste weiße Zug:
7…Da5+ 8.b4!?
Lemos: „Die Antwort auf die schwarze Aggression ist noch mehr Gewalt! Falls Weiß den Kampf um die Initiative vermeidet, könnte er nach 8.Sc3 Se4 oder 8.Ld2 Dc5 Probleme bekommen.“
8…Dc7 9.cxd5 Sg4 10.0-0 Lxa1 11.Sxa1 0-0 12.Sb3

Eigentlich hat Weiß hier alles erreicht, was Schwarz verhindern wollte: der Lg7 ist ohne materielle Einbuße verschwunden, das Zentrum und der Königsflügel des Weißen sind stabil und sein Läuferpaar könnte bald sehr bedrohlich werden. Der Anziehende hat zweifellos die Initiative. Auch wenn die Stellung objektiv ausgeglichen ist, liegen die Vorteile in einer praktischen Partie eindeutig beim Anziehenden.

Der Autor bespricht in weiteren Beispielen die gesamte Palette der schwarzen Möglichkeiten. Besonders ist ihm dabei anzurechnen, dass er die Varianten auch aus schwarzer Sicht objektiv betrachtet und das weiße Konzept nicht als Allheilmittel zu verkaufen versucht.

In den Kapiteln zwei und drei werden Grünfeldindisch-Strukturen untersucht. Hier unterscheidet Lemos den Grünfeld mit c6 und ohne c6. Wenn der Schwarze nach klassischem Vorgehen d5 ohne c6 durchsetzt (1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.g3 d5), erhält Weiß meist ein solides Zentrum, da der Tausch der Springer auf c3 nicht möglich und daher c5 nicht mehr so kräftig ist. Versucht Schwarz hingegen das Zentrum mittels e5 anzugreifen, schränkt er den Wirkungskreis seines Lg7 ein. Ein Beispiel:

1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.g3 Lg7 4.Lg2 d5 5.cxd5 Sxd5 6.e4 Sb4
Der Hauptzug Sb6 wird später untersucht.
7.a3 S4c6 8.d5!
Der Springer, der sonst auf c3 eine Schwäche schafft, wird über das ganze Brett getrieben! Schwarz hoffte auf die nachfolgende Sequenz, doch das erweist sich als Strohfeuer …
8…Sd4 9.Se2 Lg4 10.Sbc3 Sf3+ 11.Kf1

Hier scheitert nun die schwarze Rochade an h3 nebst g4 mit Figurenverlust. Somit muss der Springer wieder nach d4 zurück und Weiß kann „per Hand“ rochieren. Die Stellung ist alles andere als klar, aber der klassische Grünfeldindisch-Spieler kommt nicht in „seine“ Varianten. Weiß kann sein Spiel durchziehen!

Der Grünfeldinder mit c6 ist eine eher solide, aber auch passive Variante für Schwarz. Lemos weist auf die genaue weiße Zugfolge hin, in der er die Rochade erst einmal zurückstellt, um die beiden Entlastungsideen Se4 und Sg4 zu unterbinden. Ein witziger und lehrreicher didaktischer Trick wird vom Autor angewendet, als er den Leser (erst einmal) aufs Glatteis führt und ihn danach darauf hinweist: „Hast du nicht aufgepasst? Hier stimmt die Zugfolge nicht: Schwarz hätte sich entlasten können!“

Die folgenden Analysen beginnen alle mit folgender Grundstellung:
(1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.g3 c6 4.Lg2 d5 5.Sf3 Lg7 6.cxd5 cxd5 7.Sc3 0-0 8.Se5)

Durch genaues Spiel werden die Nachteile des schwarzen Aufbaus deutlich. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Weiß seinen Minivorteil in den Varianten behalten kann und nur zu klären ist, ob ihn Weiß zum Sieg verdichten kann.

In den letzten drei Kapitel (4-6) werden schließlich die Königsindisch-Strukturen abgehandelt:
– Kapitel 4: …Sc6 und Panno Variante
– Kapitel 5: …d6 und …c6
– Kapitel 6: …Sbd7 und …e5

Der Autor rät dem Weißen nach den Zügen 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.g3 Lg7 4.Lg2 0-0 5.Sf3 d6 6.Sc3 Sc6 7.0-0 a6 zu der interessanten und wenig gespielten Nebenvariante 8.Lf4. Er zeigt viele Ideen, von denen die meisten zu ungewöhnlichen Stellungsbilder führen. Dem klassischen Königsindisch-Spieler dürften diese eher ungeläufig sein, weil er sich ja vor allem mit der Hauptvariante nach 8.d5 Sa5 beschäftigt. Es gibt auch Partien zum Thema 7…Lf5, was e4 verhindern soll (oder auf e4 ein Springerpaar tauschen will) bzw. die weißen Läufer nach Dc8 oder Dd7 auf h3 tauschen möchte. Lemos zeigt klare Wege, wie Weiß stabilen positionellen Vorteil erzielen kann, ohne sich auf das aggressive schwarze Spiel einzulassen.

Im Königsinder mit d6 und c6 zielt das schwarze Spiel vor allem darauf ab, mit Da5 den weißen Aufbau zu stören. Ideen wie e5 oder Dh5 mit dem Plan Lh3 liegen in der Luft. Die Partien verlaufen danach meist ruhig mit einem leichten weißen Vorteil, da er mehr Platz zum Manövrieren hat. Interessant ist, dass Lemos dem Weißen die Angst nimmt, ins Endspiel zu gehen:
1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.g3 Lg7 4.Lg2 0-0 5.Sf3 d6 6.Sc3 c6 7.0-0 Da5 8.e4 Dh5 9.Sg5!

Dxd1 ist nun fast erzwungen, da sonst viele Tempi verloren gehen bzw. nach Tausch auf h5 der schwarze Springer deplatziert wäre.

Das am längsten diskutierte Kapitel gehört dem Abspiel …Sbd7 und e5. Hier ist vom Weißen nach den Zügen 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.g3 Lg7 4.Lg2 0-0 5.Sc3 d6 6.Sf3 Sbd7 7.0-0 e5 8.h3 ein relativ hoher Anspruch an die Varianten nach den verschiedenen schwarzen Möglichkeiten gefordert. Lemos analysiert systematisch die Züge 8…c6, 8…a6, 8…exd4 und 8…Te8 sowie die nach 8…c6 9.e4 entstehenden Möglichkeiten 9…exd4, 9…a6 und 9…Db6. Die Hauptvariante in diesem Abspiel ist aber 9…Da5 und geht folgendermaßen weiter: 10.Te1 exd4 11.Sxd4 Se5 12.Lf1 Le6 (12…Te8) 13.Sxe6 fxe6 14.Kg2 (14.Le3).

Der Anziehende muss hier besonders auf der Hut sein, da wegen Lf1 das Feld f3 besonders schwach geworden ist, was dem Schwarzen taktische Möglichkeiten bietet. Die konkreten Varianten zeigen jedoch, dass Weiß nichts zu fürchten hat und sich häufig das prinzipielle schwarze Spiel im späten Mittelspiel in positionellem Nachteil niederschlägt.

FAZIT

Mir gefällt das Repertoirebuch The Fianchetto System sehr gut. Es besticht durch Klarheit und Übersichtlichkeit. Die Aufteilung der Systeme ist logisch und leicht verständlich. Es werden viele frische Ideen präsentiert und man bekommt Lust, diese so bald wie möglich in der nächsten Partie anzuwenden! Zudem ermöglichen viele Diagramme auch das Lernen und Lesen ohne Brett. Abgerundet wird das Buch durch einen guten Variantenindex, durch den sich gesuchte Abspiele sehr schnell finden lassen.