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Johannes
Fischer,
Das
Belegexemplar
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von Johannes Fischer
Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne wird etwa alle ein bis drei Wochen aktualisiert und präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.
SCHACH
EINFACH GEMACHT:
Streng
schaut er, der Herr Dr. Tarrasch. Aber womöglich existiert diese
Strenge nur im Auge des Betrachters. Die Schachwelt hat sich angewöhnt,
Dr. Tarrasch als veralteten Dogmatiker abzutun, seine berühmten
Lehrsätze wie "Tempo verloren, Partie verloren", "Springer
am Rande ist eine Schande" oder "Türme gehören hinter
die Freibauern" wurden schon so oft zitiert, dass sie eigentlich
nur noch zur Parodie taugen und Tarraschs lateinischer Ehrentitel Praeceptor
Germaniae wirkt heute altmodisch und pompös - kein Zweifel,
der einst so populäre Schachautor hat viel von seinem Nimbus eingebüsst. TARTAKOWER
- SPIELMANN 1.f4
d5 2.Sf3 Sf6 3.e3 e6 4.b3 c5 5.Lb2 Sc6
Auch
der Kommentar zu diesem Zug verblüfft durch seine Genauigkeit -
und dadurch, dass er Geschichte und Idee eines typischen Manövers
der erst später populär gewordenen Nimzo-Indischen Verteidigung
en passant erläutert: "Droht auf c6 einen Doppelbauer zu verursachen,
ihn mit c2-c4 zu fixieren und dann mit dem Manöver Sb1-c3-a4, La3
und Tc1 den Bc5 anzugreifen, wodurch der ganze Damenflügel des
Schwarzen gelähmt wird, ein Stratagem, das bereits - wenn nicht
schon früher - von dem Engländer Elijah Williams in dem Londoner
Turnier 1851 (wo er Howard Staunton mit 4:3 Punkten besiegte) mehrmals
angewandt worden ist. Später ist es hauptsächlich von Simon
Winawer adoptiert worden (S.438)".
28.Txe6! Kxe6 29.Dg4+ Kf6 30.Tf1+ Kg7 31.De6 Tgf8 32.Lxd4+ Txd4 33.De7+ Kg6 34.Dxf8 1-0 Aber
in seiner Suche nach einfachen Aussagen geht Tarrasch oft zu weit. Dann
erscheinen seine Urteile dogmatisch und oberflächlich. Er weigert
sich, die Komplexität des Schachs anzuerkennen und in solchen Momenten
scheint das Spiel für ihn nicht mehr als ein schwieriges, aber
schließlich doch lösbares Rätsel zu sein, dessen Reiz
darin liegt, dass er, Tarrasch, es so gut meistert. So schreibt er über
die heute als dubios geltende Breslauer Variante im Offenen Spanier
(1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0-0 Sxe4 6.d4 b5 7.Lb3 d5 8.dxe5
Le6 9.c3 Le7 10.Te1 0-0 11.Sd4 Sxe5 12.f3 Ld6): "eine Opferkombination,
die im Frühjahr 1913 von mir gefunden und bald darauf - unabhängig
von mir - von K. Bergmann in Breslau veröffentlicht wurde. Die
Breslauer Variante, wie diese Fortsetzung genannt wird, verschafft dem
Schwarzen einen so heftigen Angriff, dass sich seitdem noch niemand
in einer ernsten Partie als Anziehender auf sie einlassen wollte. ...
[A]ller Wahrscheinlichkeit nach haben wir in ihr eine Widerlegung des
stärksten Angriffs in der Spanischen Partie und somit die Lösung
des dreihundertjährigen Rätsels, das der spanische Priester
Ruy Lopez der Schachwelt aufgegeben hat (S.83)". LASKER
- JANOWSKI 1.e4 e5 2.f4 Lc5 3.Sf3 d6 4.c3 Lg4 5.d4 Lxf3 6.gxf3 Dh4+ 7.Ke2 Lb6 8.Sa3 f5 9.Sc4 fxe4 10.fxe5 dxe5 11.Sxe5 Sc6 12.Sxc6 bxc6
Hier
schreibt Tarrasch: "Jetzt wird allmählich klar, dass die Anlage
der weißen Partie verfehlt gewesen ist. Weiß hat erst eine
einzige Figur entwickelt, nämlich den König. Für das
Endspiel ist das sehr gut, für das Mittelspiel aber sehr schlecht.
Der König ist nicht mehr durch Bauern oder durch den Springer genügend
geschützt, die e- und f-Linien sind offen oder leicht zu öffnen.
... Die Partie ist strategisch schon beinahe entschieden und der gerechte
Kritiker wird nicht umhin können, Janowskis Genie in der Anlage
dieser Partie mit Bewunderung anzuerkennen (S.357)". Hier
schlägt Tarrasch 22...Tad8+ 23.Kc2 Dg4 24.cxb6 Dxg2+ 25.Kb3 cxb6
vor und schreibt: "Schwarz hat das überlegene Spiel, denn
alle weißen Bauern sind vereinzelt, der König steht immer
noch im freien Feld und Schwarz beherrscht die offenen Linien (S.358)".
Tatsächlich verfügt Weiß über mehr Gegenchancen,
als Tarrasch ihm zugesteht, z.B.: 26.Ld4 Sg6 27.Thg1 Dh3 (27...Dxh2
28.Th1 Df4 29.Taf1 Dd2 (besser ist 29...b5 mit zweischneidigem Spiel.)
30.Tfg1 und Weiß hat sehr starken Angriff) 28.Taf1 mit kompliziertem
Spiel, z.B.: 28...Txf1 29.Dxf1! (29.Txf1 Txd4) 29....Dxh2 30.Df7 Tg8
31.Dxa7 mit Chancen für beide Seiten.
Tarrasch:
"Jetzt aber droht Weiß, durch 27.Lf1 seine Dame zu decken
und die schwarze anzugreifen und somit den Tf5 zu erobern. Dass Janowski,
der doch die ganze Partie in großartigem Stil behandelt hat und
jetzt nur die verhältnismäßig leichte Nacharbeit der
Ernte zu leisten hat, diese einfache Drohung übersieht, ist bedauerlich
und würde wenigen Hauptturnierspielern passieren (S.359)".
Wieder irrt Tarrasch. Ebenso wie die Partie die ganze Zeit offen war
und an keiner Stelle eine klare Gewinnfortsetzung für Schwarz zu
finden ist, liegen die Dinge auch hier alles andere als einfach. WEITERE VERWEISE: Biographisches
Material über Tarrasch liefert Harald
Ballo.
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